Eminem – Revival

von am 24. Dezember 2017 in Album

Eminem – Revival

Traurig: Rap God Eminem präsentiert sich auf Revival endgültig nur noch als Schatten seiner selbst. Studioalbum Nummer Neun – sein bisher mit Abstand schwächstes – ist ein überlanges Potpourri aus beliebigen Anbiederungen und uninspirierten Geschmacklosigkeiten.

Vier Jahre nach der durchaus hoffnungsvoll entlassenden Bagatelle The Marshall Mathers LP 2 verkalkuliert sich die einstige Hip Hop-Gallionsfigur in einer bisweilen fassungslos entlassenden Ziellosigkeit: Lahm auf den Leib geschneiderte Sichherheitsnummern im Windschatten alter Raprock-Chartbreaker und eine latente Zeitgeist-Verdaulichkeit samt einer abonniert abgerufenen Trump-Wut lassen Slim Shady in eine (auf Albumlänge bisher) Beliebigkeit torkeln, die eine ohnedies mediokre Schaffensphase nach The Eminem Show locker unterbietet.
Der eröffnende Vorabtrack Walk on Water gibt die Richtung insofern durchaus symptomatisch vor: Über eine reduzierten Klavierballade rappt Eminem technisch versiert wie immer, hat seinen vielseitigen Flow aber zugunsten einer dauerhaft unter Grant stehenden Stumpfheit aufgegeben, agiert permanent nur noch bemüht angepisst. Vor dem selbstmitleidigen Hintergrund können solide Reime und ein grundsätzlich immer noch starkes Handwerk deswegen schon eingangs längst nicht mehr kaschieren, dass die Schlagqualität von Slim Shady routiniert unvariabel geworden ist, kein Druck mehr aufkommt, und die vermeintliche Härte ein Autopilot ist, der eine kaum noch pointierte Gleichförmigkeit aufwiegen soll.
Als Kontrastpunkt brächte es also Hilfe. Langsam schwellen deswegen zum klimpernden Pseudo-Soul die weichgespülten Streicher innerhalb der einstigen Angriffszone Eminems an, immer wieder raunzt Beyoncé den Fußnägel-aufrollenden Refrain betont gefühlsintensiv und mit enervierend theatralischer Makellosigkeit in das nicht aus dem Quark kommende Geschehen. Mehr forciertes Reißbrett geht praktisch nicht ist kein Problem für Revival.

Hat man es erst einmal durch die nervtötend pathetische Cut and Paste-Leadsingle geschafft, fängt die eigentliche Misere der Platte schließlich erst an. Als Album und Gesamtwerk ist Revival eine einzige unausgegorene Karambolage aus halbgaren Ideen, die sich weit (!) über Gebühr ausdehnen, ein Substandard aus seelenlos zusammengebastelten Songbanalitäten, über den Eminem scheinbar ohne jegliche Bindung zum musikalischen Grundgerüst sein Ding durchzieht. Alleine im opulenten Bad Husband scheint die große Geste der Nummer vollkommen willkürlich an einen weiteren Kim-Text getackert; Framed liefe gut dahin, doch warum Shady den (undankbarerweise durch seine Penetranz hängen bleibenden) Refrain derart unpassend heult, bleibt Ausdruck dafür, wie wenig symbiotisch Musik und Vocals hier sind. Noch eklatanter: In Offended zünded Eminem ein wahres Feuerwerk seiner Rap-Kunst und dreht den Strom impulsiv in den roten Bereich – doch der Track an sich ist reine Willkür und letztendlich vor allem extrem mühsam.
Zwischen einem skelettierten Digital-R&B-Minimalismus, typischen Crossover/Rocksamples (allesamt mit einem längeren Bart als Producer Rick Rubin selbst) und kantenlosem Pop-Annäherungen streckt sich die Platte so über die auslaugende Länge von 19 weitestgehend unfassbar ermüdenden Tracks und 78 Minuten, die wenig Licht erkennen lassen.
Believe etwa ist etwa durchaus nachdenklich gemeint und zumindest relativ stimmungsvoll, plätschert aber wie alles hier ohne zwingende Dynamik. Die austauschbare Trap-Annäherung Chloraseptic kann sich dann zumindest auf die Fahnen schreiben, dass die Trend-Prostitution weitaus peinlicher hätte ausfallen können – und Phresher als Gast ausnahmsweise tatsächlich so wirkt, als wäre er auf Revival geladen worden, weil er den Song an sich weiterbringt – nicht nur deswegen, weil er das Gewinnpotential der Platte durch eine Vergrößerung der Zielgruppe erhöht. Nachzuhören etwa im effektiven, aber so angenehm-harmlosen Ed Sheeran-Feature River, dessen glatte Langeweile auf Revival mitunter schon das höchste der Gefühle vermittelt – unterm Strich dann aber eben vor allem kaum der Rede wert ist.

Siehe auch: Like Home (Eminem zischt unter dem üblichen Dampf stehend über einen relaxter Beat mit Piano-Kitsch, kurz vor dem Stadion übernimmt Alicia Keys), Need Me (das praktisch als Pink-Nummer ohne jeden Charakter konzipiert wurde) oder Nowhere Fast (die dramatische Streicherorgie bleibt gleich blass wie Darling Kehlani) – Songs, die allesamt nach dem selben Muster gestrickt sind, aber höchstens netten Füllmaterial-Charme verstreuen.
Während sich Revival mit Fortdauer ohne klare Linie immer mehr in einer forcierten Alles-und-Nichts-Substanzlosigkeit verliert, stechen deswegen auch die Totalausfälle deutlicher aus dem  banalen Sammelsurium.  Heat etwa zeigt, wie wenig Rubin dem Genre außer ausgelutschten Riffs und stereotypen Beats zu bieten hat, Tragic Endings ist typische Skylar Grey-Stangenware in komplett verzichtbar. Untouchable addiert ein wenig Pfeffer zu seinem bouncenden Flair und verliert sich im altbackenen Sound jedoch in der perspektivenwechselnden Sehnsucht nach Credibility. Musikalisch ist der Track durch seine Wendungen zumindest hinten raus leidlich interessant, hat aber selbst dann keinerlei Biss, fesselt nicht, lässt Ecken und Kanten vollkommen vermissen – ein Paradebeispiel für die vielen Mankos des windschnittig gedachten Wendehalses Revival.

Noch brutaler wird die mangelnde Kreativität der Platte jedoch in den beiden Rohrkrepierer Remind Me und In Your Head offensichtlich, zwei schockierende Totalausfälle: Mathers und seine Produzentenriege sampeln I Love Rock ’n‘ Roll (Joan Jett and the Blackhearts) sowie Zombie (The Cranberries) so unfassbar überholt, billig und plakativ in die Stimmungsmusik-Kerbe von Songs wie Sing for the Moment schlagend, dass ein ansonsten mit der Bitterkeit ringender Eminem plötzlich nicht mehr nur irrelevant wirkt, sondern geradezu verzweifelt mit der Standionanheizer-Brechstange gegen die eigene (inhaltliche und musikalische) Bedeutungslosigkeit arbeitet. Und hilflos untergeht.
Das Hitpotential entsteht hier rein durch Brachialität und einen nostalgisch konstruierten, aber nur unsagbar stupide zündenden Mitgröhlfaktor. Selbst in diesen am verzweifeltsten der eigenen Vergangenheit hinterher hechelnden Bodenlosigkeiten mit tragigkomischer Ärgerlichkeit wollen Eminem selbst zudem keine zwingende Hooks (geschweige denn ikonische Szenen) gelingen, vertändelt sich Shady und seine uninspirierte Produzentenschar in einem paradoxen Wechselbad aus dem Verwässern eigentlicher Stärken und einer dennoch vollkommenen risikobefreit auftretenden Gesichtslosigkeit: Revival sitzt gleichzeitig orientierungslos zwischen zu vielen Stühlen und mutet trotzdem vollkommen ambitionslos und blutleer an, lässt jedwedes Gefühl (im Umgang mit seinen Grundzutaten, seiner Orientierung, seiner Ästhetik,…..) vermissen.
Die Erwartungshaltungen locker untertauchend wird Revival dadurch eine zutiefst enttäuschende Angelegenheit: In seinen besten weniger schlechten Momenten ist das Album schlichtweg eine vollkommen egal nebenbei laufende Discografieergänzung, in seinen schwächsten ein einziger Offenbarungseid; ein Armutszeugnis für einen mittlerweile zahnlosen Berserker und seine satte Studioschar um Dr. Dre, das weniger die erhoffte Wieder- als vielmehr eine brutale Totgeburt darstellt.

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  • 2017: Die Alben des Jahres - HeavyPop.at - […] oder halbgaren Stadiongesten verloren, während die finanziellen Big Player für Egalitäten und Offenbarungseide sorgten, folgt an dieser Stelle nun…

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