Zach Bryan – With Heaven on Top
Seinem sechsten Studioalbum With Heaven in Top spendiert Zach Bryan als Sahnehäubchen obendrauf auch gleich eine Acoustic Version. Mit beiden Werken unterstreicht er, was für ein formelhaft zuverlässiger, extrem produktiver und konstant großartiger Songwriter er weiterhin ist – und, dass er sich als sein eigener Produzent selbst im Weg steht.
Kein This World’s a Giant oder High Road. Kein Blue Jeans, Dear Miss, Streets of London, River Washed Hair oder A Song for You. Keine Madeline oder Bowery. Und auch sonst keine der Kooperationen, die Zach Bryan mit den Kings of Leon oder Jack Van Cleaf aufgenommen hat. Nicht einer der zahlreichen Singles, die der 29 jährige im vergangenen Jahr veröffentlicht hat, findet sich auf dem proklamiert letzten Major-Studioalbum des frisch Vermählten Musikers.
Und dennoch fährt With Heaven on Top bei satten 78 Minuten Spielzeit 25 Tracks auf.
Nach dem vergleichsweise maßhaltenden Doppel aus dem 2024er-Meisterstück The Great American Bar Scene sowie dem bockstarken selbstbetitelten 2023er–Vorgänger erinnert dieses Volumen an die Schattenseiten von American Heartbreak (2022). Denn in dieser Quantität liegt natürlich eine Achillesferse der (nicht nur für eine EP) zu ausführlich ausgefallenen Platte.
Vor allem hinten raus verliert die Platte nämlich ihr Momentum, wenn die letzten fünf Songs sich wie das Finale von Die Rückkehr des Königs annehmen, und gefühlt ein Ende an das nächste hängen. Miles wäre als Einkehr des modernen Straßen-Cowboy in das Roadhouse bereits ein feiner Closer, bevor All Good Things als zuversichtlich nach vorne blickender, mit altmodischem Vibe ausgestatteter Epilog weiterstapft.
Und es geht noch über dessen Horizonthinaus, weswegen das solide Doppel aus Camper und Sundown Girls zu diesem Zeitpunkt, da der Spannungsbogen eigentlich bereits rund geschlossen worden wäre, mit dem Image als redundantes Füllmaterial zu kämpfen hat. Wo die Fülle aus Songs einige Nummern in einer relativen Gleichförmigkeit verschwimmen lässt und nicht mehr die verdiente Aufmerksamkeit generieren kann, gibt es tatsächlich zwar gar keinen Ausfall im Verlauf, bis der Titelsong noch einen sentimentalen Schlusspunkt setzt.
Doch Weniger wäre einfach Mehr gewesen.
Denn auch eingangs tut sich With Heaven in Top schwer, eine Linie zu finden, und kommt hinter dem Spoken Word-Intro Down, Down, Stream nicht wirklich schlüssig in Gang. Was in direkter Relation an einer anderen Achillesferse des Albums liegt – nämlich der eingangs bereits angeteaserten Produktions-Misere.
Wenn Zach Bryan sich auf einem Werk ohne Features (aber vielen freundschaftlichen) Erfüllungsgehilfen ganz auf sich selbst konzentriert und am Kern der Songs bleibt, ist With Heaven in Top meistens absolut großartig. Doch dass er seine Kompositionen immer wieder von einem mit Bläsern und Streichern ausgeschmückten Band-Kontext umsetzen lässt, schadet dem Material. Zu viele Songs klingen in dieser Inszenierung halbgar und unausgegoren. Die Arrangements haben etwas unbeholfen Generisches und beinahe Dilettantisches an sich, wirken ein wenig bemüht aufgesetzt und suggerieren, dass sie in dieser Form nicht das Maximum aus dem vorhandenen Potential abschöpfen.
Dem nach vorne ziehenden Anyways, in dem Bryan weich zwischen sanfter Ballade und Rocksong singt, fehlt es als stellvertretendes Beispiel für diesen Umstand etwa demonstrativ an Biss, der Protagonist geht nicht zwingend all in. Ein externer Produzent hätte den Fokus da gefühlt schärfen oder für mehr Reibung sorgen können – zumal die begleitenden Ausschmückungen nur selten derart tragend funktionieren, wie im filmischen Always Willin’.
So pendelt der Verlauf eben gerade eingangs unschlüssig im unausgegorenen Sequencing.
Nachdem sich das wundervolle Runny Eggs ruhig und bedächtig voller Nostalgie in Bewegung setzt, den Kerouac-Fan On the Road mit Gitarre und Mundharmonika im Folk zurück und nach vorne blicken lässt, über Gott („Tell him I’m sorry for the way that I am, and using his name before saying ‘damn,‘“), seine eigene kleine Welt und darüber, wie wertvolle Erinnerungen entstehen, reflektieren lässt, schwingt sich Appetite von den Bläsern mitgetragen als gemütlicher Singer Songwriter-Rock unaufgeregt auf, nur damit Deann’s Denim das Tempo gleich wieder wehmütig herausnimmt, wo ein kontemplatives Piano und ruhige Saiten das Storytelling begleiten, bevor Say Why mit einer kräftigeren Rhythmussektion schunkelnd als kurze, nette Eingängigkeit wie eine gemütlich beschwingte The National-Simplizität das Gewicht wieder drückender verlagert.
Weswegen die unmittelbar nachgereichte Acoustic-Reduktion von With Heaven on Top auch die kohärentere Version des Album abbildet. Die hier eingefangene Intimität („it’s just me n a room with a mic and guitar and a very pretty girl and a very small dog“) passt den Songs in Summe einfach natürlicher und besser. Zumal die grundlegend abwechslungsreiche Dynamik nicht nur erhalten bleibt, sondern auch phrasierter trägt, obgleich eigentlich nur (und: ausgerechnet – als Umkehrschluß zur Band-Version hier minimalistisch auftrumpfenden) Anyways einen spartanischen Beat als zusätzliche Klang-Facette zum kargen Instrumentarium addiert.
Was dann in Summe alles negativer klingt, als es tatsächlich ist. Denn obwohl With Heaven on Top so aus grandiosen Ausgangslagen oft nur tolle Songs macht (etwa beim soulig zurückgelehnten, feierlichen Drowning oder dem lebendig soviel Spaß machenden Santa Fe, das seine bratzenden Gitarren symptomatisch inkonsequent im Hintergrund parkt), und damit das triumphales Ereignis verschenkt, ist die Platte ungeachtet all dieser Kritikpunkte locker ein exzellentes, immer wieder auch mühelos herausragendes Album geworden.
Eines, das die Hits für das hauseigene Bryan-Best Of vielleicht nicht derart bestechend wie gewohnt auf dem Silbertablett serviert, letztlich jedoch zahlreiche neue Diskografie-Lieblinge aneinanderreiht.
Das countryeske Skin ist schlicht beseelt und schön, melancholisch und nostalgisch. Dry Deserts poltert erhebend. Die Passage aus dem für so viel Wirbel sorgenden Instant-Klassiker Bad News (das sich als politische Standort-Bestimmung in der Straßenmitte ebenso vor Mentor Springsteen verneigt wie später Aeroplane), dem angejazzt schippernden South and Pine sowie dem schmeichelnden Cannonball mit seiner großen Geste im bescheiden bleibenden Finale besticht absolut fabelhaft.
Slicked Back zeigt ungeniert seine Zuneigung für Learning to Fly und hängt sich ideal zum entspannten Classic Rock-Vibe von If They Come Lookin’, der hinten dran ein noch stärkeres Trio hofiert: Rivers and Creeks könnte (samt Rockabilly-Imitation) ein vergessener Ohrwurm aus Dawson’s 90er-Plattensammlung sein, derweil You Can Still Come Home eine Ahnung davon vermittelt, wie Damian Rice die Skizze eines Stadion-Songs aus dem Ärmel schütteln könnte. Und Plastic Cigarette unterstreicht in seiner finalen Version seinen Status als lange bekannter Fan-Favourite. „Well, I ain’t written a love song in so long as your hair leads down your spine/ But I don’t mind a few lines tonight, I’ll regret it for the rest of time“ singt Bryan und im richtigen Augenblick zielen seine Zeilen mit emotionaler Treffsicherheit unglaublich präzise in die Magengrube.
Nur eben: Aufgeteilt auf zwei Alben und im Idealfall von einem anderen Produzenten betreut, wäre dieser Punch wohl noch deutlicher ausgefallen.
With Heaven on Top:

With Heaven on Top (Acoustic):


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