Old Lines & Will Potter – To Build a Fire

von am 6. Juli 2016 in EP

Old Lines & Will Potter – To Build a Fire

Der finstere Hardcore von Old Lines war immer schon explizit politisch. Durch die Zusammenarbeit mit Will Potter auf To Build a Fire erreicht dieser allerdings in seiner Konsequenz noch einmal eine ganz neue Dimension.

Die Kooperation der Band aus Baltimore mit dem nahtlos zwischen seinen Tätigkeiten als Journalist, TEDRedner, Uniprofessor, Autor, Blogger und Aktivist wandelnden Amerikaner ergibt vielleicht nicht auf den ersten, aber spätestens auf den zweiten Blick durchaus Sinn. Neben Credits für Filme wie Cowspiracy hat Potter seine Arbeit schließlich immer schon auf eine breite Basis gestellt, die spätestens bei der Zusammenarbeit mit Rise Against auf We Will Never Forget, einer B-Seite der von Green is the New Red inspirierten The Black Market-Nummer The Eco-Terrorist in Me, Zugang in den allgemeinen Punkrock-Kontext fand, dazu ohnedies bereits in der musikalischen Sozialisierung des leidenschaftlichen Fans („Punk rock has probably been the single most powerful influence on my life.„) wurzelt. Voraussetzungen also, unter denen die stets politisierenden, sozialkritischen und schonungslos auftretenden („One of the things about punk rock that has always been important to me is the potential for social impact.„) Old Lines  nur zu bereitwillig in ihre Welt einluden, um gemeinsame Sache zu machen.
Am Ende steht nun eine Symbiose, die zumindest Potter aus der Wohlfühlzone treibt, aber dennoch auf einer Wellenlänge ausgerichtet ist: „We worked together from the start. I prepared my spoken word pieces to fit with their lyrics. We went to the studio together, and brainstormed how to make all the tracks flow together as one cohesive project. (…) At every step, we wanted to merge our work.

Der homogen ineinander übergreifende Fluss der beiden Parteien ist dann tatsächlich einer der großen Stärken von To Build a Fire: Old Lines bilden mit zwei Paradeexemplaren ihres wüsten Hardcore-Bestiariums den Rahmen, in dessen Mitte Potter gedankenvoll thront. Die Grenzen zwischen den jeweiligen Hohheitsgebieten sind theoretisch klar erkennbar, doch verschwimmen sie vereint in der Sache und durch die Inszenierung zu einem atmosphärisch enorm stimmungsvolle Reißwolf, der praktisch unmittelbar von 0 auf 100 geht.
Hypothermia ist wutschäumend ballernder Hardcore – metallisch, aggressiv und schmutzig an der Grenze zum Crust, typisch Old Lines eben. So unvermittelt wie kohärent kippt das Szenario mit Paradoxical Undressing jedoch in akribisch rezitierende Spoken Word-Gefilde. Vom eröffnenden Tumult sind im Hintergrund nur dröhnende Feedbackspuren geblieben, die immer weiter verblassen und eine trügerische Oase der Ruhe im Mittelteil der Split-EP erschaffen. Während Potter sich geduldig (und auch irritierend beherrscht) entlang einer nüchternen Performance zu Compassion Fatigue arbeitet, wird er zwischen den Zeilen doch noch beschwörender und landet bei einem regelrecht banal anmutenden Conclusio: „You’re not alone. Now wake up and fight„. Im Kontext freilich das zündende Stichwort für den finalen Hassbatzen. Plötzlich platzen Old Lines nämlich wieder in das Geschehen, greifen die losen Fäden der dissonanten Gitarrenrückkoppelungen auf und lassen mit You Lie like a Corpse ein groovend bellendes Punkungetüm von der Leine, das alle Vorzüge von Matt Taylor, Jake Berry, Calvin Joiner und Mitchell Roemer noch einmal bündelt, und die rauhe Masse ihres brodelnden Sounds mit entfesselt hetzender Leichtigkeit über die Klippe schickt.

In To Build a Fire manifestiert sich so eine Zusammenarbeit, von der damit letztendlich jeder profitiert. Potter, indem seine Texte eine radikalere, körperlichere Bühne mit intensiver Durchschlagskraft serviert bekommen. Old Lines, indem sie ihrem Songwriting eine atmosphärische Varianz abverlangen, die auf den dichter gedrängten الشعب يريد إسقاط النظام‎ und No Child Left Behind nicht diesen atmenden Raum zur Entfaltung bekam. Und alle anderen, weil To Build a Fire direkt über die Bandcamp-Page der Band bei Interesse digital nach großzügigem Name Your Price-Verfahren zu ziehen ist, während die ebenfalls erhältlichen physischen Versionen (schwarz limitiert auf 400 Stück, 50 Exemplare kommen farbig gepresst im Package mit einer signierten Ausgabe von Green is the New Red) für Vinylfreunde ein haptischer Genuss sind.

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