Charley Crockett – Lil G.L. Presents: Jukebox Charley

von am 26. Mai 2022 in Album

Charley Crockett – Lil G.L. Presents: Jukebox Charley

Chronist Crockett macht im Rahmen seiner fortlaufenden Cover-Serie unter de Lil G.L.-Bannner die menschliche Musikbox. Lil G.L. Presents: Jukebox Charley übersetzt dabei vor allem unbekannte Nummern in seinen Trademark-Sound.

Also irgendwo zwischen Neo Traditional Country, Nashville-Tendenzen, Blues, Cajun, Soul-Annäherungen und R&B-Motiven klingen die 40 kurzweiligen Minuten alterslos aus der Zeitkapsel gefallen unverwechselbar nach Crockett, auch wenn sich die 14 Songs aus unterschiedlichsten – und teils überraschenden – Quellen destilliert haben: “I have this running list on YouTube of about 900 songs, and a couple thousand old country records. There are a lot of recordings on those LPs that are really hard to find any other place. All these country, blues and R&B artists, they were recording so much. If you signed a deal in the 1950s or 1960s, you were doing a few releases a year. When I get ready to make these kinds of albums, I’m always making lists of songs. I must have listed out 40 songs for this album and I wanted to not do the obvious stuff, like Merle Haggard’s ‘Swinging Doors.’”

Abseits eines Wiedersehens mit Diamond Joe – dem Crockett als einem der gefühlt meistgecoverten Genre-Klassikern ja bereits auf Field Recordings, Vol. 1 begegnet war – gibt es also nahezu ausnahmslos relativ unbekannte Stücke zu hören, die auf den ersten Blick im typischen Klanggewand des 38 jährigen verschwimmen zu scheinen, sich (wie immer) bei genauerem Blick aber meisterhaft auseinanderdividieren: es gibt so viele inszenatorische und instrumentale Details im Verlauf zu entdecken, so viele spezifische Schwerpunkte zu erkunden – ganz egal ob Crockett mal pfeift und orgelt (Where Have All the Honest People Gone) oder in der Bar am Piano klimpert und romantische Vintage-Streicher aufbietet (Home Motel), ob er so munter locker und lässig agiert (Jukebox Charley) oder gemütlich schippernd die Mundharmonika auspackt, um unter die Haut zu gehen (I Hope It Rains at My Funeral). Im relaxten Out of Control slidet die Gitarre und im lockeren (als Closer etwas deplazierten) Between My House and Town plingt sie markant schimmernd. Das chillige Six Foot Under probiert den Rockabilly im Saloon, wohingegen Same Old Situation (als eigentlich idealer Schlußpunkt)  tiefenentspannt mit Kontrabass, Besenschlagzeug und Klavier durch ein Panorama der Vergangenheit schunkelt.

Entertainer Crockett und seine The Blue Drifters zeigen sich beim versammelten  Material von u.a. Tom T. Hall, Willie Nelson oder George Jones also einmal mehr in Topform, wiewohl die Highlights diesmal dann doch den Rest überragen und dafür sorgen, dass das elfte Studioalbum des Texaners gefühlt nicht zu jedem Zeitpunkt ganz auf dem enorm hohen Niveau der restlichen Diskografie zu liegen scheint.
Der nonchalant aus dem Handgelenk geschlenzte Opener Make Way for a Better Man besticht etwa als absoluter Ohrwurm mit kesser Thematik sowie den Arrangements eines subtil-souligen Chors. Das latent ostalgisch-melancholische I Feel for You geht mit smoothem Groove und smarten Bläsern swingend auf, und das beschwingte Lonely in Person beschwört charmante Ladies im Hintergrund, bevor Battle with the Bottle seinen Abgesang auf den Alkoholismus für den Refrain mit ordentlich Rhythmus aus der Cheers-Bar antaucht (und alleine wie unaufdringlich der Bass sowie das Schlagzeug dabei von der Produktion angeschoben werden ist ein spitzen Zeugnis für die generell feine Produktion).
Über allem steht allerdings Heartbreak Affair mit seinem bittersüßen Chor und mehr noch der im Effekt schimmernd-zerschnittenen Reverb-Stimme im Chorus: spezieller klang Crockett wohl nie zuvor. Dass dieser einsame Aspekt von Jukebox Charley automatisch die Aussichten hebt, um alsbald einen Blick auf einen unorthodoxere Zukunft der Dauerveröffentlichers werfen zu können, bleibt unwahrscheinlich – was angesichts der keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigenden Zuverlässigkeit von Crockett aber eigentlich beinahe egal ist.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen