POP ETC – POP ETC

von am 13. Juni 2012 in Album

POP ETC – POP ETC

Politisch korrekt sind The Morning Benders POP ETC inzwischen benannt, dafür gabs Applaus. Dazu liefern sie nun auch die Produktbeschreibung im Bandnamen, das spart Irritation. Oder auch nicht: Denn wer trägt letztendlich Schuld an diesem musikalischen Verbrechen?

Ist es der Umzug von Kalifornien nach Brooklyn gewesen, die Umbesetzung an der Gitarre (Chris Chu´s Bruder Jon anstelle von Joe Ferrell) oder das Mitsitzen von Danger Mouse Brian Burton und Kanye West Spezi Andrew Dawson am Produzentenstuhl? Letztendlich bleibt diese Frage ungeklärt, im Rückspiegel wird man jedoch sagen müssen: Simultan mit dem Namenswechsel sind bei Mastermind Chris Chu und seiner fluffigen Band die Sicherungen durchgeschmohrt: Gleichzeitig mit der Ablegung des in England Homosexuelle diffamierenden Bandnamen The Morning Benders hat man sich vom sonnendurchfluteten Indiepoprock von ‚Talking Through Tin Cans‚ und ‚Big Echo‚ verabschiedet, macht die Drohungen der Vorstellungs EP ‚Mixtape‚ wahr und brüskiert Fans des zwischen melodieliebhabenden Flaming Lips und jungen The Shins pendelnden früheren Bandinkarnation mit geschmacksunsicherem Synthiesongs, die aufzeigen, dass: POP ETC nun vor allem die neuen Nachbarn YEASAYER gut finden; es egal ist, wer nun Gitarre spielt, weil man diese ohnedies nicht mehr hört; und es generell eine schlechte Idee ist, jemanden ins Studio zu lassen, dessen Zamapanokumpel nichts gegen käsige Keyboardflächen, zeitgenössisch beliebige R&B Beats aus der Konserve und massenhaft Autotune einzuwenden hat.

POP ETC‚ kurvt so durch die schlimmsten Momente der 90er und verklärt die 80er zum heilsbringenden Jahrzehnt der Popmusik. Man mag Madonna und Kanye West gleichermaßen, scheitert aber daran, diese Vorlieben in einen stilsicheren Indiekontext zu bringen, indem denkwürdig dünne Synthieflächen und plukernd Synthpopsperenzchen an vorderster Stelle Chus einst so knuffigen Songwriting forcieren: das klingt nicht selten danach, als würden POP ETC versuchen Death Cab for Cutie C-Seiten auf einem halbprofessionellen Einweg-Keyboard nachzuspielen, da finden Broken Bells und Passion Pit gleichzeitig neben Discovery und  Maroon 5 statt:  Eben ein ‚New Life‚, vom ersten bis zum letzten Ton, in seiner Konsequenz schon auch beeindruckend. Der unverkennbare Neuanfang verstört dann aber ohnedies weniger durch seinen stringenten Bruch zum bisherigen Schaffen der Band als unaufgeregte Elektroanlehnung, sondern viel mehr  in seiner naiven Penetranz und aufreibenden Plakativ-Philantrophie samt eingependelten Schmalztopflyrics, die zwischen reichlich Love-Plattitüden („If I could give it all back for just one more day with you!„) tatsächlich eher in Fahrwassern von Justin Bieber und der Mickey Mouse Club– Gang wildert.

Back To Your Heart‘ hat als fröhlich hüpfernder Partypop nicht nur reichlich Autotune „Yeah!Yeah!“ in petto, sondern auch geradezu unerträglich cheesy Texte übers Händchenhalten: Herzig wie Chu da gesteht: „I write this song for you/ cause you needed proof“ und dann auf die Frage „Why do we bother?“ ganz frivol selbst antwortet „I’m not your father!„. Es geht freilich nicht immer derart sexuell überhitzt zu, im sommerlich glückseligen ‚Live it Up‚ wird gleich reiner Tisch gemacht: „I ain’t never disrespect no woman/ never called a girl a ho„. Gibt also doch noch echte Gentlemen da draußen, schade nur, dass die sich vor lauter Gutmenschentum nicht mehr auf ihre Stärken konzentrieren können, sondern sich Umweltorden wie „I don’t own an SUV/ so don’t you judge me/ when I roll up on this Schwinn/ I ain’t guzzlin“ an die Brust heften, während im Hintergrund die elektronischen Drums niemanden verschrecken wollen, Loops all die Effekte auf Chu’s Stimme abfedern und das fett pumpenden ‚R.Y.B.‚ dann der Höhepunkt in der ganz unverholene Anbiederung an Bubblegum-Teenpop und handzahme Radioprogramme geworden ist, Marke „Und jetzt alle„: „Rock your body quick and get up!

Das Tüpfelchen auf dem i sozusagen, einem überzuckerten Gutfühl-Melodiewahn, bei dem selbst die wenigen Ecken und Kanten nur kuscheln wollen. ‚POP ETC‚ machen so aus nicht zwangsläufig schlechten Zutaten (ok, diese Texte mal außen vor!) eine phasenweise grauenvolle Melange jenseits aller Geschmacksgrenzen, die sich gegen Ende nur scheinbar zu fangen droht: ‚I Wanna Be Your Man‚ ist vier Minuten Elektro-Dramatik und ‚C-O-M-M-U-N-I-C-A-T-E‚ die fahrig unnötige Daft Punk Reminiszenz an Air während ‚Yoyo‚ am letzten Platz Versöhnung mit den Indiefans als Dancepop-Endorphim an der Grenze zu Phoenix sucht. Wo feststeht, dass nicht jede Idee auf dem plakativen ‚POP ETC‚ eine schlechte ist und da tief drinnen sogar wirklich gute Songs schlummern, aber eben ein grundsätzliches Missverständnis zwischen den Eckpunkten Heldenverehrung, Jugendaufarbeitung, Neuerfindung, Lovesonglyrik und stilbewusster Produktion herrschen. Kann man das also wirklich auf die Grundaussage herunter dividieren, dass das Alles nicht nur verdammt anders, sondern auch viel charmanter, gehaltvoller, herzlicher – wieviel besser das also alles war, als POP ETC noch unter politisch unkorrektem Banner unterwegs waren?

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