Calexico – The Thread That Keeps Us

von am 22. Januar 2018 in Album

Calexico – The Thread That Keeps Us

Der Clou ist natürlich nicht, dass Calexico auch auf ihrem neunten Studioalbum einmal mehr so unverkennbar nach Calexico klingen. Der Clou ist viel mehr, dass sie dies einmal mehr nicht unverrückbar tun, sondern ihren typischen Sound ein weiteres Mal geschickt um minimale Nuancen soweit verlagern, dass ihre zuverlässige Souveränität keine gravierenden Abnutzungserschneinungen zeigt.

There’s a little more chaos and noise in the mix than what we’ve done in the past” gibt Joey Burns bezüglich der Produktion von The Thread That Keeps Us zu Protokoll. Und tatsächlich sind da viele kleine Ideen und hintergründigen Facetten auszumachen, die neben all der schon seit knapp zwei Jahrzehnten so vertrauten Rezeptur aus elegantem Tex-Mex, weicher Mariachi-Musik, Tejano-Latinrock und nonchalantem Desert-Pop ins Auge stechen.
Gleich das eröffnende End of the World with You („The song is inspired by some of my favorite indie rock bands when growing up in California„) ist etwa insgeheim am Britpop geschult, schunkelt motiviert nach vorne, während irgendwo hinten eine Elektrische in bester Wilco-Manier heult, bevor der Song seine J Mascis-Herzlichkeit hinten raus angenehm aufgekratzt schwurbeln lässt. Auch bei Voices in the Field, das seine Inspiration aus Goat’scher-Weltmusik oder Tinariwen‚esker Wüsterhythmik zieht, wandert die unbändige Gitarre, als wäre Nels Cline im Yo La Tengo-Halbschlaf dabei. In Another Space wiederum zirkulieren Calexico fast schon krautig flimmernd, wabbern anachronistische Synthies und funky Licks, die Gitarre schielt ala Lee Ranaldo in den hypnotischen Weltraum und für Eyes Wide Awake öffnet sie hymnisch heulenden, postrockig funkelnden Raum hinter Burns und Convertino.
Wahrhaftig: Variabler oszilliert die (weiterhin so subtile) Saitenarbeit im Calexico-Universum vielleicht noch nie, schlüssiger ordnete die (sich gegenseitig mehr Spielfläche als zuletzt zugestehende und trotzdem eng beieinander praktizierende) Band ihre Vielseitigkeit jedenfalls schon lange nicht mehr an.

Ob dahinter nun tatsächlich der prolongierte Noise schlummert (mit dem wohl ohnedies weniger Gift und Galle, als eine verspieltere Form der praktizierten Nonchalance gemeint ist), ist egal; das Chaos ist vielmehr sowieso eine stete Wandlung im klar definierten Charakter. Und die eigentliche Kunst von The Thread That Keeps Us liegt insofern neben seiner grundsätzlichen Klasse im Songwriting, dem tollen Gesamtfluss und der grundlegenden Vielseitigkeit  letztendlich vor allem im Kniff, verdammt viel Souveränität zu praktisch keinem Zeitpunkt nach Routine klingen zu lassen.
So hofiert The Thread That Keeps Us hinter seiner feinen (so weichen, warmen, schlüssig texturierten und keinesfalls naiv-selbstgefälligen) Produktion sogar nicht nur gewohnt kurzweilige Songs, die sich (eventuell auch ohne die Aussicht auf hauseigene Evergreens oder übergreifende Hits) nahtlos über der unaufregenden Qualität der jüngeren Calexico-Vergangenheit einfügen werden, sondern auch solche, die in ihrem romantischen Optimismus zum besten gehören, was die milde modifizierende Band in all ihrer entspannten Sanftheit in jüngerer Vergangenheit abgeliefert hat.

Nachdem das butterweich nach vorne getrieben stacksende Bridge to Nowhere mit schön aufmachenden Akkorden enorm vage bis in die Ausläufer ätherischer Radiohead-Momente perlt, gibt es als organischste Entwicklung der Welt Under the Wheels – eine funky Annäherung an die Gorillaz, die mit legerem Rhythmusgefühl tänzelt, seine Handschrift aber gar nicht gravierend verbiegen muss. Verschweist durch die drei Interludes Spinball (ein knappes Atmosphäremeer), Unconditional Waltz (eine friedfertige Nostalgie wie aus einer alten Westernserie) sowie die nebulöse Lavalampe Shortboard spechteln Calexico jedoch mit viel Gefühl um die immer nächste Ecke.
The Town & Miss Lorraine gerät dort zur verträumt-anschmiegsamen kleine Ballade, Flores y Tamales bringt Tango und Rumba mit mexikanischem Gesang, Harmonika und Bläsertrubel zusammen, während die entschleunigte Miniatur Girl in the Forrest so unendlich zärtlich schüchtern und intim agiert, dass einem das Herz aufgeht. Überhaupt liegt in diesem hoffnungsvollem, hellen Ambiente eine elementare Lebensader der Platte. Dann läuft The Thread That Keeps Us hinten raus erst recht zur Hochform auf, wenn Thrown to the Wild  sein souliges Cinemascope über eine endlose Weite zu legen versucht, die hinter der nackten Nahbarkeit der Nummer niemals ganz greifbar weht, und die Stimmung der letzten beiden Nick Cave-Alben in einen melancholischen Optimismus übersetzt. Der melodische Bass im so unheimlich liebevollen Music Box treibt das sanfte Finale dann mit stiller Zuversicht an, und The Thread That Keeps Us im Allgemeinen wie Speziellen in die Reichweite bandinterner Highlights.

Denn sicher: Allesamt sind das genau genommen nur unter dem Elektronenmikroskop fein verschobene Nuancen im klar deklarierten Patent einer der zuverlässigsten Bands da draußen, die Konventionalität jedoch weiterhin nicht als Biederkeit versteht und ihr Korsett als unerschöpfliche Wundertüte zelebriert.
Calexico holen insofern mit perfekt abgestimmter Balance ab, gehen mit The Thread That Keeps Us eben keine wirklichen Risiken ein, nutzen im großen und ganzen Déjà-vu-Harmonien und altbekannte Melodie-Ansätze, zeigen durch die detailiert forcierte Akribie jedoch einmal mehr kaum selbst plagiierende Abnutzungserscheinungen, sondern haben eine Nabelschau mit durchaus erfrischenden Perspektiven aufgenommen, die nur einmal aus seiner runden Selbstfindung fällt: Der High Noon-Rocker Dead in the Water bleibt trotz räudig angespitztem Riffs, polternder Ruppigkeit und einem hallschwer-entrückt croonenden Burns eher eine stilvolle Geste, die nirgendwo geht und damit zumindest verzichtbar gewesen wäre.
Wobei: Ausgerechnet hier destilliert sich der angekündigte Noise in seiner vielleicht archetypischsten Form. Trotzdem oder gerade deswegen aber abermals: Chapeau! – ohne trotzdem ohne Aufregung alles wie zu erwarten.

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