Sleater-Kinney – No Cities to Love

von am 21. Januar 2015 in Album

Sleater-Kinney – No Cities to Love

Die überschäumende Aufmerksamkeit, die Sleater-Kinney nach knapp zehn Jahren Auszeit derzeit lukrieren, kann einen selbst angesichts dieser 10 Hits in 33 Minuten ein klein wenig überraschen, macht das Trio doch genau genommen kaum etwas anders als auf den sieben Studioalben davor. Eine Dekade nach ‚The Woods‚ scheint die Riot Grrrl-Institution den Puls der Zeit dennoch knackiger zu treffen als je zuvor.

Während die Plattenkritiken angesichts der ersten großen Comebackplatte des Jahres hüben wie drüben in ekstatisches Schwärmen verfallen und nicht einmal der kompakte Leitfaden nicht fehlen darf, um auf der nächsten Hipster-Party keine Wissenslücken angesichts der Sleater-Kinney-Rückkehr aufweisen zu müssen, hat sich nach dem überragenden, ambitionierten Quergeist-Geniestreich ‚The Woods‚ von 2005 im Grunde wenig geändert. Sicher war Corin Tucker etwa mit der dezent untergegangenen The Corin Tucker Band unterwegs; Janet Weiss hatte sich unter anderem den Jicks von Stephen Malkmus und den Shins angeschlossen oder sich für das großartige – und angesichts dieser Reunion hoffentlich trotzdem nicht einzige – Wild Flag-Album hinter die Schießbude gesetzt, während vor allem die dortige Kollegin Carrie Brownstein einen vollen Terminkalender hatte, weil sie sich mit der Erfindung von Portlandia sowie diversen Schauspielauftritten (wie etwa im ganz wunderbaren Transparent) längst einen Namen im Fernsehgewerbe machen konnte.
Auf ‚No Cities to Love‚ schlägt sich dies alles allerdings höchstens insofern nieder, dass man Tucker, Weiss und Brownstein anhört, mit welchem enthusiastischen Hunger, welcher Energie, welchem explosiven Tatendrang sie sich in diese Platte gestürzt haben; dabei auch weniger daran interessiert waren die Fäden von ‚The Woods‚ weiterzuspinnen, als die Quintessenz ihrer Band (ohne Lo-Fi-Sound natürlich) zu erforschen. Und ja: damit
fühlt sich Album Nummer Acht tatsächlich so an, als  wären Sleater-Kinney nie weggewesen.

Das beginnt bereits beim Einstieg mit ‚Price Tag‚, einem stompenden Groover mit schön kratzig gegen den Strich arbeitenden Gitarren und einem Refrain, der auf direktestem Wege zum Midtempo-Ohrwurm geprügelt wird und im Grunde bereits im Alleingang viel davon richtig macht, was man sich von dieser Reunion gewünscht hat: das hat ordentlich Dampf unter der Haube und ein unwiederstehliches Rhythmusgefühl (wie tight Weiss dieser Band doch immer noch den Stempel aufdrückt!) und ordentlich Punch in der konsumkritischen Hooklinehatz.
Danach geben sich die Melodien die Klinke in die Hand, Sleater-Kinney tänzeln nicht nur im Titelsong mit ihrer sich vor Madonna (!) verneigenden Bridge immer geradewegs am Pop vorbei, spielen ihren Indierock aber immer so angenehm punkig-biestig. ‚A New Wave‚ treibt da mit trockenem Bass und sich gegenseitig belauernden Gitarren ungemein voran, der Postpunk von ‚Fangless‚ deutet einen Flirt mit Synthies an, das shuffelnde ‚No Anthems‚ peitscht sich in seinem (nichtsdestotrotz) hymnischen Refrain in einen regelrechten Vulkantanz und läutet damit auch den stärksten Part der Platte ein.

Denn vor allem in der ersten – mit potentiellen Singles regelrecht vollgestopften – Albumhälfte drängt ‚No Cities Love‚ sein Händchen für eine aufdringliche Catchyness allerdings auch beinahe zu offensichtlich in die Auslage, stürzt sich entlang einer bedingungslosen Kompaktheit und straighten Strukturen wie in ‚Surface Envy‚ oder dem Titelsong gar zu ergiebig in seine Chorus-Parts, wirkt dabei trotz seiner smarten Durchdachtheit auf textlicher Ebene selten aber doch etwas zu plakativ gehalten („We win, we lose/ Only together/ till we break the rules“ und ähnliches beschört den bekannten Idealismus). Eine gewisse Konsumfertigkeit liegt über der aufbrausenden Dringlichkeit, die widerborstige Räudigkeit von einst ist gleichzeitig einer irritierenderweise etwas zu sauberen Produktion (diesmal saß wieder John Goodmanson am Stuhl) gewichen – kann man freilich auch so sehen, dass die drei Damen ohne große Umwege stets zum Punkt kommen: kein Song der Platte nimmt sich mehr als 4 Minuten, um seine Vorzüge zu destillieren.
Danach aber servieren Sleater-Kinney aber ohnedies weniger frontal funktionierende Stücke wie den sich selbst attackierenden Noiserock-Gangschalter ‚Gimme Love‚, bevor das maschinelle ‚Bury Our Friends‚ wütend aufstampft und das schmissige ‚Hey Darling‚ in gerade einmal 145 Sekunden alle Pop-sympathiekarten ausspielt und mit dem dramatisch verschachtelten, prototypisch platzierten ‚Fade‚ hinten raus für einen regelrechten Spießrutenlauf sorgt.
Womit Sleater-Kinney den Höhepunkten ihrer imposanten Discographie nicht vollends auf Augenhöhe begegnen, sehr wohl aber ein Hitfeuerwerk sondergleichen zünden und sich damit nach 10 Jahren Pause wieder anstandslos als eine der druckvollsten und zielsichersten Rockbands da draußen positionieren. Und auch eine Loch stopfen, das so in jüngster Vergangenheit weder Warpaint’s ‚Warpaint‚, White Lung’s ‚Deep Fantasy‚, Perfect Pussy’s ‚Say Yes to Love‚ oder andere nahverwandte Kombos füllen konnten. Nicht nur deswegen: All der Rummel um ‚No Cities to Love‚, er steht der Band in jedem Fall zu. Nicht nur wegen dieser rauschhaften 33 Minuten.

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