Casper – Hinterland

von am 29. September 2013 in Album

Casper – Hinterland

Alles ist gut. Anders, aber gut.“ versucht es Casper in ‚Ariel‚ gleich selbst auf den Punkt zu bringen. ‚Hinterland‚ ist der musikalisch verhältnismäßig mutige, Fanbase-entzweienden Schnitt zum durch die Decke gehenden ‚XOXO‚ in Form der fortgesetzten Abkehr vom reinen Hip Hop und der vielleicht endgültigen Ankunft der Hypegestalt Benjamin Griffey  im konventionell ausstaffierten Indierock von der Stange.

Album Nummer Drei ist praktisch purer Indie-Radiopop, und die Entscheidung wie gut dies Casper steht kollidiert vielleicht am ehesten noch mit der eigenen Erwartungshaltung an die Platte. Die düstere Schwere von ‚XOXO‚ ist auf ‚Hinterland‚ jedenfalls passè, die dem Pathos nicht abgeneigte Bedeutungsschwangerschaft ebenso: die drückenden Beats sind durch jubilierende Bläser, enthusiastische Handclaps, aufgedrehte und elegische Chöre, elegant verspielte Gitarrenlinien und Orgelschwaden, sportliche Klaviermotive, poppige Uptempo-Drums – eben: ein ziemlich reichhaltig auftretendes, enorm optimistisches Instrumentarium –  und eine zumeist regelrecht hymnenhaft-charttauglich feierende Melodiehaftigkeit ersetzt worden. Die schmuseweich-volle Handschrift von Konstantin „Get Well Soon“ Gropper und Markus Ganter am Produzentenstuhl ist markant und ‚Hinterland‚ über weite Strecken (und vor allem in seinen eröffnenden 16 Minuten) eine geradezu ausgelassen fröhliche, frische und ja, auch oberflächlich wirkende Sause, die zudem keine Fragen mehr offen lässt, warum da auf der vorausgeschickten Spotify-Playlist vor allem Indierock-Vertreter wie Arcade Fire, Shins, Frank Turner oder Dead Man’s Bones als prägende Leitfiguren (meint eigentlich: Blaupausen) aufgeführt werden.
Das flott vorausgaloppierende ‚Im Ascheregen‚ war also keine poppige Ausnahme, sondern wegweisende Vorankündigung des eingeschlagenen Weges, der sich direkt darauf gleich im munter marschierenden Titelsong samt recycleten Chorus-Rhythmus fortsetzt ähnlich catchy fortsetzt und mit dem aufdringlich-treibenden ‚Alles endet (aber nie die Musik)‚ als schnörkellos hüpfenden Folkpoprocker inklusive gut gelaunter „Nananana„-Backgroundgesänge endgültig noch weiter aus dem auf ‚XOXO‚ ohnedies bereits sehr freizügig abgesteckten Rap-Raster ausschert. Hip Hop ist das alles eben nur noch am Rande.

Grundsätzlich kommt diese musikalische Neujustierung Casper auf halben Weg zum gelegentlich holprig gewordenen Flow auch wirklich entgegen, der weichere musikalische Unterbau kontrastiert die rauchig gepresste Stimme des 31 jährigen auf luftig-federnde Art und Weise – weswegen sich der Rapper folgerichtig auch tatsächlich immer öfter an der Trennlinie zum reinen Gesang positioniert (niemals so unkaschiert wie im angenehm schludrig zwischen Elbow, Element of Crime und Tom Waits schunkelnden Kellerbluesmarsch ‚La Rue Morgue‘ übrigens) und dort im Rahmen seiner limitierten Möglichkeiten durchaus passabel agiert. So ungewohnt das Gesamtbild auf die ersten Durchggänge hin damit auch sein mag, funktioniert der souverän entworfene (für sich alleine genommen freilich wenig spektakuläre, im Kontrast zu Casper’s Rapgesang aber überraschend zwingend wirkende) Pop-Kontext für Griffey jedoch durchaus gefällig – ein zweites ‚Xoxo‚ oder ‚Hin zur Sonne‚ könnte freilich kaum weiter entfernt sein.
In weiterer Folge wird ‚Hinterland‚ dazu stärker als durch die Singles angekündigt, liefert in ‚Ganz schön okay‚ mit Kraftklub ebenso routiniert wie partymachend auf Nummer Sicher ab; das nachdenkliche ‚Endlich angekommen‚ klaut seine episch perlende Melodie zielführend von Jimmy Eat World’s ‚23‚ und ‚20qm‚ perfektioniert den autobiografischen „Emorap“ Casper’s auf melancholischem Bandplatten-Niveau samt Akustikgitarren. Auf der anderen Seite mutiert jedoch vor allem das grottige ‚Lux Lisbon‚ zur unangenehm triefenden, schmalzgetränkten Langatmigkeit mit Fremdschäm-Atmosphäre und Editors‚-Sänger Tom Smith im unzählige Male wiederholten Refrain, borgt seine beste Zeile zudem bei Kevin Devine.

Wie überhaupt die lyrische Seite die schockierende Achillesferse von ‚Hinterland‚ ist. Neben wiederkehrenden, inzwischen stark ausgelutschten „Brandstifter„-Plattitüden ala ‚Im Ascheregen‚ und Troubles rund um Weibergeschichten beschäftigt sich Casper wenig intelligent mit den klassischen Themen nach dem Durchbruch: den Auswirkungen des eingefahrenen Erfolgs, der natürlich beibehaltenen Bodenständigkeit oder die für andere unerreichbare eigenen Großartigkeit ( – nicht zu Unrecht sagt zumindest das herausragende, eigentlich aus dem Rahmen fallende, mit ordentlich Brass-Feuer und Cheerleadertänzen bouncende ‚Casper Bumaye 2.0‚ alias ‚Jambalaya‚ noch bevor es weitere Liveauftritte augenzwinkernd zum kochen bringen wird). Leider aber geschieht all dies die meiste Zeit über eben auf geradezu abgedroschene, plumpe und belanglose Art und Weise, ohne Intensität oder Botschaft, im schlimmsten Fall (Stichwort: „Nur bist du das wirklich/Oder bloß dein Parfüm?„) gar in regelrechter Zielgruppenkonfrontation mit Cro und seinem ‚Raop‚: letztendlich steht die lyrische Seite der Platte überraschenderweise in keiner Relation zur gelungenen musikalischen Neujustierung.
Wer will kann ‚Hinterland‚ zwar als unterhaltsames Suchbild der Zitate von Slime über Turbostaat bis hin zu (immer, immer wieder) Oasis begreifen und speziell im seichten ‚…nach der Demo gings bergab!‚ über Querverweise zu Tocotronic, Wir sind Helden oder Tomte schmunzeln. Die Dramatik und Gänsehaut(an)spannung des Vorgängers geht ‚Hinterland‚ dabei allerdings zu jedem Zeitpunkt ab, wenig eindringlich entfalten sich all die Hooklines und der immanente Ohrwurmcharakter beinahe beiläufig, mehr infektiöse Hits mit konsentauglichem Chartpotential hatte jedoch noch kein Casper-Album.
Aber vielleicht ist angesichts der immensen öffentlichen Erwartungshaltung und des damit verbundenen allgemeinen Drucks ohnedies die größte Leistung der dritten Casper-Platte ihre zahlreiche Ambitionen derartig unbeschwert und leichtfüßig (oder: flach) zu einem durchgängig kurzweilig unterhaltenden Werk an der Grenze zwischen (kaum mehr) Hip Hop und (noch mehr) Indierock zu verschmelzen. Dass es den Rapper Casper auch endgültig zum massentauglichen Popstar machen sollte versteht sich dabei wohl von selbst, was ihm dann eben auch „anders, aber gut“ steht. Hätte mit dem auf textllicher Ebene verschenkten Potential aber eventuell auch „anders, aber besser“ lauten können.

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