Dean Blunt – Black Metal

von am 23. November 2014 in Album

Dean Blunt – Black Metal

Ein Sinnbild, wie die Musik von Dean Blunt funktioniert: sein zweites Soloalbum heißt ‚Black Metal‚ und klingt genausowenig nach Blastbeats und Co., wie Songtitel ala ‚Country‚, ‚50 Cent‚ oder ‚Punk‚ Rückschklüsse auf ihre Gangart zulassen. Und vor allem: so konkret wie das bedingungslos konsequent eingefärbte Albumcover suggeriert ist hier ohnedies nichts.

Mehr noch als sein Vorgänger ‚The Redeemer‚ ist auch ‚Black Metal‚ große Skizzenkunst mit elaborierter Metaebene, ein flüchtig bleibendes Collagen-Amalgam zwischen leisem R&B und dezenter Elektronik, lose gehaltenen Post-Punk-Erinnerungen und IDM-Bruchstücken, Songwriter-Bruchstücken und psychedelisch ausfransenden Hip Hop-Beats.
Vor allem in der ersten Spielhälfte formvollendet Dean Blunt das herrlich fragmentarische Element seiner Konstruktionen aber unter dem Deckmantel verträumt schwelgender Dream-Popmomente: ‚Lush‚ schmiegt sich in aufdringliche Streicher, ‚50 Cent‚ lädt Joanne Robertson in eine so straighte wie ziellose Reise in experimentelle Indiegefilde ein, bevor ‚Blow‚ mit aller Zeit der Welt im Halschlaf um melanchlisch torkelnde Gitarrenechoes kreist und ‚100‚ den Lo-Fi-Beachmodus auspackt um romantisch zu turteln. Warum bleibt offen, wie so vieles hier.
Denn vielleicht ist es die größte Kunst Blunts, all die theoretische Inhomogenität in seinem mühelosen Drive, der entspannten Ausstrahlung und der ungezwungenen Atmosphäre zu einem nahtlos ineinander überfließenden Ganzen kulminieren zu lassen. Zu einer entrückten Schönheit zu formen, die mit Eleganz und Anmut ihre Bestimmung immer erst im nachfolgenden Augenblick zu offenbaren scheinen will, bis dahin in schwereloser Unbekümmertheit aber keinen Gedanken an unmittelbare Erfüllung zu verschwenden scheint. Und eben: die Auflösung liegt hier im beschrittenen Weg.

Bis zur ätherischen Gitarrenminiatur ‚Molly & Aquafina‚ driftet Blunt mit der immer wieder präsenten Robertson durch seine ureigene entrückte Klangwelt voller minimalistischer Strahlekraft, bevor sich ‚Black Metal‚ seinem zweiteiligen Herzstück nähert: ‚Forever‚ plätschert über 13 Minuten zu sanften Pianoloops, unkonkret mäandernden Beats und nebulösen Saxofonwellen in die Hohheitsgebiete von fahrig interpretierten These New Puritans, während ‚X‚ sich als neunminütiges Ambientszenario mit Synthie-Wave-Anleihen bei den Young Marble Giants anlehnt. Das will kaum greifbare Formen annehmen und lullt mit seiner freigeistigen Losgelöstheit zwar betörend ein, entlässt aber doch unbefriedigend.
Und spätestens ab hier ändert ‚Black Metal‚ dann auch in weiterer Folge seine Klangfarbe, wird bedrückender und schwerer, beginnt auszufransen (auch wenn ‚Punk‚ mit seinem dubbigen Konstrukt, das flüchtige 80er Softpop-Wehen ‚Hush‚ oder der orientalische Blade Runner-Link ‚Grade‚ auch ohne forcierte Zugänglichkeit Eindruck hinterlassen), mit der Aussicht, dass vieles hier sich doch nicht in den angekündigten Genieblitzen entlädt, sondern beinahe frustrierend um jegliche Erwartungshaltung-Erfülllung kurvt: direkte Antworten und ein eingestellter Fokus, das sind also weiterhin nicht die Dinge, mit denen sich Dean Blunt beschäftigen möchte.
Ein paradoxes Phänomen, denn genau aus dieser schludrigen Herangehensweise bezieht ‚Black Metal‚ doch auch wieder einen Gutteil seiner faszinierenden Anziehungskraft und Sogwirkung: als wollte das zweite Soloalbum der Hype Williams-Hälfte als  Palette verstanden werden, die das Potential für visionäre Meisterwerke bereitstellt, sich letztendlich aber damit begnügt anzudeuten, hinzuweisen, anzureißen: sollen andere die Fäden aufnehmen, wenn sie denn können. Dean Blunt kommt einem nicht weiter entgegen als nötig und ist damit vielleicht die schlampigere Alternative zu Flying Lotus, die digitale Version der Tindersticks im Beach House-Kostüm, das Songwriter-nähere Pendant zu Actress, oder schlichtweg ein Brite, der nicht daran interessiert ist sein volles Potential hinsichtlich etwaiger Kompatibilitäten auszureizen.

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