Die Alben des Jahres: 20 bis 11

von am 27. Dezember 2012 in Jahrescharts 2012

Perfume Genius - Put Your Back N 2 It20.Perfume Genius – ‚Put Your Back N2 It‘

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Mike Hadreas hat sich endlich dazu überwunden, ein wunderschönes, unheimlich filigranes Popalbum aufzunehmen. Beginnend bei den melancholisch verträumten Pianoakkorden in ‚Awol Marine‚ bis über das Stille Ende in ‚Sister Song‚ hinaus. Als Perfume Genius zeichnet er feingliedrige Skizzen seines zerrütteten Seelenlebens, er dekoriert mit einer trügerischen Schönheit von innen heraus. Ankerpunkte wie Antony and the Johnsons oder Sufjan Stevens sind schnell gefunden, treffen den Kern jedoch nie. Elfmal ist Hadreas praktisch zu schüchtern für große Gesten und affektierte Effekthascherei, nur einmal wagt er doch den Sprung in das Hitgewitter. Dass er ‚Hood‚ unmittelbar nach dem aufbrausenden Befreiungsschlag gleich wieder beendet, bringt die beängstigend intime Stimmung von ‚Put Your Back N2 It‚ aber eigentlich nur zu perfekt auf den Punkt.

Aesop Rock - Skelethon19. Aesop Rock – ‚Skelethon‘

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Take the brain out/ Leave the heart in„? Matthias Bavitz funktioniert also auch ohne seinen (ehemaligen?) kongenialen Förderer El-P – in Personalunion aus Produzent, Rapper und Songwriter eigentlich sogar bestechender denn je. Aesop Rock reißt seinem sechsten Studioalbum – dem ersten nach fünf Jahren Solo-Pause – die Sound-Schichten gnadenlos vom Leib, reduziert sich auf das wesentliche. Wie ‚Skelethon‚ dabei so vielschichtig, so eingängig, so geschmeidig, so abwechslungsreich, so warm (ja, doch – irgendwie) und vor allem dicht gestrickt bleiben kann, bleibt wohl sein Geheimnis. Mehr kaputte Anti-Hits in der Grauzone von Underground, Oldschool und visionärer Entschlackung hatte jedenfalls weder er bisher – noch das Hip-Hop-Jahr 2012 generell abseits jeder Mainstream-Konventionen zu bieten.

Cloud Nothings - Attack on Memory18. Cloud Nothings – ‚Attack on Memory‘

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Der kreative wie von Kritikern einhellig gefeierte Siegeszug ‚Attack on Memory‚ gehört zu einem nicht geringen Teil Produzent Steve Albini. Hat der Nicht-Produzent sondern Aufnahmeleiter aus der netten Indie-LoFi-Soloshow Cloud Nothings doch die kratzbürstige Noiserock-Sensation Cloud Nothings geformt, für die Chefdenker Dylan Baldi mal nebenher die ultimativen Songs geschrieben hat, um sich das Grunge-Banner triumphal und vollkommen unverstellt auf die schmächtigen Schultern zu haften. Es darf die Rede von Slint, von Teenager Angst und beängstigender Dringlichkeit sein, auch vom exquisitesten Jamrausch des Jahres innerhalb einer einzigen langen Hymne (‚Wasted Days‚ – was fand 2012 eine orgasmischere Erlösung?). Der Rest sind fiese Ohrwürmer im unwirtlichen Umfeld, ein neuer Startpunkt für die Band.

Captain Planet – Treibeis17.Captain Planet – ‚Treibeis‘

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Captain Planet sind die einzige deutschsprachige Band, für die man sich noch nie wegen der Texte schämen musste“ hat mal einer gesagt. Recht hatte der, auf ‚Treibeis‚ bezogen vielleicht sogar noch mehr als dies auf ‚Wasser Kommt, Wasser Geht‚ und ‚Inselwissen‚ zutrifft. Denn in jeder Hinsicht gilt für das dritte Captain Planet Album: die vier – inzwischen mit Matula Gitarrist Basti ja fünf (näher dran an der TV-Serie also!) – Hamburger machen im neunten Bandjahr nahezu alles gleich wie bisher, aber eben nochmal um mindestens ein paar Klassen besser. Irgendwie wurde da noch eine Schippe an Emotionalität, Dringlichkeit, Energie, Spielwitz, Melodie und eben auch textlicher Finesse drauf gelegt. Die insgeheime Hymnendichte war jedenfalls auf noch keiner Platte – nicht einmal dem Debüt! –  höher. „Viva Allein“ schön und gut, aber hiervon haben wirklich alle etwas. Da ist nicht nur Verlass drauf, die werden eben immer besser!

Merchandise - Children of Desire16. Merchandise – ‚Children of Desire‘

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Merchandise sind Carson Cox (Guitar/Bass/Keyboard/Percussion/Electronics/Vocals) und David Vassalotti (Guitar/Bass/Keyboard/Percussion/Electronics) aus Tampa, Floridaund sie kamen mit ihrem je nach Zählweise dritten Studioalbum praktisch aus dem Nichts – hatte doch nichts bisher darauf hingewiesen, dass die beiden Multiinstrumentalisten auf ‚Children of Desire‚ ihren anachronistischen Tanz zwischen ungefähr 1977 und 1985 stilvoller, authentischer und vor allem hochmelodiöser denn je auftischen würden. Wer auch nur einer einzigen Platte von The Cure, Joy Division, Echo and the Bunnymen oder The Smiths im Plattenregal stehen hat, dem wir ‚Children of Desire‚ feuchte Träume bescheren während hier 6 Mal die Überlegung im Raum schwebt: kennt man diese zackigen Rasierklingenhits nicht schon ewig?

Godspeed You! Black Emperor - 'Allelujah! Don't Bend! Ascend!15. Godspeed You! Black Emperor – “Allelujah! Don’t Bend! Ascend!‘

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Schwer vorstellbar wofür Godspeeds „neues“ Album gehalten werden würde, bestünde es nicht zum Großteil aus aus Liveshows altbekanntem Material. Das ist auch die Quintessenz die einem generell in der medialen Rezeption vermittelt wurde: Zelebriert, Godspeed sind wieder da, Post-Rock ist gerettet (mal ehrlich, er ist ohnehin seit ‚Yanqui U.X.O.‚ gestorben) aber vielleicht doch nicht wirklich, immerhin hat man sich ja nicht mal die Mühe gemacht, neue Songs zur Lage des Planeten zu verfassen.
Humbug, Godspeed sind so gut wie eh und je, ‚Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven‘ war ohnehin nie ein Maßstab, sondern ein Götze. Ganz ohne Sprachsamples oder Movements, mit zwei überlangen Songs und zwei zweckdienlichen Drones zementieren Godspeed ihren Status als Genrekönige, grooven wann gegroovt werden muss, setzen an Silver Mt. Zion geschulten Pathos ein wann es Pathos bedarf. Für ein überfälliges Lebenszeichen ohne viel hineingesteckte Arbeit, für das “Allelujah!‚ gerne gehalten wird, ist die Qualität beeindruckend hoch angesiedelt.

Dirty Projectors - Swing Lo Magellan14. Dirty Projectors – ‚Swing Lo Magellan‘

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Niemand interpretiert Popmusik wie Dave Longstreth und seine gerne einmal als reine Erfüllungsgehilfen abgestempelte Band. Nicht im umständlichen Gitarrenspiel, nicht in der vertrackten Rhythmik, nicht in den atemlos Salti schlagenden Harmonien oder den weitreichenden Arrangements. Mit Kompositionen, die theoretisch so verquer und verkopft sind, dass einem schwindlig werden müsste – praktisch aber derart einfach und natürlich klingen dürfen. Niemand interpretiert Popmusik so, wie es die unfassbaren Dirty Projectors tun, weil es wohl niemand derart gefinkelt um zahlreiche Ecken gedacht kann. Facettenreicher, verspielter und schlicht atemberaubend schöner als auf dem stringenten ‚Swing Lo Magelan‚ ist all dies aber bisher noch nicht einmal Dave Longstreth und seiner Band selbst gelungen.

Propagandhi - Failed States13. Propagandhi – ‚Failed States‘

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Propagandhi kennen keine Gnade im Transport ihrer unter den Fingernägeln brennenden Motivationen: im Anprangern gesellschaftlicher, zwischenmenschlicher und vor allem auch politischer Missstände. Und die Ausnahmeband aus Manitoba weiß auch auf ihrem sechsten Album: da stimmt so einiges nicht in dieser Welt. ‚Failed States‚ mutiert deswegen nur kurze drei Jahre nach dem Brocken ‚Supporting Caste‚ zur Hardcore-Kraftprobe der Ambitionen. Die Rechnung ist dabei einfach: härtere Zeiten verlangen nach mehr Metal, nach Thrash und progressiven Elemente beizeiten, verdichtet im schnörkellosesten Zug zum Tor seit langem. Nie aber wird stumpf um sich geprügelt, sondern klug das Gaspedal durchgedrückt, keine Gefangenen genommen. Die Welt braucht Bands wie Propagandhi, klar. In derartiger Hochform sogar anstandsloser denn je.

Future of the Left – The Plot Against Common Sense12. Future of the Left – ‚The Plot Against Common Sense‘

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Vorbei sind die Zeiten an denen sich die Band um das ewig verkannte Genie Andy Falkous an Mclusky zu messen hatte, spätestens nach ‚Travels With Myself And Another‚; und auch die Bedenken die nach der ‚Polymers Are Forever‚- EP aufzutreten drohten, dass eventuell die Luft raus sein könnte. Mit kleinen Personalverschiebungen ist ‚The Plot Against Common Sense‚ ein wütendes Gezetere, wie üblich gegen alles und jeden geworden. Und auch wenn der wütende Zynismus mit jedem Album plakativer zu werden scheint, und stellenweise wie Gezetere um des Zeterns willen wirken mag, musikalisch befindet man sich mittlerweile ohne Frage wieder auf astreinem ‚…Do Dallas‚-Niveau. Gekonnt werden sporadisch Anflüge von Hymnik im tief knarzenden Noiserock verstreut, die erstaunlich druckvolle Produktion lässt Kopfnicken auch zu noch so dissonanten Gitarrenläufen zu.

Grizzly Bear - Shields11. Grizzly Bear – ‚Shields‘

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Zuerst tarnt ‚Shields‚ sich insofern geschickt, „nur“ als ein weiteres Grizzly Bear-Album durchgehen zu wollen. Nach den überragenden Geniestreichen ‚Yellow House‚ und dem überragenden Konsenswerk ‚Veckatimest‚ werden so Erwartungshaltungen entlang des Plansolls untertaucht. Dass das vierte Album der Band eben ein unaufhaltsamer Grower ist, offenbart sich spätestens, wenn ‚Shields‚ nicht mehr aus der Dauerrotation verschwinden will. Als logische Konsequenz wachsen die zehn Songs früher oder später zum bisher rundesten, zum bisher sogar stärksten erdenklichen Grizzly Bear Album – zur Brücke zwischen der verschrobenen Frühphase und dem ureigenen Hitverständnis der vier Brooklyner. Dass aus dem homogensten (natürlich wieder!) Geniestreich Einzelkanditaten wie ‚Yet Again‚, ‚Half Gate‚ oder ‚Speak in Rounds‚ zusätzlich hervorstechen, spricht zusätzlich für 48 potentielle neue Lieblingsminuten aus dem Hause Rossen, Bear, Droste und Taylor.

EP-Top 15 | 15 Platten außen vor | Jahrescharts | Platz 50-41 | Platz 40-31 | Platz 30-21 | Platz 20-11 | Platz 10-01

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