Crush – Sugarcoat

von am 29. Juni 2018 in Album, Heavy Rotation

Crush – Sugarcoat

Ohne offenkundig ebenbürtige Konkurrenz in hiesigen Gefilden sagt es an sich nur wenig über die bestechende Qualität von Sugarcoat aus, dass Crush mit ihrem Debüt das wohl beste Dream-Pop Album aus Österreich seit…wahrscheinlich immer schon aufgenommen haben. Muss das Quintett den Vergleich eben einmal mehr auf internationaler Ebene suchen – und zehn fabelhafte Songs für sich selbst sprechen lassen.

Oder beginnen wir anders. Es dauert auf ihrem Debütalbum gerade einmal drei Nummern, bis Crush dem perfekten Popsong beängstigend nahe kommen. Das schlichte, aber nicht einfache, bittersüß packende Jellyfish, Clams, Whales treibt seine janglenden Gitarren und verführerischen Synthies zügig an, zu einem Kniff, wie beispielsweise Maxïmo Park, MGMT oder die Strokes ihn in ihren besten Tagen praktizierten: Auf die eingängige Ohrwurm-Strophe brädt der schmissige Refrain noch catchier, hat mit dem Crush’schen Gespür für Hooks und Melodien sofort entwaffnend am Haken, nur damit die Band auf die letzten Meter der Nummer noch einen überraschenden Killer-Appendix Deluxe dranhängt, der den Songs endorphintechnisch überwältigend aufgehen lässt, endgültig den unerbittlichen Instant-Hit inszeniert und das Songwriting der Band damit bereits auf ihrem Erstlingswerk praktisch perfektioniert – wo das angedeutete Feedback hinten raus live hinführen könnte, bleibt vorerst hingegen nur der Fantasie überlassen.

Noch besser: Sugarcoat kann das Niveau seines Aushängeschildes Jellyfish, Clams, Whales weitestgehend mühelos halten, ohne dafür den MO der beiden vorauseilenden EPs No Easy Way (2017) sowie Damaged Goods (2016) gravierend zu verändern: Die installierten Referenzpunkte bleiben die selben wie auf den beiden Kurzformaten, auch wenn sich die Kompositionen der Studioplatte in direkter Gegenüberstellung grundsätzlich weniger direkt festsetzen, Sugarcoat mehr Zeit zum Setzen verlangen, letztendlich aber als ebenso süchtig machender Grower enlohnt, wie seine Trabanten bereits zündeten.
Jeder Song hier taugt hier zur Single, doch auch wenn Crush abermals artig durch die Vordertüre kommen, schleust Sugarcoat seine eigentlichen Vorzüge eher nonchalant und nachhaltig über den Hintereingang in das Langzeitgedächtnis, auch wenn sich das Album über eine bei flüchtigem Kontakt nach Gleichförmigkeit klingen könnender Homogenität erst in den Details auseinanderzudividieren beginnt.

So strotzen die niemals ihre Laufzeit überbeanspruchenden Songs im ohne Leerlauf auskommenden Gefüge von herrlich kompakt auf den Punkt findenden 38 Minuten vor Momenten, die mit einer immanenten Melancholie das Herz zur nostalgischen Glückseligkeit aufgehen lassen.
Im Opener Giving Up lassen sich die in Watte jubilierende Gitarren nicht den Schneid abkaufen, reiben sich sogar auf, evozieren eine heimelige Dringlichkeit, während sich die Synthietexturen drumherum ineinander flechten, vom prägnanten Drive der Rhythmussektion mitziehen lassen und wie nebenbei einen Chorus zum Niederknien abwerfen. Quicksand (Chairoplane) schmimmert elegant in die 80er, zu The Cure und den Smiths, blüht irgendwann harmoniesüchtig auf. Man kann die superbe Gitarrenarbeit in der Interaktion mit den nebensächlich wirkenden, aber so gefinkelt arrangierten Keyboard-Klangteppichen gar nicht genug loben, während Crush schon weiter sind, eine grandiose Passage an die nächste reihen, Formen und Strukturen mit verspielter Meisterhaftigkeit variieren, bevor sie dem Sonnenuntergang am Horizont entgegenfahren. Sugarcoat, das ist zu diesem Zeitpunkt längst klar, ist aus dem erfrischenden Material gestrickt, das motivierend in Aubruchstimmung versetzender, unbeschwerter Seelenbalsam nach dem Heartbreak sein kann, sich notfalls aber auch mit definierter Melodramatik in einem Meer der leidenden Einsamkeit begraben kann.

Out of Luck schunkelt deswegen  liebenswert zur tröstenden Trauer, die verträumte Tragik ist auch immer der leise Hoffnungsschimmer. Das hervorragende Blue Colored hofiert eine anachronistisch glitzernde Patina im funkelnden Reverb. Es ist diese authentische Schwüle einer subtilen Dramatik, die Szenen wie diese auszeichnet,  dabei jeden Kitsch vermeidet, alleine schon, weil Sängerin Christina Lessiak derart glamourös und elegant gleitet, bestimmt auftritt und die Instrumente dazu hinter der klaren Produktion von Wolfgang Möstl immer wieder kleine gemeine Kapriolen wagen – das rockige Dark Knights gönnt sich so etwa einen vergänglichen Americana-Anstrich.
Das gefühlvolle Pour Me ist wiederum ein im Pre-Chorus nahverwandtes Trostpflaster zu Damaged Goods – weswegen es die stimmige Neuaufnahme des alten Hits im Albumkontext auch nicht zwingend benötigt hätte -, das der Option widersteht, sich im Tempo hetzen zu lassen und hat dafür im Refrain umso individueller strahlt. Nicht nur hier verfestigt sich der Eindruck, dass Crush die Wartezeit auf Sugarcoat zwischen den Zeilen mit subtilem Feinschliff dafür genutzt haben, ihre Trademarks auf den nächsten Level zu heben.

Zu beanstanden gibt es insofern auch wenig, Sugarcoat stemmt die immensen Erwartungshaltungen mit einer geradezu unangestrengt anmutenden Selbstverständlichkeit. Der mit viel Energie seinem Cinemascope-Finale entgegenpochte Abspann Ivy wirkt jedoch gerade als Closer durch sein abruptes Ende leidlich deplaziert, generell zu überhastet beendet, weil die Nummer sorgsam vorbereitet praktisch unmittelbar den Hunger auf Mehr entfacht. Ein epischeren, exaltierter auslaugendes Ende wäre Sugarcoat eventuell gut gestanden, wo der Platte hier und da ganz allgemein auch rein instrumental wandernder Raum ohne die gesangliche Zielstrebigkeit zusätzliches Wachstum zugestanden hätte, und sich Body and Mind als versöhnliche Romanze ein wenig zu sehr in die Gemütlichkeit zurücklehnt.
Freilich alles Jammern auf hohem Niveau, das die Heavy Rotation der Platte keine Sekunde unterbricht. Crush ist mit ihrem Debüt schließlich trotz minimaler Schönheitsfehler ein beinahe formvollendetes kleines Meisterstück gelungen, das sich wie ein lange lieb gewonnener Klassiker anfühlt. Ein machtdemonstrierendes Schaulaufen – konsenstauglich, ohne anbiedernd zu werden; gefällig, aber auf eine absolut charakterstarke Art und Weise. Diese zehn Songs spielen eben mit offenen Karten, haben hinter ihrer klar erkennbaren Intentionen aber stets genug subversive Tiefe, um jenen Abnutzungserscheinungen entgegenzuwirken, die viele Genrekollegen nur zu einfach offenbaren.
Sugarcoat ist damit das kurzweilige Album ohne Ablaufdatum geworden, das man sich von Crush seit knapp zwei Jahren innigst gewünscht hatte. Auch die Luft lassende Steilvorlage für kommende Glanztaten aus dem eigenen Haus und mehr noch die Pop-Perle, an der sich die Konkurrenz bis auf weiteres messen wird lassen müssen. Schon jetzt eine der Platten des Jahres – und darüber hinaus.

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