Wolfmother – Victorious

von am 21. Februar 2016 in Album

Wolfmother – Victorious

Ihr selbstbetiteltes Debüt bleibt bis auf weiteres das einzig durchwegs essentielle Album von Wolfmother. Dennoch gelingt es Andrew Stockdale auf ‚Victorious‚ hinter der prolongierten Rückkehr zur alten Stärke erstmals seit ‚Cosmic Egg‚ wieder erinnerungssürdige Stücke für den Kanon der australischen Retrorocker zu schreiben.

Geblieben ist von der 2014er Talsohle ‚New Crown‚ wenig. Allerhöchstens die Erinnerung an einen grottenschlechten, in seinen besten Augenblicken jedoch unkonventionell roh-energetischen Sound, dazu ein nur in Ansätzen zündendes Songwriting und vor allem aber die Aussicht, dass Andrew Stockdale das einstige Markenprodukt Wolfmother wohl endgültig gegen die Wand gefahren hatte.
Annähernd 2 Jahre später setzt Stockdale jedoch mit einem erstaunlich unbeugsamen Tatendrang alles daran, dieses Urteil zu revidieren, überlässt die (paradoxerweise angesichts des Vorgängers mutlos erscheinende) Produktion der Platte dem für nicht zu ruppige Schweißtreiber im fortgeschrittenen Alter spezialisierten Brendan O’Brien, der mit seinen Percussion-Skills neben Langzeitbasser Ian Peres (der diesmal jedoch nur für die Keyboard-Parts verantwortlich zeichnet, weil Stockdale neben dem Gesang alle Saiteninstrumente selbst einspielte) auch die diesmal aufgefahrene Allstar-Riege an den Drums um die allgegenwärtigen Josh Freese und Joey Waronker komplettiert.
Die großen Namen, sie haben Wolfmother offenbar noch nicht abgeschrieben. Mit dieser Zuversicht und dem drohenden Abgrund im Rücken startet Stockdale nun also erstaunlich gelöst in das vierte Studioalbum. ‚New Crown‚ scheint zumindest den Blick drauf geschärft zu haben, was essentiell für Wolfmother ist – und mögen das auch nur wieder gesteigerte Verkaufszahlen sein.

Gleich ‚The Love That You Give‚ bezieht seine Kraft insofern nicht primär aus dem Sound, sondern aus einem vital pressenden, knackig pointiertem Stoner-Riff ala The Sword, arbeitet drückend und flott mit kompakten Punch. Kein Geniestreich, aber ein außerordentlich zweckdienlicher Trademark-Opener über allen Erwartungen, dem man die uninspirierte Gesangslinie umstandslos verzeiht. Der folgende Titelsong setzt ohnedies unvermittelt noch einen drauf: Stockdale steuert den Song selbstsicher mitten rein in einen triumphierend ausholenden Refrain, die akustische Bridge mündet in einer astreinen Black Sabbath-Verbeugung. Der orgelschwangere Chorus im schwer stacksenden ‚Baroness‚ strahlt dann sogar sauber herausgeputzt für die größten Arenen des Planeten. Etwas zu bemüht vielleicht, aber was soll’s: Wolfmother sind mit einem erfreulichen Rundumschlag zurück im Geschäft.
Die unbändige Energie und Dringlichkeit der Phase von der ersten EP bis zum Debütalbum werden Wolfmother zwar wohl nie wieder einfangen können, aber ‚Victorious‚ hat bereits zu diesem Zeitpunkt soviel von dem wieder, was man zuletzt an der Band vermisste: Ein Gespür für tolle Melodien und retroschick zwingendes Gerocke, packendes Riffing und ambitionierte Power hinter der kurzweiligen Performance, man packt die Zugänglichkeit bei den Eiern.

Dass dieser Kurs aber auch direkt zum fragwürdigen Totalausfall ‚Pretty Peggy‚ führt, ist freilich ein anderes Kapitel und der kaum notwendige Tiefpunkt der Platte. Mit balladesker Aufgeblasenheit, schunkelnden Pfeifern und versöhnlichen Schellenklängen marschieren Stockdale und Co. mit der Brechstange mitten hinein in eine bemühte Hymne, ein beschämende anbiederndes Stück Stangenware-Pathos, das einerseits durchaus als potentielle, auf allen Ebenen uninspiriert hantierende Coverversion von fun.’s ‚Some Nights‚ durchgehen könnte und andererseits auch vorführt, dass Brendan O’Brien wie schon auf ‚Higher Truth‚ einfach sein Gespür für die gesunde Balance zwischen Zugänglichkeit und Eindimensionalität verloren hat.
Deutlich stilvoller gelingt dagegen ‚Best Of A Bad Situation‚, das sich ungefähr dort von Handclaps anfeuern lässt, wo The Darkness die folkige Seite von Queen erforschen.

Der Rest der Platte ist sehr viel souveräne Routine, die mal besser gelingt (der Classic Rock und Metal von ‚City Lights‚ und ‚The Simple Life‚ macht Spaß, ohne abseits eines Queens of The Stone Age-Ausbruches in letzterem besonders viele Überraschungen auf Lager zu haben), mal schlechter (‚Happy Face‚ ist einfach ermüdend vorhersehbar, ‚Eye Of The Beholder‚ fehlt es trotz psychedelischer Stimmungsmache an der nötigen Substanz, um die angestrebten Höhen zu erreichen), weil ‚Victorious‚ in diesen Augenblicken so klingt, als wären die Hauptinspiration der Platte die auch textlich gerne beschworenem Durchhalteparolen.
Was Wolfmother fehlt, sind Bandmitglieder und/oder ein Produzent, die Stockdale herausfordern, ihm einen weitschweifend fiebrigen Auslauf ermöglichen, ohne den Fokus auf das Wesentliche zu nehmen, ihm dabei auch eine derart leidenschaftliche Darbietung abringen wie etwa ein ‚Apple Tree‚. Der Autopilot ist aktuell einer der größten Feinde des 39 Jährigen.
Insofern ist eine Nummer wie das herrlich schmissige ‚Gypsy Caravan‚ in seiner zelebrierten Wolfmother-Essenz vielleicht momentan das höchste der Gefühle, die zudem den positiven Gesamteindruck von ‚Victorious‚ festigt. Denn das drittbeste Wolfmother-Album lässt die Qualitätskurve zum ersten Mal seit knapp einem Jahrzehnt nicht nach unten sinken, weswegen man Stockdale’s Vehikel durchaus wieder auf der Rechnung haben darf. Auch wenn die Vermutung in der Luft liegt, dass sich die Halbwertszeit von ‚Victorious‚ als relativ überschaubar erweisen könnte – eine Handvoll Songs hiervon wird im strapazierten Fanherzen bleiben.

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