Nick Cave & The Bad Seeds – Live God

von am 19. Dezember 2025 in Livealbum

Nick Cave & The Bad Seeds – Live God

Da kann die versammelte Mannschaft im Booklet der Platte noch so traurig schauen: Live God ist ein den süchtigen Fan glückselig machendes, im Endorphinschub taumeldes Stück an beinahe unverschnittenem Nick Cave & The Bad Seeds-Heroin.

Dass sich der Australier im Tandem mit Warren Ellis ausgerechnet über aus Push the Sky Away (2013), Skeleton Tree (2016) und Ghosteen (2019) zu einem stadiontauglichen Prophet mit immenser Massenanziehung ausgewachsen hat, ist sicher eine der erstaunlichsten Entwicklungen der 10er Jahre. Aber eben auch eine durchaus schlüssige, wie Live God, der Tour-Nachhall zum eher unterwältigenden Wild God aus dem Vorjahr, nun eindrucksvoll unterstreicht.
Das Repertoire von Cave ist schließlich seit jeher mit überlebensgroßen, für die Gemeinschaft gemischten Hymnen durchzogen, wie auf Live God von all den aufgefahrenen Klassikern vor allem das durch unzählige Kehlen hingebungsvoll mitgetragene Red Right Hand (samt einem wenig Anklang findenden Präsent) oder die eindringlich unter die Haut gehende Andacht Into My Arms unterstreichen. Aber auch das frenetisch eingeklatschte, zum energischen Call and Response werdende Tupelo oder das nahtlos aktualisierte Frühwerk From Her to Eternity halten die Mitmach-Animation nicht im Zaum.

In O Children, einem der Highlights der Show, singt Cave zwar zum ersten Refrain hin, dreht dann aber ab, und verfolgt zufrieden, wie die Ladies des Backing Chors diesen alleine stemmen – während des dritten blickt er bereits freudig dem knarigen Gitarrensolo entgegen.
Die vom (zuletzt auch im Alleingangs unterwegs gewesen seienden) Boss-Duo produzierte Platte hat dafür einen starken Sound bekommen, der die tolle Stimmung bei (den stets im richtigen Moment nach vorne geholten) Besuchern und der Band – Nick Cave (vocals, piano), Warren Ellis (violin, tenor guitar, synthesiser), George Vjestica (guitar), Colin Greenwood (bass), Larry Mullins (drums, timpani, percussion), Carly Paradis (keyboards), Jim Sclavunos (percussion, vibraphone, tubular bells, drums) sowie Wendi Rose, Janet Ramus, T. Jae Cole und Miça Townshend (allesamt: backing vocals, percussion) – unmittelbar einfängt.
Der Mix macht gefühlt jede instrumentalen Facette spürbar, schafft mit direkter, kraftvoller und natürlicher Dynamik Raum – alle Beteiligten wollen die Songs einfach unbedingter.

Was gerade auf die Songs von Wild God zutrifft, die hier (die Hälfte der im Idealfall 16 Songs starken Trackliste ausmachend) allesamt stärker zünden, als auf der Studioplatte. Sie klingen nun majestätischer und packender, finden zwingender auf den Punkt und wachsen auch durch die ikonischen älteren Diskografie-Kollegen als Nachbarn. Am deutlichsten wird dies in Conversion, das sich in einen exzessiven Rausch hineinsteigert, bevor das unsterblich schöne Bright Horses zu Joy, I Need You und den homogen eingefügten Carnage-Titelsong führt.
Die Übergänge zwischen dem von September bis November 2024 gesammelten Material wurde so rund wie möglich zusammengebastelt, das Momentum wird nur bedingt ausgebremst. Und sicher wird mit Blick auf entsprechende Setlists dieses Zeitraums noch der einenen oder anderen nicht auf Tonträger gebannte Song vermissen. Wirklich schade ist allerdings eher, dass auf Vinyl rund eine Viertelstunde Spielzeit – oder: das melancholisch gedrosselte Schwelgen Long Dark Night, das immer noch zerfahrene White Elephant bzw. die ätherische Meditation O Wow O Wow (How Wonderful She Is) – der regulären digitalen/ CD-Version fehlt. Dabei gehört die schhön aufgemachte Platte doch ohne Wenn und Aber in die Fan-Sammlung.

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