Fawn Limbs – Sleeper Vessels

von am 25. September 2020 in Album

Fawn Limbs – Sleeper Vessels

Seit 2018 feuern Fawn Limbs aus Pennsylvania mit qualitativen Veröffentlichungen aus allen Rohren, aber erst mit Schützenhilfe der Frontierer-Kreativspitze erreichen sie auf ihrem Zweitwerk Sleeper Vessels den nächsten Level in ihrem „Geometric Noise Mathematical Chaos“.

So gelungen Harm Remissions im vergangenen Jahr auch war, fehlte dem Debütalbum von Eeli Helin (Vocals, guitars, noise), Lee Fisher (Drums) und Samuel Smith (Bass) doch die Radikalität im Sound, um die die irrwitzig im Chaos explodierende Kampfzone der Band an der sludgig angehauchten Schnittmenge aus Grind- und Mathcore mit der entsprechend unbedingten Durchschlagskraft zu inszenieren.
Auftritt Pedram Valiani: Der Frontierer und Sectioned-Mastermind hat Sleeper Vessels hinter den Reglern betreut – und Fawn Limbs damit gefühlt exakt jenen steroiden Adrenalinschock verpasst, der dem Trio bisher fehlte. Nicht, dass er den Mathgrind von Fawn Limbs gleich assimilieren würde, doch impft er seinen Car Bomb-geprägte Whammy-Maxime und Sinn für Produktionsästhetiken markant in die DNA der Band, programmiert die Eskalation mit hakenden Amplituden aus Heavyness und Stakkato-Attacken, Stroboskop Gitarren und digitalen Störgeräuschen.

Nervöse Glitch-Effekte durchziehen etwa Metrae im brüllend-fauchenden Tempowahnsinn oder das überragende, tackernd-hämmernde The Vermin Massif mit seinen polyrhythmischen Signaturen, kaputten Riffs und hinten raus gar melodischeren Heulen. Famine Vows knüppelt exemplarisch für das Wesen der Band innerhalb von Sekunden alles nieder und peitscht dann noch mehr Wendungen im Sekundentakt, nur um letztendlich elektronisch auszufransen.
Noch frappanter wird der Einfluss von Valiani, wenn der seinen Kumpel und A Dark Orbit-Brüllwürfel Chad Kapper in den Tumult mitbringt. Photovoltaic Hum übersteigert mit der zusätzlichen Urgewalt des Muskelpakets die synthetische Verfremdung, kippt fette Breakdown-Salven in den Anti-IDM-Remix, während The Gradience of Rescue and Exposition die Spannungen lange anzieht, dann schwalartig-schwer ausspeit, dissonanter ballert und trotzdem nachvollziehbarer bleibt, als weite Strecken der – nicht wirklich schwierig zu konsumierenden, aber doch bewusst reizüberflutend unberechenbar strukturierten – Synapsenattacke Sleeper Vessels, die ihr Ende ausnahmsweise weniger wie ein Minenfeld, als vielmehr wie eine gnadenlose Streckbank findet.

Trotzdem sind Fawn Limbs und Valiani schlau genug, die Regler nicht ständig im roten Bereich zu schmoren. Schon der Opener The Irrelevance of an Exorcism erzeugt erst Stimmung mit einem atmosphärisch-abgründigen Noir-Intro, einem Kayo Dot‘schen Fiebertraum im Drone, bevor er über einen zähflüssigen Deathcore Anlauf nimmt. Immer wieder lockern Fawn Limbs das Szenario derart, schaffen Raum und lehnen sich mit rasselnden Hi Hats assoziativ in die jazzige Auslage des Metal.
Corruption Aperture schrammt etwa doomigere Tendenzen und hat ein rasselndes Zwischenspiel, nur um über beste Dillinger Escape Plan-Manier den Pig Destroyer-Abgang zu wagen. Nach dem A Swarm of Invertebrate Fauna wahnsinnig nach oben und unten ausbricht arbeitet sich Haul These Bodies and Haul Them Aloof zum Herzen der Platte vor, ist ein entschleunigter Horror-Albtraum, in dem bis auf das Schlagzeug und eine delirante Orgel alles durchatmet. Der an sich greifbarer aufgezogene Titelsong wird zur übersteuerten Kakophonie verzerrt, aus der sich minimal zugängliche Passagen schälen und Ruiner ist zur Hälfte Ambiente-Folterkammer in wütender Melancholie.

Auch durch die enorme Geschwindigkeit, dies alles in insgesamt 28 Minuten zu packen, gönnt Sleeper Vessels jedoch gefühlt keinen tatsächlichen Augenblick Erholung. Die Platte steht permanent unter dem Strom einer manischen Performance, und schafft dabei das Kunststück, niemals konstruiert oder überladen zu wirken; keine Monotonie zu erzeugen, ohne aber wirklich vieldimensional zu sein.
Sleeper Vessels entwickelt gemessen am Erstling neben seinem Sound nämlich auch die weitaus bessere Gesamtdynamik und den variableren Fluß in seinem vertrackten Irrsinn, ist also gleich auf mehreren Ebenen ein enormer Schritt nach vorne. Einer, der ohne tatsächlich ikonische Momente vielleicht noch nicht ganz an die Speerspitze der Szene führt, der den praktisch ohnedies aus dem Stand über den Epigonen-Status hinauskatapultierten Fawn Limbs aber auch nur noch wenig Luft zur eklektischen Systemoptimierung lässt.

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