Thundercat – Drunk

von am 11. März 2017 in Album

Thundercat – Drunk

Auch auf seinem dritten Soloalbum tobt sich Thundercat Stephen Bruner als der unzähmbar bunte Hund der Brainfeeder-Truppe aus: Drunk zerfasert es genüsslich unfokussiert zwischen angedeutetem Genie, prätentiöser Nebensächlichkeit und exzentrisch zelebrierten Unsinn.

Der relative Fokus, den sich Bruner auf der The Beyond / Where the Giants Roam-EP 2015 verordnet hatte, war in gewisser Weise also eine falsche Fährte: Thundercat ist für das Albumformat weiterhin nicht an bedingungsloser Kohärenz oder nahtlosigkeit Strukturiertheit interessiert, lässt im Gegensatz zu seinen zumeist so ernst agierenden Brainfeeder-Kollegen Kamasi Washington und Flying Lotus mit einer fast schon kindlichen Freude das Unperfekte zu und hofiert entlang einer sorglosen Impulsivität ein Schaulaufen der obskuren Einfälle in der allgegenwärtigen Virtuosität.
Drunk tobt sich deswegen kurzweilige 51 Minuten (oder satte 23 Tacks lang, von denen es die Mac Miller-Kollaboration Hi noch nicht einmal auf die reguläre Version geschafft hat) nach Herzenslust und ständig wechselnder Laune als Sammelsurium der losen Ideen aus. Das besteht aus durchgewunkenen Skizzen und überflogenen Fragmente, herausragenden Einzelszenen und beliebig bleibenden Sackgassen, nerdigen Querverweisen und Absurditäten, überschäumenden Kompositionsbaustellen und freigeistig verschweißten Unausgegorenheit. Elektro-Fusion Jazz, Westcoast-Hip Hop, Space-Funk, Avantgarde-Prog, Pop-Versatzstücke – alles ist auf diesem sonnig-abgründig durchrauschenden Fleckerlteppich möglich.

Dass Thundercat tatsächlich auch einmal Bock auf runde Songs hat, blitzt in dem turbulenten Reigen hingegen nur selten auf – vordergründig immer dann, wenn Bruner eine gewisse Gastgebermentalität an den Tag legt.
Show You the Way mit dem tollen Michael McDonald (Steely Dan, The Doobie Brothers) und Kenny (Footloose/Danger Zone) Loggins ist dann ein halbseiden traumwandelndes Disco-Mäandern mit retrofuturistischen 80er-Flair, das verführerisch schmeichelnde Walk On By wird spätestens durch Spezi Kendrick Lamar geadelt. Wiz Khalifa veredelt wiederum das romantisch zur lyrisch hemmungslosen Alk-Party plätschernde Drink Dat und The Turn Down bietet einem im Klangbild verschwimmenden Pharrell im psychedelischen Wabbern hypnotische Gegebenheiten.
Was sonst noch hängen bleibt? Das geschmeidige Bus In These Streets bezaubert wie auch das dösende Lava Lamp (nomen est omen) ohne konkreten Kern. Tokyo grummelt hektisch im blinkenden Neonlicht und das flippig schlapfende Friend Zone gibt die beliebige Schulter zum Anlehnen. Das abgedämpft-pulsierend pumpende Where I’m Going deutet großes an, ist aber letztendlich wie so vieles hier leider gefühltermaßen reines Intermezzo. Und natürlich das großartige Them Changes, das Thundercat als Highlight schlauerweise direkt von The Beyond / Where the Giants Roam übernommen hat.

Dann hat Drunk aber letztendlich auch seine besten Phasen. Denn es mag amüsant sein, wenn Captain Stupido furzt und schnarcht, sich das gefühlvoll groovende A Fan’s Mail (Tron Song Suite II) durch die Liebe zu Katzen miaut oder der Lounge-Jazz von Uh Uh mit seinem schlichtweg furiosen Basslauf rein technisch absolut faszinierend fesselt – und selbst die von Bruner leider kurioserweise favorisierten E-Drums (wo der Mann live doch absolute Schlagzeug-Koryphäen im Gepäck hat!) verunstalten Drunk (wie auch die stets ähnlich daherkommenden Alibi-Gesangs-Säusel-Melodien) nur bis zu einem gewissen Grad.
Aber immer wenn sich Thundercat ohne Maß und Ziel von seiner übersprudelnden Inspiration mitreißen lässt, mit keinen schlüssigen Strukturen entlohnt, sondern sich ohne erkennbare Balance (im Spannungsfeld von Ernst und Humor) in all die sprunghaft aufblitzenden Impressionen und Impulse verlieren, begnügt sich Drunk wie schon seine Vorgänger The Golden Age of Apocalypse und Apocalypse damit, zum hippen Spektakel zu werden, das eher im Hintergrund funktioniert, als tatsächliche aktive Emotionen hervorzurufen.
Es fehlt auch abseits des stets lauernden Leerlaufs schlichtweg der Fokus, eine Entschlackung und Gewichtung des vorhandenen Materials – lose Einzeltracks hätten zu kompletten Songs zu Ende gedacht, oder zumindest synergetisch verbunden werden sollen. Thundercat frustriert oder langweilt mit dem über weite Strecken wie ein unfertiger Rohentwurf daherkommenden Drunk zwar (paradoxerweise gerade auch wegen seiner Beschaffenheit) zu keiner Sekunde – ein rundum befriedigendes, kohärentes Album will ihm allerdings auch hinter einem derart stilvollen Cover abermals nicht gelingen.

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