The Used – Vulnerable

von am 27. März 2012 in Reviews

The Used – Vulnerable

Die gute Nachricht vorweg: The Used haben die qualitative Talfahrt der letzten Jahre gestoppt. Tatsächlich besser wird dadurch aber nur wenig.

Muss man der einstigen Screamo-Sensation The Used mittlerweile wirklich dazu gratulieren, dass die Leistungskurve zum ersten Mal seit dem dem Debütalbum 2002 nicht mehr weiter nach unten geht – ausgerechnet, weil man einmal mehr den blutleeren Alternative Rock mit Geschreisprengsel plump dem Zeitgeist zur Prostitution feilbietet?
Die künstlerische Tendenz war ja seit ‚The Used‚ eine stetig fallende. Vom Hardcore inspirierten Screamo mit fetter Rockkante war der Weg zu poppiger Stadionbeliebigkeit über eine Dekade ein vergleichsweise ebenso kurzer wie schamloser, die Gemeinsamkeiten mit Bands wie Thrice, Taking Back Sunday oder Thursday hatten sich im Ansatz erschöpft, die Nähe zur Chartanbiederung und potenten Nahverwandten wie My Chemical Romance wurde nicht kaschiert sondern mit der Brechstange forciert. Es spricht nicht unbedingt für eine Band, wenn diese ihre beste – und erschreckenderweise eventuell gar authentischste – Zeit hatte, als ihr Sänger in eine Reality Soap-Liebelei mit Ozzys Balg verbandelt war. Ebenso wenig, dass die Talfahrt von The Used schon allein deswegen nicht weiter bergab geht, weil man bereits längstens Ehrenrunden in der Talsohle dreht.

Dass die Sache nach dem schon dreist in die Hose gegangenen ‚Artwork‚ so nicht mehr weitergehen konnte, haben The Used wohl nicht nur dank des nicht verlängerten Deals mit Warner bemerkt. Da sich die Bands aber ohnedies nie zu fein waren, um sich am aktuellen Massengeschmack zu reiben, heißt auch für die Jungs um Bert McCracken das Zauberwort der Stunde wie bei so vielen Kollegen: Elektronik. Freilich nicht derart kompromisslos, wie Korn das jüngst im Dubstep vorgemacht haben, jedoch exaltierter als auf dem bisherigen Output der Band. Das ist nicht mehr nur schmückendes Beiwerk, sondern mehr oder minder essentieller Bestandteil. Wenn also ‚Hands and Faces‚ zur Hälfte hingehend plötzlich zur Dubschaukel wird, hat sich das bereits mit den dezenten Sekundenbeats im mit Streichern bemalten Ohrwurmrocker ‚This Fire‚ angekündigt, der seine entrückte Stimmung aus Alice`s Wunderland rüber rettet und auf den Jahrmarkt zerrt, auf dem sich auch Coheed and Cambria wohl gefühlt hätten. Dass rechtzeitig zum Refrain jede Elektronik den Platz verlassen muß, um bratenden Gitarren Platz zu machen, sollte nicht wirklich verwundern. Zu weit aus dem Fenster will man sich ja doch nicht lehnen, die treuesten Hinterbliebenen nicht verschrecken. Der verschleppte Partybeat in ‚Put Me On‚ macht sich dennoch ganz fein zu all den Stimmeffekten, auch, wenn dem Song exemplarisch für den Rest zu schnell die Puste ausgeht. Weil etwa ‚Now That You´re Dead‚ natürlich weder so aggressiv noch so gefährlich ist, wie der Song es gerne wäre. Aber frischer und feuriger als alles, was die Band in den vergangenen Jahren zustande gebracht hat, ist das dann doch irgendwie.

Gekeilt wird der leidlich innovative Ausflug dabei vom gewohnten Rahmenprogramm: Wo Dramatik herrschen soll, pumpt Langzeitproduzent John Feldman fette Streicher rein, wo Spannung aufkommen muß, kreischt McCracken eben wieder aufgebrachter. Der Rockanteil wurde dabei um genau jene Ecke weiter Richtung Stadionbeliebigkeit getrieben, den My Chemical Romance auf ihrem letzten Werk zugunsten auftoupierter Popgefälligkeit korrigiert haben – eine streng riechende Mischkulanz aus glatt geschliffenem Screamo, konturlosem Formatradio-Rock und halbgaren Elektropopspielereien, in dem sich die einzelnen Passagen formelhaft aneinander fügen und ein leidlich mitreißendes Ganzes abseits der ersten Überraschung erzeugen, welches die stärkste The Used Platte seit dem Debüt anfangs hinterlässt. Denn daraus hätte tatsächlich etwas werden können, würde nicht nahezu jeder einzelne Song schablonenhaft nach Zahlen malen: In die eingängige Strophe fügen sich allerhand digitale Soundspielereien, die im Chorus weichen, weil platte Hymnenhaftigkeit für Festivalmassen transportiert werden muss, bevor durch die Bank inspirationslose, pseudo-vertrackte Bridges den Abschluss vorbereiten. Das geschickte Händchen für catchy Melodien mit ausladender Geste kann man The Used dabei erstmals seit einer Ewigkeit nicht absprechen; das Wissen, diese längerfristig haltbar zu machen jedoch wieder nicht zu Gute halten.
Davon abgesehen ist ‚Vulnerableauch markanter Schnittpunkt in der Discographie der Band, erträgt die Zuneigung zum Debütalbum doch endgültig keine weitere Banalität aus dem Haus McCracken mehr. Denn man kann es mittlerweile durchaus so sagen: ‚The Used‚ war wohl ein einziger Unfall für die Band. ‚Vulnerable‚ deutet zumindest an, dass so etwas mit ganz viel Dusel noch einmal passieren könnte. Zumindest kein weiterer Schritt in die vollends falsche Richtung.

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  • The Used - The Canyon - HeavyPop.at - […] ausführliche 17 Songs betont mehr will, als es die lahmen Selbstverwalter-Rohrkrepierer Artwork, Vulnerable und Imaginary Enemy neben der erschreckend…

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