Chat Pile & Hayden Pedigo – In The Earth Again
Eine Kooperation von Chat Pile und Hayden Pedigo musste man wahrlich nicht auf seiner 2025er-Bingo-Karte haben. Doch nun ist es einfach nur die natürlichste Sache einer traurigen Welt, wie schlüssig und selbstverständlich die beiden Parteien auf In the Earth Again miteinander als Einheit funktionieren – und harmonieren!
Was den Titel und die (wohl auch Maynard James Keenan gefallende) Corporate Identity des Artworks angeht, scheint der Gitarrist aus Texas zwar schnurstracks und knietief in das Reich der eindringlichen Band aus Oklahoma geraten zu sein.
Und es gibt es zwar wirklich noch einige Ausnahmefälle in denen vor allem Chat Pile ihre Überzahl in die Waagschale werfen, indem ein Pol der zwei Fraktionen dominiert: Never Say Die! schreit beispielsweise den klassischeren Chat Pile-Unmut in eine grungig schleppende Zeitlupe, marschiert vor einem lethargischen antreibenden Todes-Chor aus Stimmen und Saiten, und könnte so relativ nahtlos von God’s Country (2022) oder Cool World (2024) stammen. Fission/Fussion platzt nahtlos in infernal hämmernde Industrial, der sich für den Trademark-Sound der Band beruhigt und The Madtador hält Spannungen lange zurück, schiebt sie dann in den massiven Stoizismus des Groove und skandiert mitgröhlbar, und qäult sich sich so unermüdlich voran, bs man die Karawane in Lauerstellung auf einem endlosen Ereignishorizont (der so imaginativ ohne Pedigo wohl gar nicht möglich wäre) davonziehen.
Tatsächlich aber nimmt sich Kid Candidate im Umkehrschluß nicht auch nur die naturalistisch gezupfte Acoustic-Einkehr I Got My Own Blunt to Smoke als Atempause, die die Frage offen lässt, ob er im Alleingang schon jemals derart griffig und ja, konventionell komponiert hat.
Nein, das Geben und Nehmen, das Zurückstecken und Austeilen, ist hier einfach sonst verdammt subversiv geraten – alle Beteiligten scheinen eben ganz ohne Geltungssucht alleine das große Ganze im Auge zu haben und Pedigo vermisst das Koordinatensystem von Chat Pile bis zu einem gewissen Grad neu, bringt sich (auch mal weniger offensichtlich) wie ein lange verschollenes Mitglied essentiell ein und verrückt die Synergie auf eine gemeinsame Basis, bei der die Definition von American Primitivism eine eigene, dritte Definition-Perspektive findet: Die fünf Musiker ergänzen sich im Dualismus absolut homogen, locken sich gleichzeitig gegenseitig aus den Komfortzonen und verstärken ungewohnte Facetten in ihren angestammten Tugenden, agieren mal in Einklang mit der dabei erweitereten Klanglandschaft und dann wieder in ständiger Reibung mit fokussierten Abgründen.
Das instrumental kontemplativ sinnierede Intro Outside beginnt dort, wo ein melancholisch- nachdenkliches Chat Pile-Outro von der bekümmerten Stimmung her auf Pedigos Welt treffen könnte und nimmt damit vorweg, wie In the Earth Again oft angelegt ist – als würde der Gitarrist im Zentrum langsam zupfen, derweil die Band den Hintergrund bekümmert mit einer niedergeschlagenen Atmosphäre füllt und den Drone hinter der der Prärie sehnsüchtig unklar aufsteigen lässt. Behold a Pale Horse kommuniziert so über seine Saiten und zeichnet so bildgewaltig eine beklemmend düstere Ambient-Dystopie als urbanem Naturalismus, wo die berdrückende Einsamkeit zur sehnsüchtigen Massenkrankheit wird, bis in den eigentlich den Rahmen schließenden Field Recordings von Inside die Krähen über einen kalten Himmel kreisen.
Wie gleich in Demon Time findet Raygun Busch vor diesem Soundtrack aber auch immer wieder das Selbstvertrauen für einen abgekämpften, erstaunlich fragilen Klargesang und gibt sich damit wie nie zuvor der Verletzlichkeit preis.
Im bekümmert heimeligen, melodisch auf seltsam tröstende Weise niederschmettern zugänglich und eingängig zugleich perlenden The Magic of the World meint man so zu erahnen, wie es wäre, wenn Pedigo Busch in seine Welt holen und ihm dort trotz des dräuenden Weltenendes Hoffnung geben würde, so dass sogar wärmende Streicher-Arrangements ein bisschen Wohligkeit andeuten dürfen. Und nachdem Radioactive Dreams wie eine vertrräumte Grunge-Ballade aus den späten 80ern in die 90er geschunkelt ist, zieht einem das ruhige A Tear for Lucas („A song dedicated to the memory of Lucas Dunn, Oklahoma city based writer and editor„) in all seiner Emotionalität sowieso den Boden unter den Füßen weg: „So I’ll toast my friend/ While time allows/ Cause I loved you then/ And I love you now.“
Buschs sonst so kampferprobte Stimme bricht beinahe, Pedigo begleitet mit der nötigen bittersüßen Trittsicherheit in der Schönheit. Einen der berührendsten Gänsehaut-Momente dieses Musikjahres im Epilog der Platte zu erleben, darauf konnten selbst die bereits so unwerfenden knapp 33 vorangegangenen Minuten von In the Earth Again vorbereiten.


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