Earth – Primitive and Deadly

von am 4. September 2014 in Heavy Rotation, Reviews

Earth – Primitive and Deadly

Ein Schritt zurück, zwei nach vorne: Earth entfernen sich vom Cello-schwangeren Folk-Hypnotismus der ‚Angels of Darkness, Demons of Light‚-Phase und heben den bedrohlich glimmernden Americana-Doom ihrer Comebackplatte ‚Hex; Or Printing in the Infernal Method‚ mit einer Handvoll Gästen auf eine neue Ebene.

Die Momente in denen Dylan Carlson nicht der Vorstand einer reinen Instrumentalband ist sind rar gesät. Zumindest 18 Jahre muss man zurückblicken, um auf dem durchaus nahverwandten ‚Pentastar: In the Style of Demons‚ Vocalspuren zu finden; 1990 keifte für ‚A Bureaucratic Desire for Revenge, Part 2‚ ein Jahr vor der Welteroberung immerhin ein Fan namens Kurt Cobain als Gast garstig ins Mikro. Gesangsspuren an sich sind also per se keine absolute Neuheit im Earth-Kosmos – im zweiten Leben der Band ab 2003 spielten sie allerdings  keine Rolle mehr. Vermisst hat man sie dabei nie – bis jetzt, wenn man so will. Denn 3 der 5 Songs auf ‚Primitive and Deadly‚ sind nun nicht nur auf symbiotische Weise mit Vocals ausgestattet: die Stimmen von Mark Lanegan und Rose Widows-Frontfrau Rabia Shaheen Qazi fühlen sich nun gar wie Zutaten an, die man auf den Vorgängeralben absolut nicht vermissen musste, um sie nun als die bisher fehlenden Bausteine im Klangwerk der Band zu deuten.

There Is A Serpent Coming‚ nähert sich mit biblischer Grabesstimmung einer erhabenen, flirrend-heulenden Melodie, Earth und Lanegan reichen sich gegenseitig die Arme, formen eine knorrige Soundmesse voller staubiger Eleganz, meditieren zu einem bluesigen Slo-Motion-Gitarrenmeer das keine Ufer kennt. Lanegan’s dunkles Timbre fügt sich wie die Faust aufs Auge in die apokalyptische Nachdenklichkeit, ringt der Earth’schen Gangart eine eigenwillig-beunruhigende Schönheit ab, artikuliert dabei aber vor allem eine bedrohlich Prophezeiung: „I see a behemoth coming / I see a serpent coming / I see a beast is coming / I see a deadly heat is coming„.
In die selbe Kerbe schlägt ‚From The Zodiacal Light‚. Quazi driftet hier über knapp 12 Minuten in eine schlaftrunkene Meditation, die ihre altersweise innere Ruhe mit grimmigen Blick und hochgekrempelten Ärmeln ausbreitet, das fiebrige Vintage-Doom Artwork nahtlos widergibt. Earth spielen mit der minimalistischen Präzission einer Band, die den Lauf der Welt entschleunigen kann.
Dabei wirken die andächtigen, mit einer eindringlich intensiven Ehrfurcht intonierten Gesangsspuren zu keinem Zeitpunkt wie ein auf das bestehende Gefüge aufgesetztes zusätzliches Gimmick, sondern ergänzen die Palette so selbstverständlich, als hätten Earth nie ohne sie auskommen müssen. Dazu verfärben die Gäste am Mikrofon den Sound der Platte, lichten Earth deutlich versöhnlicher und friedlicher ab als es die Instrumentaltracks tun – selbst wenn Lanegan das abschließende ‚Rooks Across The Gates‚ gar in Drone-Gefilde zurückführt.

Schon das eröffnende ‚Torn By The Fox Of The Crescent Moon‚ baut nämlich auf ein garstig riffendes Stück Doom inmitten von Pallbearer und Arbouretum,  das bösartig und schwer, sinister und mantraartig, breitbeinig in sich gekehrt und geduldig eine kalte, mitternächtliche Prärieluft aufsaugt. ‚Even Hell Has It’s Heroes‚ ist noch besser als sein Titel verspricht, ein neunminütiger, konzentrierter Jam-Ausritt in die Psychedelik mit geschlossenen Augen, malträtiert-feingeistigen Gitarren und beunruhigenden Totenglocken wie auch Swans sie lieben.
Spätestens hier wird auch deutlich, dass Earth vielleicht nie akribischer darin waren Stimmungen aufzubauen und eine einzigartige Atmosphäre zu erzeugen, dass ‚Primitive and Deadly‚ aber rundum eine Platte ist, die den Sound der Band aber nicht nur deswegen expandiert, weil die stimmliche Samen aufgehen: mit Brett Netson (Built To Spill) und Jodie Cox (Narrows) an zwei zusätzlichen Gitarren verdichten sich die Kompositionen zu einem majestätischen und vielschichtigen Monolithen, der von Randall Dunn (2014 unter anderem bereits als Produzent von Marissa Nadler und Wolves in the Throne Room hervorgestochen) zu einem wuchtigen und archaischen, in seiner Ernsthaftigkeit bisweilen dennoch regelrecht verspielten Tiefenrausch voller kantiger Melodien und dennoch zugänglicheren Strukturen geschliffen wird. In dieser Konstellation erweisen sich alle Beteiligten eben gegenseitig einen würdevollen und erhebenden Dienst, so dass das Ende ohne das Vinyl-Exklusive, nebulösen Herzstillstand-Trip ‚Badgers Bane‚ nach 48 verträumt-kurzweilgen (!) Minuten gar zu plötzlich am Horizont erscheint: wäre der Song in der regulären Trackliste platziert worden, hätte dies den Albumfluss willkommen abgerundet.
Auch so ist es erstaunlich wie wendig und unberechenbar Carlson seinen auf der Oberfläche so stoischen Ambient Metal hält. Für ‚Primitive and Deadly‚ findet er das unterhaltsamste, unmittelbarste und dankbarste Album der Band seit langem – nicht nur, weil es erstmals seit langem keines Blickes auf das Display mehr bedarf um zweifelsfrei sagen zu können welcher Song einer Earth-Platte gerade läuft.

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