AFI – The Missing Man

von am 14. Dezember 2018 in EP

AFI – The Missing Man

Wieder mit mehr Zug zur punkigen Eingängigkeit, aber weiterhin ohne die nachhaltige Klasse von einst: AFI agieren auf The Missing Man, ihrer ersten EP-Veröffentlichung seit knapp 16 Jahren, schmissig wie lange nicht.

Man kann die 16 Minuten der versammelten 5 Songs dabei wohl durchaus als erfrischende Reaktion auf das Blood Album aus dem vergangenen Jahr verstehen. Immerhin ist von diesem knapp 22 Monate später außer der Erinnerung daran, dass der potentiell subversivere, alle Bandphasen umspannende Ansatz der Platte an sich begrüßenswert war, explizit nur wenig übrig geblieben – im Langzeitgedächtnis konnte sich eher die Atmosphäre der Platte halten, kaum aber das Songmaterial an sich.
The Missing Man setzt eben dort an, konzentriert sich wieder auf speziellere Epochen und sucht praktisch unmittelbar einen flotteren, zwingenderen Ton: Trash Bat ist noch mehr Aushängesingle als der Vorbote Get Dark, als energischer Punkrock irgendwo zwischen Decemberunderground und Crash Love ausgestattet mit dem hungrigen Feuer von The Art of Drowning, der deutlich angriffslustiger und energischer als zuletzt eine durchaus willkommene Unmittelbarkeit entfacht. Der Rhythmus drückt, die Toms rollen und die Gitarren funkeln, die Hymne schwitzt im Pit und wird auch in 22 Monaten noch sitzen. AFI geben sich zudem viel Mühe, den Song durch kompositorische Kniffe wie Wave-Einsprengsel und Tempowechsel interessant zu halten – im Grunde dreht sich aber alles um den der extrem eingängigen Refrain, der immer wieder repetiert wird und eine gewisse Penetranz als Botenstoff wählt.

Schon früh ist also klar: Auch wenn AFI sich auf energischere Tugenden besinnen und mehr direkte Energie freisetzen, bleiben Probleme der letzten eineinhalb Dekaden über der Substanz leider bestehen.
Die Produktion täuscht den Dreck nur an und ist hinter der gelungen fettfreien Ballastfreiheit noch immer zu glatt und poliert, das Songwriting präsentiert sich vorhersehbar und bleibt ohne Tiefe relativ flüchtig. Die Rückkehr zu einer griffigeren Eingängigkeit – denn extrem catchy ist hier jeder Song! – erhöht zudem proportional den potentiell an den Nerven zehren Grad der Abnutzung, wenn AFI trotz der allgemeinen Kompaktheit etwaige Passagen und Refrains bis zur Erschöpfung wiederholen.
Dabei hätte es dieses Gefühl der schnell zu durchschauenden Eindimensionalität gar nicht notwendigerweise geben müssen. Immerhin variieren der seltsam studiokorrigiert klingende Pathos-Meister Davey Havok und Co. die Dynamik und Ausrichtung von The Missing Man durchaus effektiv, zeigen immer wieder einen angenehmen Biss im Auftreten.

Break Angels praktiziert dafür eine AFI-typische theatralische Melodramatik und Spannung, die man so kurzweilig schon lange nicht mehr bei der Band gehört hat, schickt seine Sehnsucht mit Synthieschimmer durch eine Prägnanz, die im jüngeren Rückspiegel auch Seltenheitswert im Konzept hatte – mögen auch die tatsächlichen Ecken und Kanten fehlen. Back Into the Sun gibt sich dagegen als Mittelpunkt der EP kontemplativer und getragener, wehmütiger. Hinten raus täuscht die stimmungsvolle Nummer sogar das intime Lagerfeuer an, bremst den Zug der Platte also generell angenehm herunter. Get Dark lässt den Drive jedoch trotzdem noch einmal dezidiert auflodern, twistet zum knackigen Rock’n’Roll und packt für den superschmissigen Refrain den Poppunk aus, bevor der schwache Titelsong als einzige Annäherung an einen Ausfall balladesker ausgelegt mit orientalischer Psychedelik-Patina flirtet, jedoch eher versöhnlich plätschernd, als experimentell veranlagt ist.
Und freilich schließt all das wegen eines latenten Hanges zur Belanglosigkeit in der Inszenierung qualitativ auch keineswegs an die Heydays der Band von 1997 bis 2004 an – wo das Bedürfnis, zu diesem Kurzformat zurückzukehren, sich wohl gerade auf Sicht in Grenzen halten wird, wird es sich doch als durchpustender Akt der Gewichtsreduktion positionieren. Das zuverlässige The Missing Man macht zumindest während des Konsums durchwegs Spaß und erweitert die Diskografie der Kalifornier damit gelungen, bringt die Dinge auf einen simpleren Nenner. Vor allem aber befeuert die EP damit die irgendwo im Hinterkopf keimende Hoffnung, dass AFI doch noch irgendwann wieder an (mittel)alte Glanztaten anschließen könnten, sogar um das Quäntchen mitreißender als Burials und The Blood Album das taten.

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