Boris – No World Tour „In Your Head“ 2021

von am 7. Oktober 2021 in Livealbum

Boris – No World Tour „In Your Head“ 2021

Den Preis für den besten Live-Album-Titel hat die doppeldeutige Wortspiel-Kombination von No World Tour „In Your Head“ 2021 bereits sicher. Noch stärker ist nur die Show dahinter.

Denn während all die Boris-Alben in 10er-Jahren stets besser als ihr oftmals durchwachsener Ruf waren, können auch die nahezu ausnahmslosen Jubelrufe über den 2020er-Output der Band diesem kaum gerecht werden: Noch vor den Kollaborationen リフレイン (Refrain) und 2R0I2P0 ist NO das stärkste, kohärenteste Album der Japaner seit Smile von 2008.
Da ist es nur angemessen, dass Boris dem aus Crust und Frustration, Sludge und Aggression, Thrash und Angepisstheit geborenen Wirbelsturm in der Zeit der Nicht-Livetouren ein ausführliches Streaming-Spektakel spendierten. Inklusive innovativem 360 Grad-Konzept, in der man quasi per Handy bestimmen konnte, worauf der Fokus der Show liegen soll (was dann fast schon als ein postmodernes Meta-Statement hinsichtlich der Zustände auf Konzerten vor der Pandemie gewertet werden kann).

Oder:„You will experience a Boris show where YOU are at center stage. Since the Coronavirus is still ruling the world, we are unable to tour overseas. With this NO stream, we are taking a new approach and we are going to visit you directly in your head. I’m looking forward to it. Mosh in your room. Mosh alone!
Auch ohne den visuellen Kniff funktioniert No World Tour „In Your Head“ 2021 allerdings hervorragend, wie man nun im mittlerweile überquellenden Bandcamp von Boris nachhören kann.

Für den Auftritt zum Quartett gewachsen – Muchio (Vocal & Drums) erledigt hinter Atsuo (Vocal, Electronics), Takeshi (Vocal, Bass & Guitar) und Wata (Guitar & Echo) einen tollen Job, treibt kraftvoll und mit roher Energie an – zelebrieren Boris eine absolut ansteckende Spielfreude und distanzlose Intensität, entfernen sich nicht allzu weit von den Studioversionen, verpassen dem Material aber trotzdem noch einmal eine Frischzellenkur, über die man sich nach dem spendierten Bonus-Horror-Intro In Your Head in seiner nebulös Inszenierung gewissermaßen noch einmal neu in NO verlieben kann – egal ob in den tonnenschwer schleppenden Doom von Genesis, das sich nun fast selbst überholende Temple of Hatred, das wie verflucht heulende, gepeinigt 鏡 -Zerkalo- oder den orgasmischen Wahnsinn des im von Fundamental Error zu Loveless überspringenden, so mitreißend kanalisierten Exzess.

Der einzige Setlist-technische Ausbruch aus dem chronologisch und zur Gänze gespielten Werk aus dem Vorjahr – das hymnisch im Punkrock freistehende Quicksilver von Noise (2014) – passt ästhetisch perfekt in den Kontext, kann vor allem auch in Sachen Angriffslust mit dem Material von NO mithalten.
Als Fan stellt man sich das also ohne zu überlegen ins (leider nur digitale) Plattenregal und hofft darauf, dass Boris NO in naher Zukunft doch noch in hiesigen Breitengraden betouren werden können, bevor die Wachablösung mittels der sicherlich bald kommenden Nachfolgealben eingetreten sein wird.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen