Real Estate – The Main Thing

von am 2. März 2020 in Album

Real Estate – The Main Thing

Quo vadis, Real Estate? Auf The Main Thing sucht das mittlerweile mit dem Alter, der Vergänglichkeit und der Sesshaftigkeit konfrontierte Quintett doch noch nach neuen Perspektiven für ihren patentiert tiefenentspannten Sommer-Indiepop.

Nicht überall ist der nach dem Rauswurf von Matt Mondanile verweigerte Neustart mit Julian Lynch als neuem Leadgitarrist auf dem polierten In Mind vor drei Jahren euphorisch angenommen worden. Zu imitieren, was Real Estate mit Atlas bereits verinnerlichet hatten, war vielleicht auf die Nachhaltigkeit bezogen auch nicht die smarteste Idee, auch wenn das vierte Studioalbum einige starke Songs abwarf. Leicht auszurechnen schien zum Thema Real Estate (gerade mit einer Platte wie Days im Kanon) jedenfalls alles gesagt.
Dies scheint mittlerweile auch die Band selbst realisiert zu haben. Zumindest versucht sie den Signatur Sound für The Main Thing abseits der reinen Komfortzone zu adaptieren, wie bereits Paper Cup als Vorabsingle vorwegzunehmen wusste: Sylvan Esso geben Impulse hin zu mehr Groove, mehr Yacht, mehr Funk mit der Conga-Percussion, den retrofuturistischen Vintage-Synthies, den Backing Vocals von Amelia Meath und den Disco-Streichern, sogar einem flügen Solo. Das ist zwar immer noch klar erkennbar Real Estate, und doch ein kleiner Paradigmenwechsel.

In dieser Form bleibt Paper Cup allerdings auch die vergleichsweise radikalste und mutigste Mutation hin zu neuen Gefilden. Auf sich alleine gestellt geht die Band nämlich im weiteren Verlauf eher einen Schritt zur Seite, als dezitiert nach vorne, wenn etwa Gone auf einen minimalistisch Kraut-Beat aus der vermeintlichen Konserve baut und sedativ zu alternativen Wurzeln der Band schielt, oder Friday mit seinem Lounge Bass zur eigenen Moon Safari aufbricht, auch wenn der Song letztendlich doch eher in angestammten Gefilden verweilt, trancebewusst mäandernd nicht in Gang kommt.
Gerade dieser Opener ist jedoch symptomatisch für das Wesen der Platte: Real Estate unterspülen ihre Trademarks vorsichtig, lassen ihrem „neuen“ Gitarristen dabei aber endlich seine eigene, psychedelischer angehauchte Identität mit folkig schrammelnden Akkorden durchgehen, anstatt ihn in das Gefüge der restlichen Gruppe pressen zu wollen.
You plätschert so verspielt über die gnödelnde Basslinie, betritt spätestens beim verträumt über das Trapez tänzelnden Gitarrensolo sowie dem subtil auszumachendem Saxofon (?) jenen dezenten Softrock, den Jonathan Wilson ansonsten pflegt. Auch die Art der anführenden Slide-Gitarre in Falling Down entspannt sich nun weiter in den 70ern und einer Laurel Canyon-Relaxtheit, wie sich die gefühlvollen Streicher-Arrangements exquisit zurückhalten. Also a But perlt wie eine oszillierende tröpfelnde Vintage-Erinnerung an die vergangenen Tage des Indie, und ein jammender Ausritt darf den Song nur scheinbar aufdröseln: Real Estate bäumen sich tatsächlich noch einmal auf.

All diese Momente gehören zum stärksten, weil erinnerungswürdigsten und akzentuiertesten, was die Band seit langem zu bieten hatte, weil sie die hauseigene Gefälligkeit in anderen Schattierungen und Facetten ausleuchten als bisher.
Doch in Summe münden diese Maßnahmen dennoch nur in einem ambitioniert aus der Sackgasse führend wollenden, aber vor allem unausgegorener Gesamtwerk, dem hier und da ein selektiveres Herangehen an eine Trackliste durchaus gut getan hätte: Zumindest die beiden Instrumentalstücke Sting (eine zu planlos über den Rhythmus laufende Redundanz, die den Fluß der Platte ausdünnt und unnötige Längen erzeugt) sowie Brother (das mit seinem akustischen und losen Geschwurbel zur übergeordneten Stimmung passt, aber substanziell nur leere Meter addiert – gerade als Closer) hätte man  ersatzlos streichen können. Dazu fällt beispielsweise auch der Titelsong (der sich zwar betont lebendig gibt, auch salopp mit Synthies liebäugelt, aber bis auf sein von der Leine gelassenen Lynch-Ausglug belanglos und nebensächlich bleibt) nuanciert ab.

Anderswo bringen vielversprechende Ideen ihre PS nicht befriedigend genug auf den Boden. Das munter und aufgeweckt der Nostalgie davonschunkelnde November lässt die pointierten Saiten mit einer Lockerheit nonchalant komplex und detailliert ineinandergreifen, doch verläuft sich die Nummer wie ein zielloses Intermezzo, das primär jene Agenda unterstreicht, in der Trackliste an der Dynamik und einem weniger gleichförmigen Tempo zu arbeiten. Shallow Sun ist dagegen weniger Neuland als eher eine grundlegend typische Nummer, die sich nur deutlicher in sphärisch wattierten Texturen bettet. Silent World übernimmt später übrigens direkt von Sting (als wenig notwendiges Intro) und schwelgt danach zum monotonen Elektro-Beat mit bittersüßen Streichern und den wunderbar ausschmückenden Elegien der restlichen Instrumente: Man hätte mehr aus dem romantischen zur großen Geste angenehm schüchtern bleibenden Dreampop-Schmeichler allerdings durchaus mehr herausholen können, als eine vage Reminiszenz an den MO von The War on Drugs.

Eventuell wäre wegen all dieser Ambivalenz eine Aufsplittung des vorhandenen Materials (vielleicht auf ein kompakt-anachronistisches Album sowie eine knackige EP) dem vorhandenen Potential am schmeichelndsten entgegengekommen.
Sobald Procession mit seiner kontrolliert rasselnden Hi-Hat den idealen Schlusspunkt von The Main Thing geben hätte können, der sich wie alles hier um das Thema Vergänglichkeit dreht, dabei aber im Momentum selbst nicht sein volles Gewicht auf den Boden bringt, kann und will man einer niemals wirklich enttäuschenden Band wegen diverser Wachstumsschmerzen und Entwicklungskinderkrankheiten trotzdem nicht böse sein – und das keineswegs alleine deswegen, weil die Sommermonate, die ein jedes Real Estate-Album bisher zusätzlich beflügelt haben, ja erst noch anstehen. Die Gruppe aus New Jersey hat die richtigen Stellschrauben lokalisiert, um nicht im Formel-Baukasten unterzugehen, diese aber noch nicht in unbedingter Konsequenz nachjustiert.
Insofern bleibt es zwar zu verneinen, ob die Band hier ihr bestes Album seit Days aufgenommen haben könnte. Sehr wohl darf man aber attestieren, dass das teilhomogene Stückwerk The Main Thing hinsichtlich des weiteren Karriereweges ihr essentiellstes seit 2011 sein dürfte.

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