Nine Inch Nails & Boys Noize – Nine Inch Noize
Nine Inch Noize hält – inhaltlich und qualitativ – was der Nine Inch Nails und Boys Noize amalgamierende Titel verspricht. Zumal diese Quasi-Fortsetzung des Challengers-Updates seit der gemeinsamen Peel it Back-Tour im vergangenen Jahr zudem praktisch unumgänglich war.
Insofern ist es auch die größte Tugend dieses lange im Inkubator geköchelt habenden Hybriden von Nine Inch Nails-Material aus der technofizierten Boys Noize-EDM-Perspektive als Mittelding von Studio-Remix-Projekt und Live-Kooperation (die im Studio nur auf Alexander Ridha, Trent Reznor und Atticus Ross baut, aber laut offiziellen Credits auf Mariqueen Maandig verzichtet – auch wenn es sich immer wieder anders anhört) wie rundum schlüssig sich die 47 Minuten der Platte anfühlen.
Am deutlichsten wird dies vielleicht ausgerechnet anhand von Closer, weil der Reznor-Klassiker sich absolut nahtlos in seine neue Haut einfügt, als wäre es die natürlichste Sache der elektronischen Welt. Nine Inch Noize muss sich, die Erwartungshaltung praktisch nahtlos erfüllend, insofern auch nur wenig vorwerfen lassen.
Primär, dass die Platte nach besagtem Closer als Benchmark doch einen merklichen Abfall in der Qualität (respektive eher der Songauswahl) aufzeigt. The Warning ist auch jenseits (des für die Album-Zusammenarbeit am meisten Songs beigesteuert habenden Schicksalswerks) Year Zero ein relativer Filler, der seine angenehm unaufgeregte Gangart in einem gar zu vorhersehbar ausgelassenen Abgang verabschiedet. (Schließlich ist der Tritt aufs Tanzflächen-Gaspedal zu diesem Zeitpunkt des Werks ein schon allzu bereitwillig eingesetzter Kniff für die Dynamik.)
Der Standard Came Back Haunted täuscht eine latent vielschichtigere Gangart zumindest an und überzeugt vor allem deswegen, weil das Soft Cell-Cover Memorabilia zuvor redundant bleibt, bevor das zutiefst generische Tron: Ares-Aushängeschild im Refrain keinen zwingenden Druck erzeugen kann und Nine Inch Noize auf einer unverdient langweiligen Note zu abrupt und ohne Aha-Effekt beendet. Das war’s jetzt?
Dass der Zusammenschluss danach noch viel zu sagen hätte, ist offenkundig: Wo Luft nach oben bleibt, entlassen Nine Inch Noize vor allem mit der Lust auf mehr von dieser kongenialen Achse.
Und bis Closer machen die beiden Parteien zudem angemessen Stimmung – vom Spannungen aufkochenden Intro weg jubelt die versammelte Menge nicht grundlos. Auch wenn man an dieser Stelle festhalten muss, dass das Konzept des Projekts auf etwaigen richtigen Live-Erlebnissen oder auch -Mitschnitten mit einer gesteigerten physischen Komponente noch besser (kraftvoller? radikaler?) funktioniert, als im Studio.
Die Beats hämmern, pumpen und stampfen, die Elektronik brutzelt und knistert, die Gitarren braten synthetisiert. Das Publikum bleibt als organische Komponente und Bindemittel immer wieder aufbrandend spürbar, wenn auch manchmal nur als Ahnung hinter dem schaltkreisschwanger gehenden Rock im Club.
She’s Gone Away hat einen stylischen Drive fern abseits von Not the Actual Events, weibliche Facetten in den Vocals und mutiert joggend zum pulsieren Sprint auf die Tanzfläche, wo auch Heresy seine Dynamik aus dem Midtempo-Zug nach vorne im dystopisch bouncenden Abgang auflöst und sich neu erfindet. In der How to Destroy Angels-Leihgabe Parasite kontrastieren sich der vehemente House-Beat und der ätherische Background butterweich, derweil der Refrain Industrial-Gitarren verschraubt. Copy of A atmet atmosphärisch durch und setzt sich im Techno in Bewegung, bevor auch Me, I’m Not nur andeutet mehr Freude an der Bandbreite und Ruhe zu haben.
Dieser MO, dass nahezu alle Songs letztlich einer allzu hämmernder Direktheit folgen und in leichter Durchschaubarkeit ohne wirkliche Risiken oder zu erarbeitender vertrackter Herausforderung bestenfalls kurze Alibi-Verschnaufpausen gönnen, macht Nine Inch Noize dann zwar nicht zu einem interessanteren Album – aber durchaus zu einem schweißtreibend wollend konsequenteren.


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