Morrissey – World Peace is None of Your Business

von am 19. Juli 2014 in Album

Morrissey – World Peace is None of Your Business

Gute Vorzeichen sehen anders aus: zuerst fand der Mozzer kein Label um sein zehntes Studiowerk zu veröffentlichen, dann gab es neben den obligatorischen menschenfeindlichen Radau reichlich Stunk auf Tour und die Promoexemplare wurden vorsichtshalber weitestgehend spät genug verschickt um keine Pre-Release-Review möglich zu machen. ‚World Peace is None of Your Business‚ ist nun das entsprechende Album dazu. Nur weniger spannend.

Seit ‚Years of Refusal‚ ließ Morrissey seine Fans entlang der zweitlängsten Pause zwischen zwei Alben darben – noch ausführlicher geriet nur jene um die Jahrtausendwende, nach ‚Maladjusted‚. Damals meldete sich der launige Ex-The Smith-Sänger bekanntlich mit dem zeitlosen Comeback-Hitfeuerwerk ‚You are the Quarry‚ zurück. Dass ‚World Peace is None of Your Business‚ nicht in dieser Geniestreich-Tradition stehen würde durfte man schon anhand der ausgekoppelten Vorabsongs erahnen, aber auch durch zwei gravierende kooperative Umbrüche befürchten: Joe Chiccarelli ersetzt am Produzentenstuhl den verstorbenen Jerry Finn und platziert den Sound von ‚World Peace is None of Your Business‚ reichlich unausgegoren zwischen käsigen Synthiewattierungen, die im Hintergrund Kompositionslöcher füllen sollen, sowie einem hüftsteifen Altherren-Rockismus, der hier und da die Gitarren bratzen lässt, aber abseits markanter Posen kaum Druck aufzubauen versteht. Die Bridge des Flamenco-beschwingten ‚Earth Is the Loneliest Planet‚, das Finale von ‚Kick the Bride Down the Aisle‚ oder die unerfüllend verglühende Akustikgitarrenskizze ‚Mountjoy‚ (eigentlich ein episch anmutendes Ausbreiten einer melancholischen Melodie)? Ausstaffiert mit offenbar wahllosen Zusammenfügung von verschnörkelten Effekten vor und hinter den Grundmotiven: Chiccarelli konzentriert sich leider deutlicher darauf unnötige Ausschmückungen zu drapieren, als den Fokus auf das Wesentliche zu legen.

Dazu hat Morrissey die sich bereits auf ‚Years of Refusal‚ dem Ende zuneigende Beziehung zu seinem ehemals kongenialen Kumpanen Alain Whyte restlos gekappt. Seit ‚Ringleader of the Tormentors‚ an Bord rückt Ex-Mother Tongue-Mann Jesse Tobias als Songwriterassistent in die erste Reihe zu Boz Boorer nach, kann die klaffende Lücke neben dem langsam verblasendem treuen Gefolgsmann Boorer aber nicht füllen. Gemeinsam sucht man nun dennoch nach neuen Ansätzen und findet diese neben einer weniger breitbeinigen Rocker-Haltung als zuletzt vor allem auf globaler Ebene und den Arrangements: bei auftauchenden Didgeridoos, spanischen Gitarren, Harfen, Bläsern, Glockenbimmeln und sonstigem Brimborium – kurzum: weiterem Beiwerk – nicht aber bei herausragenden oder packenden Songs.
Neal Cassidy Drops Dead‚ ist spätestens ab der Hälfte nur noch ein zielloses Gleiten über sein wenig originelles Stakkato-Riff, ‚Kiss Me Alot‚ eine ereignislos schunkelnde Nummer-Sicher-Popnummer mit Ohrwurmgarantie und glattgeschliffenem Verfallsdatum. ‚Staircase at the University‚ stampft billig Richtung pseudo-euphorisierendem Formatradiofutter, ‚Istanbul‚ versucht Gedanken an klassische Smiths-Melodien zu evozieren, krankt dabei aber am immanenten Fakt, dass Morrissey und seiner Band niemals der ultimative Zug zur furiosen Hook gelingen will, keine magischen, wahrhaftig erinnerungswürdigen (Klassiker-tauglichen) Momente anvisiert werden, sondern ausnahmslos gallig, schwülstig und umständlich um solide Ideen gerockt wird. Nicht nur das kurze Intermezzo-Geplänkel ‚The Bullfighter Dies‚ wirkt dabei textlich so unheimlich platt („Mad in Madrid, ill in Seville/ lonely in Barcelona/Then, someone tells you and you cheer…„) wie als Speerspitze der üblichen und längst bekannten Morrissey-Slogans und Motive fungiered: „¡Hooray!, ¡hooray!/The bullfighter dies/and nobody cries…/Nobody cries, because we all want the bull to survive.

Die Botschaften Morrisseys sind standardisiert, hier aber so schablonenhaft und aufgesetzt wie noch nie zuvor. Natürlich gelingen ihm auch diesmal einige verschmitzte Trademark-Einzeiler in der eigenen Komfortzone. Nur: große Emotionen, bewegende oder gar intime Augenblicke, sie sucht man hier vergebens. In allzu vielen Momenten wirkt ‚World Peace is None of Your Business‚ deswegen wie eine routiniert abgelieferte Auftragsarbeit, die der Mann mit der Ausnahmestimme zwar mit professioneller Hingabe schmettert, aber dabei eben zu oft keine erschütternden Gefühle transportiert; verkrampft – nein, nicht verspielt! – und ohne jene Leichtigkeit agiert, die selbst ‚Years of Refusal‚ noch beflügelt hatte. Uninspiriert will man das alles gar nicht nennen, sucht Morrissey mit seinen Mannen doch durchaus nach neuen Ansätzen, vertändelt sich aber kaum spannend innerhalb der Möglichkeiten zwischen kreativen Sackgassen und einer ehrwürdigen Gefälligkeit, an die man sich als Fanboy dankbar klammert.
Dass das charismatische Eckelpacket Morrissey derart satt immer noch über eine der begnadetsten Organe im Business verfügt stemmt das verbaute, nur langsam wachsende ‚World Peace is None of Your Business‚ doch noch auf einen höheren Level der Unterhaltsamkeit. Dazu gesellen sich Songs wie das theatralische pulsierende, vorhersehbar plumpe aber effektiv-divenhafte ‚I’m not a Man‚, das mit schöner Grandezza Anlauf nehmende ‚Smiler With Knife‚ oder das angenehm zeitlos schwelgende ‚Oboe Concerto‚, die das Gesamtbild zusätzlich korrigieren. ‚World Peace Is None of Your Business‚ ist eine Enttäuschung, vielleicht vor allem eine orientierungslose Übergangsplatte, die dennoch ein besseres Album hätte werden können, ja müssen, nicht nur wenn ein anderer Produzent die ergiebigen Sessions betreut hätte: die sechs Songs der reichhaltigen Deluxe-Edition stechen ein Gros der regulär aufgefahrenen Nummern aus.

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