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Oozing Wound – High Anxiety

Mit ihrem angestammten Schlagzeuger finden Oozing Wound auf High Anxiety wieder zurück in präzise Schneise aus thrashigen Riffs, Riffs und Riffs – addieren aber zudem eine verführerische Vorliebe für den Noiserock und komplexere Strukturen.

Ob es nun an der Rückkehr von Gründungsmitglied Kyle Reynolds liegt, der seinen Nachfolger Casey Marnocha für das vierte Studioalbum der Chicagoer Party-Nihilisten und „reisende T-Shirt-Verkäufer“ wieder ablöst, an der Aufnahme in Steve Albinis Electrical Audio Studio oder an gänzlich anderen Faktoren ist letztendlich egal: Oozing Wound drehen nach dem weniger ambitionierten, als vielmehr mäandernd aufgeblähten Vorgänger Whatever Forever für High Anxiety an den richtigen Schrauben, um den Fokus wieder zu kalibrieren.
Alleine die reduzierte Spielzeit zurück auf kompaktere 34 Minuten steht symptomatisch für die präziser gehaltenen Anknüpfungspunkte zu Retrash (2013) und Earth Suck (2014), in denen sich das Trio nun wieder Ballaststoff-effizienter auf seine Stärken konzentriert, diese einmal mehr als dreckige Schleuder aus räudigen Thrash-Riffs, hyperventilierend eskalierenden Vocals und unbarmherzig mitreißenden Crossover-Grooves als pure Nackenmuskel-Unterhaltung destilliert.

Das subtil in die Texturen von Vein Ripper eingearbeitete Saxofon- und Flötenspiel oder die kaum merklichen Effekte in Surrounded by Fucking Idiots alleine erklären zwar nicht gänzlich, weswegen Oozing Wound von einem explizit am Prog orientierten Werk sprechen – strukturell haben die Chicagoer ihre Songs ja immer schon lieber im dynamischen Ringelspiel ans Ziel schlängeln lassen, obgleich sie diesmal eben Abkürzungen wie Umwege gleichermaßen auslassen. Nichts zu ernst nehmen (wieder ein guter Indikator: die humoristisch-ätzenden Songtitel), ohne die Dinge schleifen zu lassen also, nur eben mit dem Fünkchen mehr Komplexität als ohnedies.
So also ist alleine der Opener auch Ausdruck einer gnadenlos bedienten, ausschweifender interpretierten Erfolgsformel, wenn Feedback und rohe Ungeschliffenheit einfach herrlich Kerosin tanken, eund inmal mehr damit beeindrucken, welche unbedingte unbändige Energie die Band selbst auf Tonträger freisetzt. Direkt kurbeln Oozing Wound vor Spannung triefend den Pit zur Mitte hin episch an, der Bass knarzt wie ein hungriger Rasenmäher, zögern die Entladung jedoch enthusiastisch lange hinaus, das Ventil ist dafür ein umso rauschhafteres.

Schwächer wird High Anxiety übrigens nicht ner. Im weiteren Verlauf bedient Die on Mars etwa die pochende Slayer-Referenz, ist Rabatz mit Schlachtruf-Hook („I’m not paranoid!“) und tempodrosselnder Gangschaltung, die am Ende lieber mit der Dissonanz flirtet. Filth Chisel klingt im ersten Moment hingegen gar wie Lightning Bolt, schickt dann aber doch lieber eine sofort zündende Griffigkeit in den Fleischwolf, bevor Riding the Universe mit schwindelerregender Gitarrenarbeit über der bestialischen Rhytmusarbeit hantiert. Tween Shitbag testet dagegen den Noise Rock und poltert zum reißenden Hit – ungeachtet dessen kann man der Band also höchstens vorwerfen, dass sie keine bedingungslos ikonischen Momente außerhalb ihres eigenen Schaffenskontextes servieren: „I’m so sick of rock n roll!

Innerhalb des hauseigenen Rahmens ist High Anxiety aber durchaus eine Platte geworden, die einem die Hoffnung zurückgibt, wo zuletzt eigentlich alles gesagt zu sein schien. Wir haben es hier mit einem Übergangsalbum für Puristen zu tun, wenn man so will. Immerhin flechten Oozing Wound durchaus (wenn schon keine neuen Perspektiven, dann zumindest ebensolche) Ansätze in ihr beißend peitschendes Patent.
Am deutlichsten wird dieser in Birth of a Flat Earther: Das Herzstück setzt bei rückkoppelnd übersteuernden Verstärker ein und versetzt Oozing Wound über einen stoischen Groove in die beinahe dooming walzende Hypnose des brütenden Noiserock, die dem Bandnamen alle Ehre macht und die Chicagoer-Genre-Spezialität endgültig als markantes zweites Standbein neben dem Thrash etabliert.
Ob das dann progressiv ist, wenn da offenbar jemand die Gitarrenlinien im Falsett begleitend mitfistelt, ist eigentlich egal. Immerhin lässt sich dabei nicht nur die gewisse Liebe zum Detail feststellen, die High Anxiety als hauseigenen Prog artikulieren, sondern zeigt vor allem, wieviel Spaß Oozing Wound immer noch und endlich wieder an ihrem schweißtreibend-infektiösen Husarenritt haben. Und der Hörer mit ihnen.

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