Evil Island – Terraform the Afterlife
…Burn, Evil Island, Burn! Terraform the Afterlife reklamiert das Erbe der Blood Brothers unverhohlen für sich. Das ist für das Debütalbum der Supergroup gleichermaßen Katalysator wie Bürde.
Denn um nicht lange um den heißen Brei herumzumanövrieren – wie es auch nicht die Art der 37 Minuten der Platte an sich ist -, zeigt Terraform the Afterlife in seiner betont melodisch und schmissig ausgerichteten Art hinter den überraschend straight rockenden Tendenzen zwar die Ansätze, um über die Kernkompetenzen der legendären Blood Brothers hinauszugehen, und könnte insofern theoretisch auch jenseits einer rein nostalgischen Ader arbeiten. Allerdings setzt man den Hebel deswegen keineswegs nur auf der assoziativen Ebene an.
Die – neben den drei Ex-Blutsbrüdern Johnny Whitney, (Vocals) Cody Votolato, (Vocals, Gitarre) und Mark Gajadhar (Drums, Percussion) noch aus dem (ehemaligen) Trail of Dead– und Off!-Mann Autry René Fulbright II (Bass) sowie mittlerweile zudem Ur-Glassjaw-Veteran Todd Weinstock (Gitarre) bestehende – Gruppe will (nein: angesichts der Stimme von Whitney und des hyperaktive Songwritings: muss!) stilistisch einfach dezidiert jenen Nerv treffen, der seit 20 Jahren blank liegt.
Terraform the Afterlife sucht also, mehr noch als Jaguar Love und Past Lives, den ästhetischen Anschluss an Young Machetes. Man spielt entlang einer punkige Schnörkellosigkeit beinahe deckungsgleich eine Reproduktion diesen sassy seine hyperaktiven Zähne zeigenden Post Hardcore mit smartem Pop-Verständnis der gefühlten Quasi-Vorgängerband und verstärkt die Nähe noch zusätzlich, indem man Piano Island-Initialzünder Ross Robinson als Produzent an Bord geholt hat.
Im Umkehrschluss bzw. gewissermaßen als logische Konsequenz zu dieser eine natürliche Fallhöhe mit sich bringenden Verortung muss Terraform the Afterlife jedoch auch gerade deswegen bis zu einem gewissen Grad scheitern.
Weil die Blood Brothers in dem kurzen Zeitfenster ihrer Existenz (und entlang eines nahezu perfekten Diskografie-Laufes) ein ideales Momentum auf ihrer Seite hatten, das sich so nicht mehr wiederholen lässt, nun aufgrund der Kongruenz aber zwangsläufig stets das Gefühl zurückbleibt, dass dem mit seiner eigenen Vergangenheit und dem plötzlichen Hiatus so vortrefflich Frieden schließende Album einfach das gewisse Etwas (und vielleicht auch die Markanz einer unverwechselbaren eigenen Identität) fehlt, derweil man all das hier gebotene Spektakel von den meisten Beteiligten so eben schon noch besser zu hören bekommen hat.
Das hat dann gar nicht unbedingt damit zu tun, dass es personell eben keine vollwertige, waschechte Blood Brothers-Reunion ist. Diese Ambivalenz macht nämlich alleine schon der Besuch von Jordan Billie in I Bought a Spell überdeutlich, in dem die beiden ehemaligen Co-Frontmänner über einem surfenden Twister immer noch super harmonieren, die Nummer an sich jedoch kein berauschendes Aha-Erlebnis (wiewohl keine Enttäuschung!) liefert, sondern die Tugenden der Ex-Band auf eine barrierefreie Bissfertigkeit herunterbricht.
Was übrigens symptomatisch für das Song-Material und die zelebrierte Ästhetik dieses Erstlingswerkes ist.
Gleich Melted Heart nimmt mit Alexis Krauss (Sleigh Bells) den unkomplizierte MO vorweg, steht mit seiner simplen Hook im überstrapazierten Refrain am Gaspedal und gönnt sich gar einen Cheerleader-Chant: Während die Riffs herrlich verquer turnen, ist das Drumherum einfach arg konventionell ausgerichtet und die Summe der Teile schon beinahe zu aufdringlich.
Auch Animal (als rhythmusdominierte Crimes-Party mit einer superben Bridge als leeres Versprechen) oder das bouncende Tiger Baby gehen den massentauglichen Single-Weg des geringsten Widerstandes mit einer sofort zündenden Catchiness. Grow Spikes stampft zum Instant-Ohrwurm und schraubt abseits des Chorus Versatzstücken alter BB-Stücke zusammen. No Good gibt eine Aussicht darauf, wie March on Electric Children mit Chart-Interesse klingen hätte können.
Sofort Mitsingen zu können ist also kein Verbrechen, die Umdeutung bekannter Parameter zur Easy Listening-Zugänglichkeit das Ziel. Und live wird das alles sicher enorm viel Spaß machen!
Doch wo man sich derartige Exkursionen aber nicht erarbeiten muss, stellt sich spätestens im letzten Drittel über das gut gelaunt polternde Moonlight Doomlight und den Highway-Punkrocker King Death eine latente Redundanz ein.
Spannender wird es schon, wenn Terminatrixx unermüdlich am Tempo-Rad dreht und ebenso wie der sich manischer austobende Closer Suicide By Cop oder das zerfahrene Evil Island Death Cult National Anthem sich verquerer geben und die Stromlinienförmigkeit der meisten Songs verweigern. T-Hexx, bei dem der Gastauftritt von Guy Picciotto natürlich eine kleine Sensation ist, wird ein wenig um die Ecke gedacht und überdreht seine Gitarren für einen zu langen und repetitiven Banger, bevor das nonchalant jubilierende Blinding Rage kompakt aufzeigt.
Die Frage, ob das alles nun besser funktioniert, wenn es sich nicht jener Erwartungshaltung ausgesetzt sehen muss, die entsteht, wenn die Blood Brothers maßgeblich für die eigene musikalische Sozialisierung waren, kann dennoch nicht neutral beantwortet werden.
Denn die Platte, die weder Euphorie noch Ernüchterung hervorrufen will – und irritierenderweise sowieso keine wirklich starken Reaktionen provoziert – kann die einen undankbaren Schatten werfende Messlatte gleichzeitig auch zu ihrem eigenen Vorteil auslegen, indem man Terraform the Afterlife hinter der Fanbrille besser finden will, als es nüchtern betrachtet wohl angebracht wäre.


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