Bob Dylan – Tempest

von am 7. September 2012 in Reviews

Bob Dylan – Tempest

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Zahlreiche Mutmaßungen und Fragen im Vorfeld des 35. Bob Dylan Albums an dessen vorläufigen Ende nun  die Veröffentlichung von ‚Tempest‚ steht: einem weiteren solchen aus der Urbrühe von Blues, Folk und Rock aufgekochtes Taditionswerk, wie Dylan sie es dem letzten Jahrzehnten so versiert zu schreiben pflegt.

Großes Geschrei nach der Namensfestlegung für sein 35. Werk, ein halbes Jahrhundert nach Dylans Debütalbum und nahezu auf den Tag genau elf  Jahre seit dem Milleniumseinstand ‚Love and Theft‚. Weil der ausgewiesene Shakespeare-Kenner formely known as Robert Zimmermann sein Idol sicherlich nicht zufällig insofern bemühe, indem er den Albumtitel an dessen abschließendes Werk ‚The Tempest‚ anlehne. Ergo: ‚Tempest‚ muss auch Dylans finaler Abgesang sein, da waren sich Hinz und Kunz sicher. Anti-Dylanologe Dylan kommt allen diesbezüglich rotierenden Dylanologen jedoch zuvor und stellt klar: „Shakespeare’s last play was called ‚The Tempest‚. It wasn’t called just plain ‚Tempest‘. The name of my record is just plain ‚Tempest‘. It’s two different titles.„. Genau dieser Fokus auf Kleinigkeiten ist es auch, der Dylans ‚Tempest‚ auszeichnet und bereits jetzt allerorts die – verfrühten – Klassiker-Jubelgesänge anstimmen lässt.

Wer da von Dylans besten Album seit soundsovielen Jahren schwärmt (bevorzug scheint hier eben ‚Love and Theft‚ herangezogen zu werden) , übersieht jedoch auch ein wenig, dass in dessen Spätwerk höchstens das phasenweise dröge Altherrenalbum ‚Together Through Life‚ schwächelte – ein leidlich notwendiges Weihnachtsalbum einmal außen vor gelassen – und der als Ursprungsarcheologe auftretende Musikhistoriker Dylan sich selbst und seinen Forschungen auf ‚Tempest‚ zwar eine Frischzellenkur durchzieht, es aber auch diesmal letztendlich und natürlich nahezu ausschließlich darum geht, im traditionellen Fundus amerikanischer Musik zu fischen, zu ergründen und zu verinnerlichen. Jenes Grundmotiv also anvisierend, dem folgend die zehn neuen Stücken zu gleichen Teilen auch anstandslos auf zumindest den letzten drei Studioalben verteilt hätten werden können – ‚Time Out of Mind‚ also nach wie vor als DAS herausragende Alterswerk bleibt. Man kann aber eben auch ganz leger behaupten: für ‚Temper‚ bezieht Dylan nun nicht nur das Œuvre seiner Theme Time Radio Show mit ein, sondern reflektiert erstmals auch wirklich sein eigenes Schaffen im Kontext des abgedeckten Kanons.

Immer wieder grätschen Reminiszenzen an eigene Großtaten durch das Bild, hier taucht ‚Desolation Row‚ auf, dort ‚Man in the Long Black Coat‘, ‚Tombstone Blues‚ oder ‚Ballad of a Thin Man‘ – Déjà-vus drängen sich förmlich auf. Nicht zuletzt dank der etablierten Variationsmarathonläufe seiner „Never Ending Tour“ ist Dylan aber wohl einer der wenigen Künstler, dem man das Abpausen oder Inspirieren lassen und Neuauslegen nicht vorhält, sondern mehr noch, diese Ummodelierungen sogar hoch anrechnet. Dass ein beschwingtes ‚Narrow Way‚ und die vorab bekannte Schwachstelle ‚Early Roman Kings‚ (mit Muddy Waters ‚Mannish Boy‚-Riff) in dieser Gangart jedoch zu nahverwandten Auffassungen des selben, klassischen Blues-Themas geworden sind (einmal eben munterer, ausgelassener, rockiger, sogar den Refrain der Mississippi Sheiks Nummer ‚You’ll Work Down to Me Someday‚ von 1934 nutzend ; dann hingegen entspannter mit Mundharmonika, Ausnahmegitarrist David Hidalgo dezent verheizend und in seiner Vorhersagbarkeit etwas altbacken und gar ermüdend – jedoch letztendlich den Albumfluss unterstützend), die sich andere Musiker abseits des Legendenstatus derart unkaschiert hintereinander abgeliefert nicht leisten dürften, blendet die Scheuklappe der treuen Ergebenheit problemlos ab. Sie erfüllen die restlichen eingesetzten Mosaikteilen aus den wieder verwendeten Ursprüngen des Blues, des Rock und Folk von eben Muddy Waters bis gar Louis Armstrong gewohnt problemlos und grandios. Dass man sich im Video zur ersten Singleauskoppelung ‚Duquesne Whistle‚ optisch dezent an jüngere Semester wie The Verve oder Massive Attack erinnert fühlen kann, sagt freilich nichts über die Ausrichtung von ‚Tempest‚ aus.

Sehr wohl aber gibts jenes ‚Dusquene Whistle‚ in seinem unheimlich beschwingt mitreißenden Zweiviertel-Ragtime-Swing in seiner musikalischen Offenheit die Ausrichtung der ersten Plattenhälfte an: ‚Tempest‚ ist eine variantenreiche, flotte und vielschichtige Platte geworden, die den Sound der Liveband Dylans gefühlvoll in den eigenen vier Wänden aufwärmt und das auf dem Regiestuhl seitzende Alter Ego Jack Frost immer mehr auf Augenhöhe zu Dylans Produzentenhoheit Daniel Llanois aufhebt. Erst ab der Hälfte, nach ‚Pay in Blood‚, kippt diese beinahe amüsierte Lockerheit in der Musik auffällig – warum da im Vorfeld von Dylans dunkelsten Werk die Rede war, klärt sich spätestens dann zumindest im Ansatz auf. Ist die Dunkelheit hier doch eher eine gemächliche, annähernd entspannte Rahmenhandlung und zudem Schaulaufen für die versierten Künste der Backingband um Charlie Sexton, Stu Kimball, Donnie Heron, George Receli und Tony Garnier, manifestiert sich jedoch vordergründig in den Hochleistungstexten Dylans: Der 71 zeigt sich auf einer weiteren Höhe seines Könnens, zitiert Revolverhelden, Spieler und sonstige Strauchdiebe durch seine Songs, vor allem aber meuchelt er sich durch die Protagonisten und Alter Egos, bis sich die Leichen türmen. Er singt Dinge wie „Ever since the British burned the White House down/ There’s a bleeding wound in the heart of town“ oder „I’ll put you in a chain that you never will break/ Legs and arms and body and bone/I pay in blood, but not my own“ und auch wenn man nicht alle Lobhuldigungen an ‚Tempest‚ nachvollziehen können muss: lyrisch besser war der phasenweise beklemmend intensiv auftretende Dylan tatsächlich schon lange nicht mehr.

My enemy crashed into the dust/ Stopped dead in his tracks and he lost his lust/ He was run down hard and he broke apart/ He died in shame he had a iron heart.“ singt Dylan in ‚Long And Wasted Years‘, einem beinahe freundlich einladenden Schunkler, in dem der Schein wie so oft hier trügt. Ähnlich dem letzten Tom Waits Album ‚Bad As Me‚ ist ‚Tempest‚ grundsätzlich betrachtet bloß mehr vom selben, allerdings eben derart selbstverständlich und souverän am eigenen Können aufgezogen, dass es eine wahre Freude ist, spielt ein gut aufgelegter Dylan doch immer noch in seiner eignen Liga. Was bei Waits jedoch allein aufgrund seiner über die Stränge schlagenden Irrsinnsattacken vom ersten Moment an mitreißt und begeistert, wächst bei Dylan diesmal eher aus der Ernüchterung des Altbekannten, dann aber unaufhörlich voran.
Gesunkene Erwartungshaltungen aufgrund von ‚Together Through Live‚ überhöhen ‚Tempest‚ nicht künstlich. Vermutlich.
Letztendlich unwichtig, wenn Bob Dylan im 35. Anlauf einen Spielwitz sondergleichen transportiert. Womit dann ein weiterer Bogen zu Waits geschlagen wäre und der ultimative erst kommt: Dylans nölende (Singsprech-) Stimme ist mittlerweile derart roh, rauh, angekratzt und wettergegerbt, als hätte er seit 50 Jahren Hardcore geschrien, er ist als Elder Statesman-Variante des ewigen Hobos Tom Waits im Alter sogar  wahlweise: stimmlich besser denn je.

Mit ihr veredelt er ‚Soon After Midnight‚ gefühlvoll, in dem Dylan anfangs aus dem Nebenzimmer Playback zu singen scheint und die bald voll einsteigende Band früh an einem zukünftigen, unheimlich zärtlichen Klassiker im balladesken Gewandt werkelt. Danach wirft man sich in Posen: ‚Pay In Blood‚ ist ein elegant schwadronierender Bad-Ass Rocker mit cool gesenkten Mundwinkeln, ‚Scarlet Town‚ ist eine dunkle, trieste aber hoffnungsspendende Banjoballade, das an den heuer theoretisch 100 Jahre alt werdenden Dylan Mentor Woody Guthrie angelehnte ‚Tin Angel‚ wandert gemächlich der Verdammnis entgegen, ist Formvollendung im Storytellermodus und doch auch christlicher Tribut. Das viel zitierte abschließende ‚Roll On John‚ erweist hingegen herzarwärmend ergreifend John Lennon die Ehre, das Dylan dies mit etlichen Kunstgriffen im Beatles-Fundus tut (‚A Day in Life‚, ‚Come Together‚), edelt seine Kunst alleine. Über ‚Tempest‚ zu schreiben heißt jedoch auch, den knapp vierzehnminütigen Titelsong hervorzuheben: mit seinen 45 Strophen und keinem Refrain; mit seiner von Fakten losgelösten Herzbebenschilderung des Untergangs und noch mehr Toten in den Texten; mit seiner irischen Ausrichtung samt Fidel und Piano, wieder der Ziehharmonika ganz hinten; und natürlich der übrigbleibenden Frage, ob da nur dieser oder jener Leo gemeint sei, auch wenn Dylan selber sagt: „Yeah, Leo. I don’t think the song would be the same without him. Or the movie.“ Und man eben wieder doch nicht genau weiß, ob er in dieser Formulierung nicht doch von zwei verschiedenen Personen spricht.

Unwichtig im Endeffekt, wenn ‚Tempest‚ in seine Geschichten aus Verrat, Liebe und Vergebung, über Liebe und Morde, Hoffnungen und ewige Verdammnis, die Vergänglichkeit und die wenigen beständigen Dinge des Lebens an sich versinken lässt. Dass das Album da mancherorts schon jetzt auf eine Stufe mit den größten Dylan Klassikern gestellt wird, ist natürlich Unsinn. Dass es das beste Album seit ‚Love and Theft‚ ist – eigentlich nicht. Parallelen zwischen den beiden Werken tun sich nicht nur in ihrer Vielschichtigkeit, Wandelbarkeit und, ja auch potentiellen Hittauglichkeit (allen voran natürlich ‚Duquesne Whistle‚) und zwahlreichen der eingängigsten Songs seines jüngeren Schaffens auf. So fühlt sich ‚Tempest‚ auch wie der Schluß des Kreises in einer Trilogie der Ahnenforschung an; mit seiner Huldigung an Freunde, Kollegen und deren Songs hier sogar wie eine ambitionierte Zusammenfassung der letzten 100 Jahre Musikgeschichte. Ob es tatsächlichs Dylans letztes Werk sein wird, kann da freilich nur die Zukunft zeigen. Dass es kein überragendes (siehe eben wieder: ‚Time Out of Mind‚) aber zumindest absolut würdiges Abschiedswerk wäre, steht hingegen schon jetzt fest. Schade wäre es dennoch. Denn unterhaltsamer zu hören als auf diesem unaufregenden Grower war Dylan schon lange nicht mehr.

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