Sun Kil Moon – Benji

von am 13. Februar 2014 in Album

Sun Kil Moon – Benji

Der aktuell mitunter großartigste Storyteller Amerikas gleitet wieder durch Ohio und wunderbar einfühlsame Geschichten voller totgeweihter Charaktere und kleinen Weisheiten des fortschreitenden Alters. Musikalisch führt ‚Benji‚ jedochvor allem die vielen Aufbruchsstimmung-Ansätze der letzten Jahre geschickt weiter.

2013 war eines der umtriebigsten Jahre für den nimmermüde veröffentlichenden Kozelek. Mit ‚Like Rats‚ veröffentlichte er eine tolle Platte voller Coversongs, dank Jimmy Lavalle entdeckte er auf ‚Perils from the Sea‚ die Elektronik und mit seinen alten Kumpels von Desertshore fröhnte dem Country und Americana. Vor allem die Errungenschaften der beiden Kollaborationen haben nun auf ‚Benji‚ deutliche Spuren hinterlassen: in den gen Rap gehenden gedoppelten Gesangsspuren in ‚Richard Ramirez Died Today Of Natural Causes‚ etwa, der Wilco-geschulten Alternative-Country-Ausstrahlung des zurückgelehnt rockenden ‚I Love My Dad‚ mit seinen unaufgeblähten Soulchören, in der vergleichsweise griffigen Rockigkeit eines ‚Dogs‚ oder der geradezu dringlich nach vorne gehenden Performance des sich immer reichhaltiger ausstaffierenden ‚Prey for Newton‚ – und generell in der ausgefeilter in die Tiefe gehenden Produktion, die ‚Benji‚ wenn nötig immer wieder einen breitgefächerteren Bandsound zugesteht.

Besetzungstechnisch schrammt das sechste Album unter dem Sun Kil Moon-Banner dann auch passenderweise an der Allstar-Platte vorbei: die Schlagzeugarbeit hat der ehemalige Sonic Youth- und Disappears-Drummer Steve Shelley besorgt, (Ex-)Casiotone for the Painfully Alone-Kopf Owen Ashworth am Rhodes Piano und Tattle Tale-Sängerin hefen Kozelek unter anderem aus ‚Jim Wise‚ ein unglaublich liebenswürdig beschwingtes Kleinod an der Grenze zum soulerfüllten Beinahe-Pop zu gestalten. Und im eröffnenden Trio der der Platte – dem klassisch aus der Gitarre gezupften ‚Carissa‚, dem elegisch perlenden ‚I Can’t Live Without My Mother’s Love‚ mit seinen feinen Streichern im Untergrund sowie dem Desertshore-Crossover-Überbleibsel ‚Truck Driver‚ – kommt es zum so unspektakulär inszenierten, aber hocheffektiv wirkenden Treffen der Giganten, wenn Will Oldham mit gefühlvoller Grandezza den Backgroundgesang zartschmelzend einflüstert.

Im herzerwärmend amüsanten ‚Ben’s My Friend‚ streift Kozelek dann zu einem Konzert von The Postal Service („The other night I went and saw The Postal Service/ Ben’s my friend but getting there was the worst/ Tryna Park and getting up the hill/ And find a spot among drunk kids staring at themselves/ Staring at the back I forgot: I’m 8000„)und revanchiert sich Kozelek bei Death Cab for Cutie-Frontmann Ben Gibbard für dessen Einsatz auf ‚April‚ und schafft den Spagat zwischen einer berührender Ode an die Freundschaft und dem zynischen Galgenhumor, der bereits auf dem Vorgänger ‚Among the Leaves‚ zu finden war. „Between a middle guy man with a backstage pass/ Hanging around like a jackass/ Everybody was 20 years younger than me“ beginnt der 47 jährige mit dem Alter zu hadern, „And my legs were hurt and then my feet were too/ Calling after settling, said I’ll skip the backstage high five/ Thanks for the nice music and all the exercise„.

Benji‚ ist eine Platte über das Älterwerden, ein Befassen mit der eigenen Sterblichkeit: „Came to the studio to work on something pretty/ and i saw the news on James Gandolfini/ While I was eating ramen and drinking green tea
The Sopranos guy died at 51/ That’s the same age as the guy/ Who’s coming to play the drums/ I don’t like this getting older stuff/ Havin‘ to pee 50 times a day is bad enough/ Got a naggin prostate and i got a bad back/ And when i fuck too much i feel like i’m gonna have a heart attack„. Wenn Kozelek seine schicksalsgebeutelten Charaktere nicht dem Ende entgegenblicken lässt, dann tut er es selbst mit einer Mischung aus Melancholie, Nostalgie, würdevoller Sehnsucht und verschmitzter Selbstironie.
Im 10 minütigen ‚I Watched The Film The Song Remains The Same‚ schweift Kozelek vom legendären Led Zeppelin-Film augehend durch seine eigene Geschichte, rekapituliert seine Anfänge als Musiker und huldigt seinem Förderer; er tut dies mit einer lyrischen Direktheit und Aufrichtigkeit, die so kaum jemand zu artikulieren versteht: „And since that time so much has happened to me/But I discovered I cannot shake melancholy/ For 46 years now I cannot break the spell/ I’ll carry it through my life and probably carry it down/ I’ll go to my grave with my melancholy/And my ghost will echo my sentiments for all eternity„.

Kozeleks Art Texte zu schreiben mag sich in den letzten Jahren gewandelt haben, direkter und weniger Metaphernreich geworden sein – an Gänsehautpotential mangelt es deswegen allerdings nicht. Und letztendlich sind es auch wieder die lakonisch in den Raum geworfenen und akribisch gestalteten Geschichten, die ‚Benji‚ zu einem Ereignis machen, und gar nicht so sehr die Tatsache, dass Kozelek hier sein vielseitigstes und wendigstes Album seit Red House Painters-Zeiten – respektive sein bestes seit dem vorerst unerreicht bleibenden Meisterwerk ‚April‚ – vorgelegt hat. Doch erst in Verbindung wächst hier wieder diese unnachahmliche Sun Kil  Moon-Atmosphäre, eine zeitlose Stimmung.
Kein Wunder also, dass die Liebhaber-Ikone Kozelek mit ‚Benji‚ im (Hipster-)Feuilleton angekommen ist und allerorts die Lobpreisung einfährt, die ihm immer schon zugestanden hat. Trotzdem bleibt die Vermutung dass ‚Benji‚ sich rückblickend eventuell als Übergangsalbum erweisen wird und als endgültiges Segelsetzen zu betrachten sein wird – nicht nur, weil das beschwingt groovende ‚Ben’s My Friend‚ ganz am Ende mit elaboriertem Saxofonsolo, Bläsern, schmeichelndem Chor und einem eigentlich Jens Lekman vorbehaltenem Karibik-Yacht-Feeling vollkommen unbeschwert entlässt.

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