Russian Circles – Memorial

von am 20. Oktober 2013 in Album, Heavy Rotation

Russian Circles – Memorial

Russian Circles lassen ihren Worten Taten folgen: tatsächlich waren die Gräben zwischen ihren gnadenlos metallischen Riffmassiven und den versöhnlichen, geradezu intimen Momenten niemals tiefer als auf dem fünften Studioalbum der Band. Der Tanz über die darüber gespannten Drahtseilakte gelingt dem Trio aus Chicago dann allerdings folgerichtig auch mit einer beispiellosen Versiertheit.

Memorial‚ zündet deutlich schneller als der verhalten startende Grower ‚Empros‚, dabei wagen sich Mike Sullivan, Dave Turncrantz und Brian Cook nochmals ein Stück weiter hinaus als auf dem zwei Jahre alten Vorgänger: nur noch ein Song knackt mit Mühe die 7 Minutenmarke, der Rest pendelt sich um die viereinhalb ein, mit einer Gesamtspielzeit von nur 37 Minuten ist ‚Memorial‚ zudem deutlich kürzer als all seine Vorgänger. Und so fantastisch Russian Circles ausufernde Epen wie ‚Carpe‚ oder ‚Philos‚ auch beherrschen: dynamischer und abwechslungsreicher war noch keine Platte des Trios. ‚Memorial‚ entpuppt sich als grenzenerweiternder Gestaltenwandler des instrumentalen Metal, der der Band mit spielerischer Leichtigkeit neue Facetten abgewinnt, in einer nahezu allgegenwärtigen Düsternis und Bedrohlichkeit wandelt: ‚Memorial‚ ist ein unheimlich wendiger Brocken der drückender Schwere geworden.

Gleich das atemberaubend heavy betonierende ‚Deficit‚ – der vielleicht größte Genrehit seit Omega Massif’s ‚Wölfe‚! – ruft dabei nach dem feinfühlig gezupften Akustikgitarrenintro ‚Memoriam‚ einerseits in Erinnerung was für ein Monstrum von Schlagzeuger Turncrantz doch ist, andererseits aber auch, dass kaum eine andere Band Post-Genre-Elemente derart nahtlos mit der brachialen Urgewalt des Metal zu füttern versteht: eine unter die Haut gehende Riffkaskade ohne Mitleid baut sich hier auf, folglich ist ‚Memorial‚ ist in seinen besten Momenten ein regelrecht beklemmendes Stück Soundlandschaft geworden.  Über den Mittelweg zwischen majestätischer Weite und bedrohlicher Untiefe, bedrückender Intensität und erlösender Stahlkraft wandeln jedenfalls nur wenige Kollegen derart mühelos, wie Russian Circles dies auch im anschließenden, schier überragenden ‚1777‚ tun. Wie Turncrantz den cinemascopischen Song letztendlich im (wieder so unheimlich grandios von Brandon Curtis produzierten) Hi-Hat-Rausch ausbremst und seine Kollegen das anmutige ‚Cheyenne‚ nahtlos daran ausbreiten, ist dann nicht nur ein eindringliches Wechselbad der Gefühle, sondern beinahe schon eine Lehrstunde für die plötzlich in Griffweite geratenen Explosions in The Sky. Wobei diese sich ein derart beängstigendes Droneszenario als Untergrund für die erhaben flimmernden Delay-Gitarren wohl verkniffen hätten.

Burial‚ nimmt nach dieser Atempause drumtechnisch den Faden von ‚1777‚ auf, schwenkt jedoch sofort um in die absolute Schwärze: zentnerschwer wälzt sich das Szenario dahin, die Gitarre sägt bestialisch, Russian Circles haben ihre ureigene Form des Black Metal geschaffen – der man auf diesem Leistungsniveau höchstens beleidigt ankreiden kann, wie vieles hier zu kurz geraten zu sein: denn das könnte gefühltermaßen auch gerne die doppelte Distanz so weitergehen. Überhaupt: den Kompositionen wird zwar Platz gegeben sich zu entfalten, trotzdem bleibt die leise Ahnung, dass angesichts der kurzen Spielzeit nicht alles an Kopfkino-Potential restlos ausgeschöpft wurde, andererseits aber vielleicht ohnedies wichtiger: bevor die Songs zu mäandern drohen wird stets der sukzessive Schlussstrich gezogen, so dass die subjektiv empfundene Spielzeit kurzweiliger und variantenreicher nicht geraten hätte können. Denn wo etwa das Feedbackfinale von ‚Burial‚ vor destruktiver Brutalität zu bersten droht, zieht ‚Ethel‚ als optimistischste Nummer gleich wieder mit euphorischen Mathgitarren bis hin zu den triumphalen Soundflächen eines John Murphy hin.

Am Ende schließt sich der konzeptionelle Kreis von ‚Memorial‚ nach der Zuckerbrot-und-Peitsche-Lektion ‚Lebaron‚ in Form des abschließenden Titeltracks: mit der kongenialen Tourpartnerin Chelsea Wolfe lassen Russian Circles ihr Album elegisch in den Äther driften, kontrastieren die vorangegangene Härte mit betörend Anmut und vollziehen dem Abschluss des in sich geschlossenen Möbiusbandes ‚Memorial‚ ohne Bruchstellen: der Balanceakt zwischen treibendem Postrock und dem gespenstischen Geisterfolk der Sängerin aus Kalifornien gerät zum versöhnlichen Abschied unweit von Mazzy Star.
Der grazile Schlusspunkt eines Wirbelsturms von einem intensiven Berg-und-Tal-Werk, dem zur Perfektion vielleicht nur ein weiterer Song eines ‚1777‚-Kalibers im Finalsprint als ultimativer Höhepunkt fehlt, nichtsdestotrotz das nunmehr fünfte grandiose – sogar: das bisher grandioseste! – Album in Folge aus der Russian Circles Schmiede beendet und mehr noch als seine Vorgänger ein kompaktes aber gar nicht so kleines Instrumental-Metal-Meisterwerks darstellt. In diesem Segment führt 2013 kein Weg an ‚Memorial‚ vorbei.

08

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