Brother Sun, Sister Moon – Brother Sun, Sister Moon

von am 5. April 2012 in Reviews

Brother Sun, Sister Moon – Brother Sun, Sister Moon

Wo Popmusik in gehörige Schieflage gerät, wo die Elektronik dahinter bis in den Dubstep kriecht, wo Singer-Songwriter Ansätze über wallende Songflächen fliegen ist klar: Alicia Merz hat ein neues Album am Start.

Diesmal gar ein neues Gemeinschaftsprojekt: Zusammen mit Gareth Munday, wahrscheinlich besser bekannt unter seinem Dubstep Alias Roof Light hat die so umtriebige junge Dame hinter Birds of Passage die unverbindlich experimentierende Schnittmenge der beiden Parteien produziert. ‚Brother Sun, Sister Moon‚ driftet ziellos zwischen unzähligen Vorlieben her, bandelt an jedem verlockenden Gedankengang an und wirft sich von Song zu Song ein neues Gewand über. Von Songs zu sprechen ist hier natürlich so eine Sache: Meist bleibt das unkonkret, skizzenhaft und in seiner relativen Kürze auch zerrissen, pendelt unverkrampft zwischen spartanisch instrumentierten Akkustikreisen und zurückhaltender Elektronik mit samtenen Beats im Ambientumfeld. Das ist Musik, die stets auf mindestens zwei Ebenen stattfindet, den Hörer niemals vollends befriedigt sondern becirct und mit leeren Händen abziehen lässt.

Das lebt  einer allgegenwärtigen Schönheit, die in ihrer Abgründigkeit jedoch nahezu beängstigend wirkt. Alles bleibt in Schieflage, will mutwillig neugierig machen und letztlich doch verstören. Da bläst das Nebelhorn im wunderbar elegischen Albumhighlight ‚A Year’s Worth of Leaves in Your Heart‚ zum Abschied, ‚From Grain to Flour‚ übernimmt mit gesampelten Vogelgezwitscher hinter verquerem Bandsalat, der die anmutige Melodie zur Fratze zieht. Aus dem heimelig nostalgischen Streichersample am Beginn von ‚One Throws and One Pulls‚ entwächst ein sachter Dubstep Beat, vom 50er Jahre Heimatfilm zum mit Beruhigungsmittel betäubten Aphex Twin-Versatzstück. Im Titelsong darf Munday seine Elektronikspielereien noch markanter in Szene setzen, ‚All You Need‚ zitiert Burial gar in ein alptraumhaftes Zuckerwattenland, ehe sich das gesamte Szenario behäbig im schwebenden Nichts auflöst. Es ist es vor allem Merz, welche die Zügel in der Hand hält, diese zu jedem Zeitpunkt locker lässt; ‚Brother Sun, Sister Moon‚ wächst, wie der Kopf gerade steht.

Dann streift ‚Ghosts of Barry Mill‚ spartanisch umher, die Gitarre knarrt knochig. Eine avantgardistische Reise in Gefilde, wo sich auch Grouper alias Liz Harris wohl fühlt, wo Schellen wunderschöne Beinahe-Popmusik über flirrende Psychedelik transzendieren lässt, fiebertraumhaft verzogener Gesang weitläufig über mäandernde Klangflächen treibt.
Das wirkt auf undefinierbare Weise anziehend, in seinen besten Momenten gar magisch und hinterlässt doch soviel hungriger, der erlösende Wendepunkt einer Platte kommt nie, die mehr vom Hörer fordert, als sie letztendlich zurück geben kann. So bleibt ‚Brother Sun, Sister Moon‚ eine durchwegs interessante Reise durch den Soundkosmos der beiden Musiker, konkrete Reiseroute kann, soll und will es keine geben. Letztendlich ist es aber ausgerechnet der fehlende rote Faden, der ‚Brother Sun, Sister Moon‚ verwehrt, mehr zu sein, als bloß eine aufsehenerregende Sammlung guter Songs: Die Verschmelzung zum stimmigen Album bleibt aus, und mehr Geheimnisse offen, als es überhaupt zu lüften gäbe.

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