Spidergawd – IV

von am 7. März 2017 in Album

Spidergawd – IV

Trommelmonster Kenneth Kapstad ist bei Motorpsycho raus, deren  Bent Sæther hat wiederum seinen Posten bei Spidergawd geräumt. Dass die Verbindungen zur norwegischen Prog-Institution gekappt wurden, hört man den weiterhin vor Spielwut überschäumenden Mannen um Per Borten auf ihrem mittlerweile vierten Album im vierten Jahr nun auch durchaus an: Ein Paradigmenwechsel!

Alleine die weiterhin konsequente Nummerierung im Albumtitel suggeriert zwar ganz folgerichtig, dass sich mit den personellen Abnabelungsprozess keine vollkommene Zäsur für Spidergawd ereignet hat. Dennoch verschiebt Album Nummer IV (mit Ausnahme des knapp 9 minütigen What Must Come to Pass, einem mit Mundharmonika unterfütterter Outlaw-Blues, der  unheilschwanger heult, bis Borten die Riffkaskaden überstülpt und die Nummer virtuos mit einer episch schwelgenden Weite als fokussierter Jam auflöst) die Gewichtung vom Prog der Motorpsycho’schen Prägung nun doch merklich weiter hin zum Heavy/Hard Rock und Metal der späten 70er und 80er – zu Kiss, Blue Cheer und der NWOBHM. Zu weniger offensichtlicher Psychedelik und mehr kompakt angreifender Härte; den Kopf weniger hypnotisch in den Wolken hängend und die Beine dafür breiter positioniert.
Symptomatisch: Wo Rolf Martin Snustad mit seinem Saxofon auf den grandiosen Teilen III, II und I und noch exaltiert strawanzen durfte, stellt er seine Skills nun ohne eigenes Spotlight gänzlich in den Dienst der nach vorne gehenden Ohrwürmer, springt in den Schwung der Arrangements, arbeitet als zusätzlicher Zünststoff für die Gitarrenbreitsaiten.

Während das eröffnende Is This Love? also gleich die in Titel getragene Frage in den Raum stellt, ob die kurskorrigierende Neuausrichtung die Power der Kombo ähnlich zünden lässt, wie die drei Vorgängerplatten es taten, beantworten Spidergawd diese unmittelbar mit der für die Band so typischen Drive und einer schwitzenden Impulsivität, indem das Quartett die Batterien energiegeladen nach vorne getrieben hochfährt, ein fast schon doomiges Sabbath-Riff anbrät und Borten ein erstes von zahlreichen liebestollen Soli hinten nach gniddelt, dazu aber noch einen brillianten Refrain (!) zum Niderknien (!!) voller umwerfender Euphorie drüberstreut und eine Schmissigkeit zelebriert, die sich gewaschen hat.
Den relativen Kritikpunkt, dass IV das Level nach diesem furiosen Start in weiterer Folge nicht vollends halten kann, umgehen Spidergawd danach geschickt, indem sie ihre neuen Vorlieben mit einer feinen Vielseitigkeit durchdeklinieren und in einen rundum starken Albumfluss betten.

I am the Night bringt so etwa den Mountain Song von Jane’s Adicction über die Ursuppe des Metal zur ausufernden Wahwah-Extase, während Ballad of a Millionaire (Song for Elina) seine Melancholie mit einer sehnsüchtigen Größe entlang der Queens of the Stone Age hochocht und What You Have Become den Druck erzeugen kann, den die zuletzt schwächelnden Foo Fighters auf One by One nicht gänzlich in ihr Songwriting übersetzen konnten. Heaven Comes Tomorrow gibt dann den Roadrock auf der Überholspur und nähert sich Thin Lizzy über eine heroische Gitarrenarbeit an, die aktuell wohl auch Kvelertak gefallen könnte, bevor sich Spidergawd im abschließenden Stampfer Stranglehold ohnedies vorbehalten stoisch die Midtempo-Tore zum Stadion zu öffnen, auch wenn die endgültige Befriedigung mit einem zu abrupten Ende ausbleibt.
Dass Album Nummer IV hinter seiner Eingängigkeit und dringlichen Präsenz immer wieder auch Momente hat, in denen Spidergawd das Potential ihre Songs nicht bedingungslos abschöpfen, wird deswegen auch niemals deutlicher als in LouCille – dort kocht das Quartett Spannungen und Erwartungen auf, die in keiner handfesten Melodie oder Hook- Entladung enden, sondern nur in einem ambitionierten Instrumentenwirbelsturm hinauslaufen.

Wo die Wurzeln aller Kompositionen liegen, ist nicht nur hier zu jedem Moment deutlich. Ebenso, dass die endgültigen Qualitäten dieser 41 Minuten wohl erst live und auf der Bühne destilliert werden, vorhandene Luft für noch engere Dynamiken genutzt werden dürfte. Auch so bleibt die Schnittmenge aus Quantität und Qualität jedoch auch auf Tonträger absolut beeindruckend.
Mehr noch: Die Produktivität der Norweger zeigt auch nach diesem vielleicht notwendigen Paradigmenwechsel keinerlei Ermüdungserscheinungen, im Gegenteil. Mit dem immer wieder großartig treibende Linien liefernden Neo-Bassisten Hallvard “The Kid” Gaardløs haben Borten, Snustad und der wie immer funkensprühende Kapstad den Abgang von Sæther nicht nur nahtlos kompensiert, sondern treten auch aus dem Schatten der ehemaligen Schwesterband und haben ihrem ansteckenden Rock’n’Roll auch einen neuen Hunger, eine andere Art der Fiebrigkeit injiziert. Album Nummer V kann insofern kaum früh genug kommen.

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