Cloud Nothings – Last Building Burning

von am 12. Oktober 2018 in Album

Cloud Nothings – Last Building Burning

Keine zwei Jahre nach dem schaumgebremst wirkenden, doch auch ernüchternd milden Life Without Sound entdecken Cloud Nothings für Last Building Burning die Liebe zum aus der Garage prügelnden Krach wieder, haben Spaß am tobsüchtigen Austicken und dem Kanalisieren von purer Energie.

Schon verständlich, dass Dylan Baldi den Alben seiner Band nach Attack on Memory (2012) und Here and Nowhere Else (2014) auch einmal andere Perspektiven bieten wollte: Cloud Nothings wollten reifer, variabler, erwachsener klingen – taten es auch. Life Without Sound verarbeitete diesen Ansatz dennoch in der leichten Enttäuschung einer zu umgänglichen Reihe an unverbindlich optimistischen Rocksongs, die nicht das gewohnte zwingende Momentum übersetzen konnten.
Zumindest im Rückspiegel betrachtet relativiert sich die Rolle des noch jungen Vorgängers nun jedoch, indem sie Cloud Nothings als offenkundige Atempause vor dem nun mit Last Building Burning folgenden Exzess neu positioniert: Vielleicht hat erst die Verschiebung der Gewichtung vor knapp 21 Monaten ermöglicht, dass sich bei Baldi genug angestaut zu haben scheint, um alle Pegel zum Anschlag zu drehen und die bisher angriffslustigte Platte von Cloud Nothings aufzunehmen.

Zumindest klang das Mastermind aus Ohio nie aggressiver und dringlicher als hier. „I’m obsessed with the idea of energy at the moment. There are certain albums I’ve heard where you can feel the energy of the record, even if it’s not particularly crazy-ass music, because there are sounds you can latch on to. It makes me energized. I like that music can do that, and I wanted to figure out how our songs could be arranged to make that happen.“ sagt Baldi und scheint unter permanenter Spannung zu stehen und schreit sich die Hooks aus der kratzigen Kehle, energisch und impulsiv drückend, angetrieben von einer sich beinahe selbst verschlingenden Band.
Die ohnedies immer furiosen Drums von Jayson Gerycz klingen noch intensiver, dynamischer und kompromissloser als sonst schon, pumpen Kerosin in den aufgedrehten Stoffwechsel einer unermüdlich nach vorne gehenden Platte, die sich praktisch keine Pause gönnen will. „I wrote this because I feel like there aren’t too many rock bands doing this right now. A lot of the popular bands with guitars are light. They sound good, but it’s missing the heaviness I like.“
Das Zusammenspiel der Gitarristen Baldi und dem mittlerweile merklich im Gefüge angekommenen Chris Brown zeigt auf diesem groovenden Kraftakt eine noch packendere Synergie, stichelt sich zu giftigen Melodien an, die abholen, mitreißen, den Schweiß aus den Poren abschöpfen und trotz eines immanenten Willens zur Ruppigkeit supercatchy in einem randalierend-rohen, direkten Sound anpeitschen.

Die in gerade einmal 8 Tagen bei Randall Dunn eingespielte Produktion will damit ungeschönt an das Live-Erlebnis Cloud Nothings anknüpfen, hätte dabei aber eventuell ein bisschen differenzierter ausfallen dürfen und etwa dem Bass ein wenig mehr Raumklang im matschigen Sound geben dürften. Im Rausch von Last Building Burning spielt der provozierte Schönheitsfehler aber ohnedies keine Rolle, weil Baldi auch die entsprechenden Songs geschrieben hat, um den Spannungen auch auf Songwriter-Ebene ein entsprechendes Ventil zu fokussieren: „That’s how I thought of this record: seven short, and one long, bursts of intense, controlled chaos.
Also Sturm und Drang: Gleich in On an Edge scheinen sich die Instrumente und Baldi gegenseitig überholen zu wollen, während es der geradezu punkige Opener auf seinem Sprint kaum erwarten kann, angerissene Szenen mitzunehmen und hinter der wie manisch polternden Geschwindigkeit und Bissigkeit einen schlichtweg tollen Indierocksong liefert, der ein bisschen sprachlos macht, wie turbulent drei Minuten abgehen können. Leave Him Now ist unmittelbar einer der Hits, für die Cloud Nothings liebt: Eine schmissigere Passage folgt auf die nächste, zuckersüße Melodien sind schroff genug für blaue Flecken, Wendungen ziehen an einem Strang und nach jeder noch so hemmungslosen Abfahrt ist noch eine weitere Steigerung drinnen.
In Shame kennt die direkte Verbindung aus Adrenalinbooster und hymnischem Pop, wohingegen Offer an End collegerockigere Tendenzen etwas sanfter auslegt – bis der Rock’n’Roll im Trail of Dead-Wirbelwind um die Ecke lugt, Baldi sich selbst den Rücken stärkt und die Band in den nachdenklichen Sternenhimmel pusht.

Wo die Performance und Substanz von Last Building Burning ohne Vorlaufzeit zünden, funktioniert spätestens zu diesem Zeitpunkt auch Dynamik und Spielfluss einer praktisch atemlosen Platte grandios.
The Echo of the World beginnt dort, wo andere Bands ihren Kompositionen Bridges verpassen, die noch einmal ein finales Quäntchen Leidenschaft aus dem Songwriting pressen sollen – Cloud Nothings stellen sich dagegen auf die Hinterbeinen, lauern und verzögern, nehmen vertrackter die Eile aus der Hatz und lassen ihre Slint-Liebe gehen den Strich strahlen, bereiten das elfminütige Monstrum Dissolution vor, in dem sich Cloud Nothing organisch in das Feedback forschend bis in den Drone ausbremsen, die Extase ungemütlich zelebrieren. Dort übernimmt So Right So Clean mit dunkler 90er-Kante in nachdenklicher Heavyness: Eine verzweifelte Schönheit, traurig und kraftvoll, die einer Ballade hier am nächsten kommt, hämmert sich die Katharsis im entschleunigt bratendem Tempo vom Herzen: „I wish I could believe in your dream„.
Passt so. „It’s not an angry record. It’s a very joyous thing for me. And it feels so nice to scream again, especially when you know people in the crowd will be screaming along back at you.Dass das finale Another Way of Life danach als pures Statement noch einmal ausgelassen die Trademarks der Band hinausknallt, ist insofern folgerichtig konsequent und kann einem als Stilmittel bekannt vorkommen – ähnlich wurde schon Here and Nowhere Else nach Hause gedroschen.
Eventuell wirkt den 37 Minuten auch deswegen ein merkwürdiger Effekt nach: Trotz ausnahmsloser Triumphattacken wirkt Last Building Burning stilistisch doch primär wie ein Update der Platte von 2014, erfindet den Signature Sound der Band nicht neu, revitalisiert ihn jedoch eindrucksvoll um die Stagnation pressend. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings deswegen auch, dass Cloud Nothings einen dritten Kandidaten aus der Hüfte schießen, der sich um die Pole Position ihrer Diskografie bewirbt.

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