The Casket Lottery – Real Fear

von am 16. November 2012 in Album

The Casket Lottery – Real Fear

Wollten Sparta mit ‚Wiretap Scars‚ vielleicht das Album aufnehmen, dass The Casket Lottery mit hier zum eigentlich bereits vierten Mal gelingt? Egal: ‚Real Fear‚ ist ein wunderbares Sammelsurium aus emotionalen Post-Hardcore-Brocken, das sich ganz beiläufig zahlreiche Synthie-Flächen einverleibt und dabei als ausgebuffte Hitsammlung entpuppt.

Auch knapp zehn Jahre nach ‚Wiretap Scars‚ kann man freilich nichts schlechtes über die Abnabelungsplatte von Jim Ward und seinen Gefolgsleute sagen, außer vielleicht, dass mit ‚Choose Bronze‚ damals zumindest ein unmittelbarer Nahverwandten dem Sparta-Einstand ohne ähnlich viel Aufmerksamkeit zu erregen bereits gut drei Jahre vorher auf Augenhöhe viel vorweg genommen hat. ‚Real Fear‚ begnügt sich nun jedoch nicht damit, am rauhen und ungeschliffenen Ton des The Casket Lottery-Debütalbums fortzusetzen, sondern vermengt diesen viel mehr mit den Vorzügen von ‚Moving Mountains‚ und ‚Survival is for Cowards‚, arbeitet das Melodiegespür der gewachsenen (Keyboarder Nick Siegel, Brent Windler an der zweiten Gitarre) Band noch eindrucksvoller hervor, würzt mit futuristischen Synthiespielereien und garniert das Ganze mit der bisher vielschichtigsten Leistung von Ex-Coalesce Mann Nathan Ellis am Mikro.

Um den Bogen zurückzuspannen: wer sich also vorstellen mag, wie Sparta geklungen hätten, wären sie auf ihrem zweiten Album nicht in die Breite gegangen, sondern hätten auf ‚Porcelain‚ Ansätze verdichtet und die Hitfrequenz zumindest gehalten – der wird sich ungefähr ausmalen können, wo The Casket Lottery auf ‚Real Fear‚ all jene Herzen höher schlagen lassen, die immer noch einer Zeit nachtrauern, in der Emo-Rock nicht mit My Chemical Romance oder sonstigen Kajal-Clowns gleichgesetzt wurde und Small Brown Bike immer kurz vor dem ganz großen Durchbruch standen.

Generell strahlt das erst vierte Album der Band aus Kansas City nämlich eine geradezu anachronistische Nostalgie zwischen all seinen wilden, unheimlich eingängigen Melodieritten aus. Das hat natürlich damit zu tun, dass ‚Real Fear‚ das vielerorts so lange herbeigesehnte Comebackalbum nach neun Jahren ist, zudem das erste bei der zweiten Reunion (obwohl die Band ja nie offiziell aufgelöst war) seit jener von 2006 ist. Aber allein der fein schneidende, metallische Klang der Gitarren hier öffnet Erinnerungen an die Ursprünge von Jimmy Eat World abseits der Stadien, bringt energische Melodien mit gesunder Härte als beiläufigste Sache der Welt unter einen Hut. Nicht zuletzt alteingesessene The Casket Lottery Fans werden hier ihr Glück finden, selbst, wenn die mittlerweile zu fünft agierenden Veteranen hier durchaus den Mut haben auch von alten Erfolgsrezepten abzuweichen.

Die Produktion von ‚Real Fear‚ ist glasklar strahlend aber nie wirklich sauber, alles wirkt druckvoll nebeneinander skelettiert, somit in gewisser Weise sogar reduzierter, als The Casket Lottery als Trio geklungen haben; die markanteste Erneuerung im ruppigen Rocksound der Band jedoch: überall strahlen sanfte Pianostreuner und prägende Synthieflächen, durch die gesamte Platte fließen dürfen – die elegante Art, wie The Casket Lottery Tasteninstrumente derart homogen in ihren Sound einfließen lassen, dürfte dabei ruhig Schule machen (ein Gruß an die Get Up Kids an dieser Stelle).  ‚The Moon and the Tide‚ atmet als Paradebeispiel etwa eine untrügliche Liebe zu The Cure, ‚Sarastro‘ ist ein gespenstisches E-Piano-Interlude, dass die Tore zu ‚Pamina‘ aufstößt, einer rumpelnden Geisterbahn, die dank ihrer dissonanten Gitarrenlinie gar Erinnerungen an die seligen (und dank The Nighty Nite eigentlich nach wie vor noch existenten) The Paper Chase erinnern.

Stacy Hilt diktiert ‚Ghost Whiskey‚ superb mit rollenden Bassriffs, ‚Radiation Bells‚ würde sich am liebsten tausend Kehlen in sein glitzerndes Finale holen. Wem die kompakte Hymnik gefallen hat, die The Casket Lottery schon auf dem Split mit Touchè Amorè verströmt haben, wird hier mit ‚The Door‚, dem die Arme breit machenden ‚In the Branches‚ oder dem Indie-Rock-Geniestreich ‚Baptistina‚ nur die auffälligsten mindestens ebenso mitreisenden Hits finden, in ‚Blood On the Handle‚ gar einen flinken Hardcore-Sprinter angedeutet bekommen. Für ‚Poor Dorian‚ deckt Nathan Ellis die ganzen Facetten seines Könnens bis zum gepressten Geshoute ab, hinten raus darf es auf ‚Real Fear‚ dagegen ruhig klarer am Alternative Rock geschult abgehen. Allein deswegen – und der Tatsache geschuldet, dass The Casket Lottery mit No Sleep diesmal ein mehr als nur potentes Label im Rücken haben – ist davon auszugehen, dass ‚Real Fear‚ ihnen endlich die lange verdiente Aufmerksamkeit bescheren könnte. Wenn nicht – dann haben The Casket Lottery zumindest ein überdurchschnittlich vitales und durch die Bank begeisterndes Comeback-Album vorgelegt. Und um die ermüdenden Vergleiche aus dem Eingangsbereich zu überspitzen: die wohl beste Überbrückungshilfe, bis Sparta endlich ihren ‚Threes‚-Nachfolger auf die Reihe kriegen.

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