Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

von am 2. April 2015 in Album

Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Sufjan Stevens befreit sich vom wenig schmeichelhaften Elektro-Brimborium von ‚The Age of Adz‚ und entblößt sein betörendes Singer-Songwriter-Kunsthandwerk auf so subtile wie radikal intime Art und Weise: „Fuck me/ I am falling apart„.

Schicksalsschläge schärfen den Blick für das Wesentliche. Der Versuch ein persönliches Trauma zu verarbeiten – den Tod seiner Mutter – stellt in Folge dessen auch den Ausgangspunkt einer neuen Bescheidenheit im ansonsten so groß angelegten Klangkosmos des Sufjan Stevens dar: ‚Carrie & Lowell‚ ist eine sparsam inszenierte Platte geworden, die selten mehr als die ausnahmslos verletzlich wispernde Stimme des 39 Jährigen braucht, darunter ein Piano und eine Gitarre, gelegentlich ein Banjo oder verschwimmende Soundflächen, eventuell unwirklich verschwimmende Frauenstimmen irgendwo im Background.
Keine (aktiv wahrzunehmende) Elektronik wie zuletzt jedenfalls, kein orchestraler Größenwahn wie auf den Staaten-Alben, keine weit ausholenden Arrangements, nicht einmal das leiseste Schlagzeug. Stattdessen bilden elf Songs ein bis auf seine Grundfesten reduziertes Folk-Album, mit Elliott Smith, Nick Drake oder Perfume Genius im Hinterkopf, die Gedanken bei den Geistern der eigenen Vergangenheit. „Easy listening“ nennt Stevens sein achtes Studioalbum verschmitzt und hat damit oberflächlich betrachtet nicht ganz unrecht, wiewohl alleine die schonungslose Eindringlichkeit der Texte auf ‚Carrie & Lowell‚ diese Verortung unmittelbar als ironischen Euphemismus entlarven.

I forgive you, mother, I can hear you/And I long to be near you/But every road leads to an end/…/You’ll never see us again“ beschwört gleich ‚Death with Dignity‚ ohne falsche Zuversicht oder beschönigende Milde bedrückende Phantome. Stevens blättert in vergilbten alten Fotoalben, aus denen er letztendlich auch das Coverartwork gefischt hat, erinnert sich an Episoden seiner Kindheit, an den prägenden Einfluss seines Stiefvaters Lowell und die schwierige, belastende Beziehung zu seiner Mutter Carrie. „When I was three, three maybe four/She left us at that video store/ Be my rest, be my fantasy“ singt Stevens in ‚Should have known better‚, einem der vereinzelt auftretenden Highlights im in Summe kontemplativ-unspektakulären Albumfluss, „You’re not the one to talk things through/You checked your texts while I masturbated“ gleich darauf in ‚All of me wants all of you‚. Beim Versuch Konflikte zu bereinigen, obwohl es dafür schon zu spät ist, existiert auf ‚Carrie & Lowell‚ keine Distanz zwischen Stevens und seinen Texten, keine phantasievoll-fantastischen Ausschmückungen und nur vereinzelt bibeltreuen Verweise, sondern pure Intimität. Jede Zeile der Platte fußt auf einer zutiefst persönlichen Ebene, deren vielleicht größter Triumph es ist, dass sie eine unmittelbare Nähe aufbauen, den allgegenwärtigen Eindruck vermitteln, als würde die unter die haut kriechende Melancholie jeden Hörer individuell ins engste Vertrauen ziehen und in geheime Gedankenwelten einweihen.

Als Trauerarbeit lässt Stevens das Andenken an seine Eltern auf halben Weg zwischen Groll und Tribut behutsam aufleben und pflegt es ebenso sorgsam wie auch im Wissen, damit alte Wunden aufzureißen. Er gibt sich mit einer schwermütigen, aber luftig in Szene gesetzten Resignation der Einsamkeit hin, dort, wo er Trost zu finden hofft, aber im Grunde keine Zuversicht sieht: „Tell me what did you learn from the Tillamook burn?/ Or the Fourth of July?/ We’re all gonna die“ und „What’s left is only bittersweet/ For the rest of my life, admitting the best is behind me/ Now I’m drunk and afraid, wishing the world would go away/ What’s the point of singing songs/ If they’ll never even hear you?„, bis der Hoffnungsschimmer kaum noch zu sehen ist. „The only thing that keeps me from driving this car/Half-light, jack knife into the canyon at night/ Signs and wonders/…/Do I care if I survive this? Bury the dead where they’re found/ In a veil of great surprises/ I wonder did you love me at all?„. Ein stetes Hadern und stilles Verzweifeln prägt die aktuelle Sichtweise des sonst so glaubensfesten Stevens auf das Leben: „For my prayer has always been love/ What did I do to deserve this now?„.

Wo die Texte in ihrer Vertraulichkeit das klare Prunkstück der Platte sind, tritt die Musik folgerichtig drei Schritte zurück und stellt sich mit schönen, angenehmen, so simplen wie im Grunde aber doch auch harmlosen Melodien in den Dienst der Sache. Mehr noch: Sie versöhnt sich mit einer bis in die Gleichförmigkeit reichenden Genügsamkeit, weswegen ‚Carrie & Lowell‚ mehr als jede andere Platte von Stevens nur in der richtigen Stimmung funktioniert, abseits dieser aber in seiner phasenweise ermüdenden Zurückhaltung ein immer wieder verschwimmendes Songwriting pflegt.
Das zeigt sich vor allem anhand des letzten Plattendrittels, wenn Stevens spätestens hier eine leichte Eintönigkeit aufkommen lässt, weil er im stetig gleich ausgelegten, balladesken Treiben weder gesanglich noch instrumental Variationen anbietet: ein paar zusätzlich verteilte Akzente (wie sie etwa das Richtungs Eels aufmachende ‚The Only Thing‚ beherbergen, oder der Titelsong, der wie eine Grundskizze von den großen ‚Illinois‚-Szenarien wirkt) hätten dieser atmosphärisch dichten, asketisch in absoluter Ruhe schwelgenden Platte hinten raus durchaus gut getan, um langfristig an der Stange zu halten, die Aufmerksamkeit zu fokussieren oder die weniger zwingenden Momente nicht der Beliebigkeit zu überantworten.
Gerade auch diese Symbiose aus ergreifenden Texten und weitestgehend spannungsarmer Musik gibt der Platte eine wohlüberlegte Gewichtung, denn wo es nicht derart viel zu entdecken gibt wie auf den bisherigen Platten des amerikanischen Multiinstrumentalisten, erarbeitet Stevens dafür eine tiefschürfende Verbundenheit, in die man sich verlieren kann. Am sich gemächlich auflösenden Ende stehen so 44 ehrwürdige Minuten, die über die sich selbst kasteiende Aussöhnung den Geschichtenerzähler und Menschen Stevens ins Rampenlicht rücken und dabei ohne falsche Sentimentalitäten oder Ablenkungsmanöver auskommen. Hier herrscht eben der Blick auf das Wesentliche, wie Stevens nur selbst zu gut weiß: „This is not an art project. This is my life.

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