Marilyn Manson – We Are Chaos

von am 29. September 2020 in Album

Marilyn Manson – We Are Chaos

Marilyn Manson beschwört auf seinem elften Studioalbum vielleicht We Are Chaos, hat mit Produzent Shooter Jennings aber einen zutiefst bekömmlichen Poprock mit Glam-Tendenzen gebastelt. Was dann übrigens zu keinem Zeitpunkt irgendwie nach Bon Jovi klingt.

Während Brian Warner selbst Elton John als Inspiration aufführt, zeigt das Leben den 51 Jährigen zwei Dekaden nach dem Industrial und Schockrock seiner Hochphase in einem Umfeld aus einem relativ akustischem Setup samt Klavierakkorden vor einer zahmen Band aus der gefühlten Konservendose, David Bowie thront als Inspiration unerreichbar über den 42 Minuten Musik. Verzerrte Gitarren wie im ordentlich stampfend-polternden Riff-Rock des catchy und schmissig auftretenden Openers Red, Black, And Blue bleiben deswegen eine Alibientscheidung, auch wenn Manson sich im Mittelteil mit Infinite Darkness (ein kantenfreier Schatten alter Tage, der neben uninspirierter Pseudo-Angriffslust zumindest die Weisheit „You’re dead longer than you’re alive“ zu bieten hat), der generischen Party Perfume und der 08/15-Bratpfanne Keep My Head Together zu einigen Kompromissen für die Fanbasis durchringt.
Dass diese für Puristen eventuell ansprechendste Phase der Platte allerdings ihre schwächste ist, liegt auch daran, dass Manson diese gefällige Poppigkeit und das einhergehende Gewicht auf relativ entschlacktem Songwriting anstelle knalliger Effekte durchaus steht, freilich auch in Relation zu den eigenen Ansprüchen.

Der Titelsong zieht auf Synthieschwaden gefällig zum Ohrwurm nach vorne, obgleich der catchy Refrain zu oft repetiert wird. Don’t Chase The Dead ist wie auch das nette Half-Way & one Step Forward (samt Cohen-Verneigung) ohne jede Gefährlichkeit harmlos und eingängig, das luftige Paint You With My Love plätschert unbeschwert klimpernd, bietet gelöst-freundliche „Uhuhuuuu“s und die Erkenntnis dass „But a death dream for you/ It’s not a life sentence“.
Die eigentliche Crux zeigt sich jedoch am Ende von We Are Chaos. Solve Coagula hätte mit mehr Mut zum elaborierten Ausbruch und ohne die zu sehr auf Sicherheit bedachte Produktion von Jennings packend und mitreißend zur Hymne abheben können, langweilt aber ähnlich beiläufig und wohlwollend, wie die groß aufmachende Halbballade Broken Needle, die ihre PS einfach nicht auf den Boden bekommt. So angenehm und kurzweilig We Are Chaos damit auch ausgefallen ist, so sehr hätte Manson den Titel doch etwas mehr Folge leisten sollen – oder zumindest hier und da ein wenig mehr radikales Risiko in seiner teilweisen Neuerfindung, die hiernach hoffentlich konsequent weiterverfolgt wird, forcieren.

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