Dean Blunt – The Redeemer

von am 9. Juni 2013 in Album

Dean Blunt – The Redeemer

Kaum zu glauben, dass die Hype Williams-Hälfte Dean Blunt für sein offizielles Solodebüt den Sound seiner unzähligen vorangegangenen Veröffentlichungen zumindest ein wenig aufgeräumt hat: ‚The Redeemer‚ schüttet sein Herz über hemmungslos zerfließenden Songskizzen im wage gehaltenen Genre-kaleidoskop aus.

Schwer zu fassen war die Arbeiten der Undreground-Faszination Dean Blunt seit jeher. Das ändert sich auch auf der ersten regulären Veröffentlichung (nach der Wiederveröffentlichung des Mixtapes ‚The Narcissist II‚) für Hippos in Tanks nicht, selbst wenn der geheimnisumwitterte Londoner im (weitestgehenden) Alleingang ohne seine kongeniale Partnerin Inga Copeland das allgegenwärtige Hintergrundrauschen alter tage für den wunderbaren Zauberkasten ‚The Redeemer‚ deutlich hinuntergeschraubt hat. In 45 Minuten und mehr oder minder 19 Tracks kann dabei immer noch alles passieren, Blunt nimmt mit auf einen beispiellosen Grenzgang, eine Spielwiese an elektronischer Experimente aller Art. dass ist zu einem Zeitpunkt im Geiste mit TV on the Radio und einem uferlosen Ghostpoet geistesverwandt, im nächsten Gonjasufi ohne Drogen und inmitten von nahtlos arrangierten Ideenabfolgen immer eine mediative Cut and Paste-Halluzination die abseits Blunts eigenen Schaffen eigentlich doch beispiellos wächst.

Da eröffnet ‚I Run New York‚ mit eleganten Joe Hisaishi-Streichern, die verträumten Beats zum Konservenorchester ‚The Pedigree‚ mühen sich verschlafen hervor. Blunt formt mit seiner heruntergefahrenen Erzählstimme die Vision von Blues und Soul aus dem Zeitloch in dem Gil Scott Heron mit ‚I’m New Here‚ operierte. Eben dort findet auch das martialisch polternde ‚Demon‚ mit seinen Synthie-Chören statt, während Blunt das stressige Stau-Szenario versiert ausbremst und traurige Bläser in den Song schweben. ‚Flaxen‚ repetiert Harfenklänge vor engelsgleichen Sirenengesängen, der Titelsong lässt Copeland und Blunt hinter quer gestellten Soundscapes aus aufreibendem Gebläse und Streichern entspannt im Meer treiben, dann die psychedelischen Akustikgitarren von ‚Seven Seals of Affirmation‚ willkommen heißen und das Szenario in ‚Walls of Jericho‚ am Ende irgendwo zwischen Angelo Badalamenti und disharmonischen Stimmübungen ausklingen.

Während Blunt also immer wieder lose Fäden verbindet oder im Nichts verschwinden lässt, neue Gedanken aufnimmt und sich in so wirre wie einnehmende Sounds eingräbt, begegnen einem auf ‚The Redeemer‚ in weiterer Folge von nebulösem Noise-Jazz (‚Need 2 Let U Go‚) über wohlklingende Gitarrenminiaturen im Folkgewand (‚Imperial Gold‚) bis hin zu ergreifenden Pianokleinoden (‚Brutal‚) allerhand Auswüchse, die vor allem aber auch abseits ihrer arty Austrahlung in ihren Bann zu ziehen wissen: ‚The Redeemer‚ entfaltet einen inspirierenden Zauber, der trotz aller Zerissenheit doch ein Gesamtbild vor Augen hat und dieses auch bekömmlich zu servieren weiß. Am deutlichsten wird dies vielleicht wenn Blunt für ‚Papi‚ nahezu unbemerkt Pink FloydsEchoes‚ ohne Bruchstellen in die große Vision hinter ‚The Redeemer‚ einzuflechten beginnt.

Für sich genommen sind die einzelnen Puzzlesteine des Albums freilich ein wenig erleuchtendes Wirrwarr aus Ansätzen und Geistesblitzen; zusammengenommen aber eine betörende Reise durch ein eigenwilliges Musikverständnis. Dass Blunt seine Hörer ohne Netz und doppelten Boden in diese Fieberträumen von niemals wirklich zu Ende gebrachten Song-Ahnungen führt ohne sie deswegen automatisch an der Hand zu nehmen oder eine adäquate Bedienungsanleitung zu liefern, macht ebenso einen Gutteil des Reizes von ‚The Redeemer‚ aus, wie die Platte dadurch auch in der eigenen Trippigkeit verloren und unfertig wirken mag: Im schlimmsten Fall ensteht so eine wenig stringente und dennoch förmlich berauschende Aneinanderreihung von Samples, Sounds, Beats und Melodien, die erst auf den zweiten Blick grundsätzlich soviel mehr Ahnung von anmutigen Popmomenten hat, als sich vordergründig offenbaren möchte.
Letztendlich ein Sammelsurium, dass mit enger angezogenen Zügeln eventuell auch gar nicht eine solche Faszination, eine atmosphärisch derart einzigartige Stimmung entwickeln hätte könnte. Man muss den hyperventilierenden Meinungsbildnern und Hype-Verteidigern insofern auch durchaus nicht widersprechen, wenn weiterhin orakelt wird: bei Blunt darf mit gutem Gewissen nach den Wurzeln elekronischer Zukunftsmusik geforscht werden.

07

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