Tom Jones – Spirit In The Room

von am 21. Mai 2012 in Album

Tom Jones – Spirit In The Room

Da Capo für den geläuterten Partytiger und Womanizer: Der Sir unter den Tigern gibt zum zweiten Mal den gottesfürchtigen Blues- und Gospelcrooner und interpretiert Songs von Leonard Cohen über Tom Waits bis hin zu The Low Anthem.

War die Neuorientierung vom abgestanden schmeckenden Pop der 00er Jahre hin zu besinnlichen Coversongs zwischen Gospel und Rock`n Roll auf ‚Praise & Blame‚ vor zwei Jahren noch eine halbwegs große Überraschung, ist das als nahtlose Fortsetzung anzusehende 40. Studioalbum ‚Spirit in the Room‚ vom Fleck weg auf der sicheren Seite. Gleicher Produzent: Ethan Johns – Check! Gleiches Prinzip: Jones intoniert gefühlvoll sparsam inszenierte Fremdkompositionen mit mal mehr, mal weniger frommen Hintergrund – Check! Gleiche Wirkung: Jones auch im Alter noch immer wunderbar geschmeidig volle Stimme umgarnt das Ausgangsmaterial wieder würdevoll und stilsicher – Check!
Dass die ehemaligen Sexbomb im Netzshirt und getönter Frisur mittlerweile zum grau melierten Elder Statesmen geworden ist, von kredibilen Musikern bewundert (man frage nur Jack White) und ambitionierte Senkrechtstarter unterstützend (man sehe nur The Voice UK), rundet die musikalische Transformation noch glaubwürdiger ab, als dass Jones seit 2011 sogar Las Vegas den Rücken gekehrt hat.

Passend dazu wurden die – natürlich relativen -Extreme zwischen Laut und Leise, zwischen polterndem Blues- Rock und ruhigen Momenten der Gospel-Einkehr geschickt abgeschliffen, was dem geschmeidigen Albumfluss von ‚Spirit in the Room‚ zusätzliche Geltung verleiht. Das beginnt beim unheimlich gelungenen Leonard Cohen Tribut ‚Tower of Songs‚, der die Latte nur mit rostiger Akustikgitarre hoch legt und diese gegen Ende mit dezentem Streicheransatz sogar noch überflügelt. Den Willen zur Dramatik zeigen Jones und Johns immer wieder, im erhabenen ‚Charlie Darwin‚ der viel zu geheimen Folkrock-Macht The Low Anthem gar mit überdimensionalem Chor. Dabei ist die Grundmannschaft hinter ‚Spirit in the Room‚ eine deutlich kleinere, als noch auf ‚Praise & Blame‚: Warpaint Schlagzeugerin Stella Mozgawa hält sich zurück, Allroundmusiker Richard Causon bringt seine Vintage-Keyboarde gleichermaßen analog zur Geltung wie seine an Ryan Adams, Kings Of Leon und Rufus Wainwright geschulten Piano und Gitarrenarbeiten ,den Bass übernehmen Ian Jennings und Sam Dixon.

Sie treiben ‚Hit Or Miss‚ (Odetta) nah an den beschwingten Americana, lassen CCR-Anleihen zu und doch ist ‚(I Want To) Come Home‚ von Paul McCartney der große Pop-Moment der Platte. ‚Spirit in the Room‚ ist in seinen rockigeren Momenten besser aufgelegt als sein Vorgängeralbum, der Blues stapft dafür nachdenklicher durch das Studio: vom kargen Beginn von ‚Love and Blessings‚ (Paul Simon) zu dessen Cowbell-Beinahe-Funk ist es nur ein kurzer Weg, der hysterisch aufgeregt schlapfende Unheilsbringer ‚Soul Of A Man‚ (Blind Willie Johnson) geht dazu Hand in Hand. Dass Tom Waits‘ ‚Bad As Me‚ als gut gemeinte Verrücktheit der Piraterie umherschunkelt, lässt wohl nur durchgehen, wer das Original nicht kennt. Es bleibt die einzige Gelegenheit, bei der sich Jones vehebt – und selbst dass nur, weil er die Dinge falsch anpackt.
Das weise Gitarrengezupfe ‚Dimming Of The Day‚ (Richard Thompson) kann dagegen per se nicht schiefgehen, die staubigen Drumbeats in ‚Travelling Shoes‚ (Vera Hall Ward) marschieren mit heulender Pedal Steel bis zum hart stapfenden Manifest ‚All Blues Hail Mary‚ (Joe Henry), der als blueslastige Finale der Platte nur im Chorus Luft holen lässt. Frei atmen darf nach Ablauf der 38 Minuten ohnedies nur, wen die atmosphärisch dicht über ein kurzweilig düsteres Szenario gespannten Verneigungen wieder losgelassen haben.

Immer wieder tun sich auf ‚Spirit in the Room‚ Parallelen zur American Phase von Johnny Cash auf, mehr noch, als vor zwei Jahren mit ‚Praise & Blame‚. Jones so scheint es, hat seinen Rick Rubin gefunden, seine erhabene Spätphase unumkehrbar eingeleitet und fortgesetzt. Und um den zwangsläufig hinken müssenden Vergleich über Gebühr zu strapazieren: In seinen besten Momenten ist das ansatzweise in Reichweite des Man in Black. Freilich – die Stimme des Tigers ist nach wie vor geschmiert und die Aura des Überlebensgroßen fehlt. Obwohl ‚Spirit in the Room‚ genug eigene Strahlkraft besitzt, um für sich selbst stehen zu können – spätestens wenn Tom Jones in ‚Charlie Darwin‘ stimmlich doch recht nah an der Countrylegende singt, kommt der Vergleich immer wieder in den Sinn. Kommen Gedanken an Kris Kristofferson, John Denver, Bob Dylan – eben die ganz Großen auf. In diesem Umfeld ja nicht unüblich, diese in späten Lebensjahren mit musikalischer Reduktion im Instrumentarium und Arrangement die Schönheit der Songwritingkunst in den Vordergrund rückende Einkehr zur (gläubigen) Ruhe mit passendem Produzenten. Das passt: ‚Spirit in the Room‚ bastelt im Vorfeld an adäquater Geschichtsschreibung und verfestigt die Aussicht, dass Tom Jones nicht als partyfeierende Sexbomb und seine gebleichten Zähne bleckender Salonlöwe von Las Vegas in Erinnerung bleiben wird. Eine dieser Stimme würdiges Beibehalten der Kursänderung.

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