Nuke Festival [29.08.2015: Messe, Graz]

von am 5. September 2015 in Featured, Reviews

Nuke Festival [29.08.2015: Messe, Graz]

Unverhofft kommt oft. Die Premiere des Festivalklassikers Nuke am Grazer Messegelände war eigentlich keine Option im persönlich Festivalkalender. Mit 80 Euro für einen Tag recht teuer, die österreichischen Senkrechtstarter Wanda und Bilderbuch zugunsten namhafter  deutscher Bands am frühen Nachmittag platziert und 24.000 Menschen am relativ kleinen Messegelände; allesamt Gründe das Festival auszulassen. Doch Fortuna (und Merchzilla) sei Dank, gewonnene Karten ermöglichten doch noch ein ebenso hochsommerliches wie chaotisches Festivalvergnügen. 

Kayef und Olympique, die zu Opening Acts „verdonnert“ wurden, konnten einem wirklich leid tun. Bei gefühlten 40 Grad und hoch stehender Sonne mussten sie das Nuke Festival eröffnen. Nur wenige verirrten sich in die spärlich besetzten Reihen des Wavebreakers, das Gros der Besucher wartete entweder in langen Schlagen beim Einlass (und der nahen BP-Tankstelle) oder im schattigen Bereich der „Feinen Halle

Stagediving, Schweiss und Amore

Richtig voll wurde es kurz vor 14 Uhr, als sich Marco Wanda und Konsorten stilecht mit weißem Spritzer und Tschik zum Soundcheck einfanden. Einzig die markante abgefuckte Lederjacke fehlte, als ‚Luzia‚ angestimmt wurde. Routiniert, ohne Verschnaufpausen und von einem textsicheren Publikum begleitet, jagten Wanda durch eine Setlist, die mit ‚Schick mir die Post‚, ‚Auseinandergehen ist schwer‚ und ‚Schnaps‚ viele, aber nicht alle Hits von ‚Amore‚ zu bieten hatte. So fehlten beispielsweise der Neuling ‚Bussi Baby‚ oder auch ‚Kairo Downtown‚. Was wohl der Hitze und dem allzu einengenden Zeitkonzept von 45 min (Ernsthaft?!?) geschuldet war. Nach einem ausgedehnten Bad in der schwitzenden Menge verabschiedeten sich die Wiener mit ‚Bologna‚ und der einzigen (Vielleicht ziehen sie uns den Stecker, aber scheiss drauf…) Zugabe ‚Luzia‚.

Organisation mangelhaft

Die Frage, warum Wanda bereits um 14 Uhr auf der Bühne ranmussten, war eine der meist diskutierten im Vorfeld des Festivals. Die Veranstalter argumentierten mit der Fülle an Bands mit Headliner-Potenzial, die gängigste Meinung tippte aber eher auf das Profitdenken der Veranstalter. Die Shootingstars der österreichischen Musikszene 2014 waren zweifellos die Motivation vieler Besucher sich schon um 13 Uhr am Gelände einzufinden und dort auch zu festivaltypischen Preisen (4,50 für ein Bier) zu konsumieren. Mehr Gäste, mehr Rebech. Dies scheint generell die Devise von Arcadia-Live gewesen zu sein, 24.000 Menschen auf das Grazer Messegelände zu drängen. Den Organisatoren war anzumerken, dass es eine Premiere in der Mur-Metropole war. So wurde speziell das Thema Wasser zum Aufreger. Via Homepage und Festival Guide ob der erwarteten Hitze großspurig angekündigt, war vom frei verfügbaren Trinkwasser am Gelände keine Spur. Auch beim Personal herrschte Ratlosigkeit, es gab lediglich Kompetenzweiterweisungen österreichischer Art und Verweise auf das Soda um 3,50 Euro. Die einzige auffindbare Wasserquelle wurde von einer langen Menschenschlange blockiert. Es sollte mehrere Stunden dauern, bis mehr schlecht als Recht Abhilfe geschaffen wurde.

Natürlich mag es angesichts der Ereignisse in Traiskirchen, der A4 und dem Wiener Westbahnhof wie ein klassisches First-World-Problem anmuten, sich auf einem Festival über die Wasserversorgung zu mokieren. Jedoch ist es angesichts der Hitze auch vom gesundheitlichen Standpunkt aus grob fahrlässig.

Apropos Traiskirchen: Die Aktivisten von Mono und Nikitaman enterten nach einer kurzen Umbaupause unmittelbar nach Wanda die Nuke-Bühne, um mit ihrem tanzbaren Reggae/Dancehall Sound die passende Stimmung zum Sommerwetter zu liefern. Dabei durften selbstverständlich auch Hits wie ‚Digge, Digge‚ oder ‚Stell dir vor es ist Krieg‚(?) nicht fehlen. Wer Mono und Nikitaman kennt, weiß wo ihr Herz politisch schlägt, dementsprechend äußerten sie sich auch am Nuke Festival.

„Braumax“ statt Prinz Pi

Prinz Pi fiel (zumindest für uns) der Hitze und unserem Verlangen nach kaltem, günstigem Bier vom nahe gelegenen Baumarkt zum Opfer. Da der dem Festival angehängte Slow-Food-Market in der Feinen Halle nicht die Geschmäcker aller Besucher traf, waren die angrenzende Tankstelle und Fastfood-Filiale dementsprechend  überfüllt.

Der nächste Act waren die (neben Wanda) zweiten österreichischen Senktrechtstarter 2014 Bilderbuch. Für viele Besucher galten die Oberösterreicher nach ‚Schick Schock‚ als eigentliches Highlight der diesjährigen Nuke-Ausgabe. Und sie bewiesen auch klar warum sie diesen Status zu Recht innehaben. So starteten sie zur Überraschung vieler gleich mit ihrem Überhit ‚Maschin‚ in ihr Set, welches auch passend mit ‚OM‚ beendet wurde. Zwischen diesen Songs arbeitete sich Sänger Ernst Maurice exzentrisch as fuck durch eine gelungene, weil vollständige, Auswahl. Trotz aller Exzentrik erspielten sich Bilderbuch auch noch einen gewaltigen Sympathiebonus, als sie bei ‚Plansch‚ mehrfach Wasserschläuche für die 20.000 verschwitzen Fans forderten und alle verfügbaren Wasserflaschen aus dem Backstage-Bereich dem durstigen Publikum überließen.

Also alles in allem eine schwere Hypothek mit der Cro seinen Auftritt starten musste. Routiniert-bieder und mit kräftiger Unterstützung diverser Bühneneffekte spulte er sein Material ab, ohne wirklich zu überraschen. So blieb auch seine Bühnenpräsenz unnahbar und distanziert. Was keineswegs bedeutet, dass der selbsternannte Erfinder des ‚Raop’s keine gute Show bot oder seine Songs nicht funktionieren, diese waren durchaus Zielgruppen gerecht. Nur eben fad.

Schweigeminute

Was folgte, war die große Geste des Nuke Festivals, jener nachhaltige Moment, an den sich viele Besucher noch länger positiv erinnern werden. Der Veranstalter rief alle (!!!) anwesenden Künstler gemeinsam zur Schweigeminute für die Opfer der Flüchtlingskatastrophe auf der A4 auf die Bühne. Nach dem bewegenden Einspielen der Rede Charlie Caplins aus „Der große Diktator“ und einem kurzen Statement von Nick Tilstra aka Nikitaman folgte eine Schweigeminute, die ein überwältigender Anteil des Publikums auch einhielt.

Mit Parov Stelar betrat danach die letzte österreichische Band des Festivals die Bühne und die verstanden es auch, die gedämpfte Stimmung nach der Schweigeminute aufzunehmen. Gemächlich bauten sie ihren Elektro-Swing immer weiter auf und drückten erst nach einem gefühlten Drittel der Show richtig aufs Gas. Die kurze Spieldauer und der langsame Aufbau ihrer Show ließ einige, die bereits Konzerte der Österreicher besucht hatten, enttäuscht zurück. Es hätte mehr gehen können. Der Rest zeigte sich allerdings feierwütig und schwung sein Bein zu Reißern wie ‚All Night‚ oder ‚Booty Swing‚.

Anschließend ging es genauso schwungvoll mit dem Headliner Seeed in den Endspurt des heißen Nuke-Tages. Ebenso wie ihre Vorgänger fand man die Band in klassischen schwarzen Anzügen und durchchoreografierter Show auf der Bühne vor. Neben Hits wie ‚Ding‚, fanden auch Peter Fox Songs wie ‚Schwarz zu Blau‚ ihren Weg in die Setlist. Songs wie ‚Waterpumpee‚, ‚Dickes B‚, ‚Music Monks‚ oder ‚Alles Neu‚ wurden im Remix präsentiert und  animierten so das Publikum entweder zum Abfeiern oder reaggaemäßigen Schunkeln. Besonders hervorzuheben ist die Einbindung des Publikums, einerseits mit Choreografien (von rechts nach links laufen oder Kleidungsstücke in der Luft schwingen) wie auch die bereits bekannten Cold Steel Drummers.

Durchmischtes Debüt

Damit waren Seeed ein gelungener Abschluss der Premiere des Nuke Festivals in Graz, der Festivalspaß wurde nur durch die phasenweise überforderte Organisation getrübt. So stand während der Seeed-Show ein Teil des Geländes unter Urin, da „überraschenderweise“ die Pissoir-Türme überliefen. Sollte eher nicht passieren, gerade bei einem 1-Tagesfestival.

Die Highlights, Wanda und Bilderbuch, wirkten aus musikalisch-patriotischer Sicht, in der Running-Order deplatziert und hätten sich durchaus einen späteren Headlinerslot verdient, denn vollkommen überzeugen konnten weder Cro noch Parov Stelar. Dennoch ist die Premiere geglückt, wenn auch für die Zwei-Tages-Ausgabe im September 2016 noch Luft nach oben besteht.

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