Graveyard, Spiders [13.12.2012 Arena, Wien]

von am 14. Dezember 2012 in Featured, Reviews

Graveyard, Spiders [13.12.2012 Arena, Wien]

Zugegeben: Gelegenheiten zum Ärgern liefert der eiskalte Abend in der Sardinenbox der Arena mehr als genug. Dass unterm Strich dennoch ein furioses Konzertfeuerwerk steht, hat dann aber zwei simple Gründe: groß aufspielende Spiders und vor allem natürlich die so unfehlbaren Giganten Graveyard.

Vielleicht liegt es ja am Alter. Aber ein Konzert unter der Woche mit knapp über einer Stunde Verspätung zu beginnen hat nicht zuletzt dann einen faden Beigeschmack, wenn man noch eine längere Heimreise vor sich hat. Stößt man sich daran, wird einem auch die exorbitant lange Umbaupause zwischen den beiden schwedischen Bands auf die Nerven gefallen sein. Zumal – was dann wiederum nichts mit dem Alter zu tun haben dürfte – ausgerechnet der Sound an diesem Abend nicht unbedingt der optimalste ist: dass Spiders-Frontfrau Ann-Sofie Hoyles nach dem ersten Song das Mikro ausfällt ist da nicht weiter ein Problem, dass bei den in sehr moderater Lautstärke spielenden (passt aber trotzdem auch so!) Graveyard die Kickdrum und der Bass praktisch alles andere überlagern und beispielsweise die Leadgitarre lange Zeit nur erahnt werden kann, ist ein Problem, das nach und nach weicht, den Opener ‚An Industry of Murder‚ aber doch ein wenig die Zähne zieht. Aber eben: das bekommt die Technik nach und nach in den Griff, die Arschloch-Dichte im Publikum bleibt konstant hoch.

Wer schon vor Konzertbeginn derart breit ist, dass man nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen kann ohne jeden im Umkreis von zwei Metern anzurempeln, für den wird es auch Sinn ergeben sich mitten im turbulenten Pit eine Zigarette anzuzünden, die ruhigeren Passagen von Songs für Telefonate oder den Gang zur Bar zu nutzen, um die geholten Getränke danach per Weitwurf oder ob der schieren Überraschung, dass sich da direkt vor der Bühne sofort wieder ordentlich was regt auf andere Besucher zu verteilen. Der Eindruck, dass da viele nicht vordergründig wegen der Musik gekommen sind bleibt so leider doch zurück. Ist aber eben vielleicht eben auch so eine Altersgeschichte.

Keine solche ist der anachronistische Rockreigen des Abend an sich, denn der ist schlicht zeitlos. Menschen aller Altersschichten türmen sich in der rappelvollen Arena, vom gestandenen Metaller über den jungen Indie-Hipster bis zum altgedienten Nietenjackenträger ist alles gekommen, um die derzeit beste Heavy-Metal-Blues-Rock-Kombo des Planeten zu sehen – und sie alle werden kurz vor Mitternacht zufrieden in die Kälte Wiener-Nachtluft entlassen worden sein. Von den Spiders, einem jungen Quartett aus Göteborg hat man sich nämlich eine halbe Stunde lang die absolute Freude am Rock’nRoll vorführen lassen dürfen – die vielleicht nicht viel einfallsreicher als ihr Bandname ist, aber eben trotzdem absolut unterhaltsam ist. Ann-Sofie springt in bester Juliette Lewis-Manier zum niemals zu streng nach Männerschweiß riechenden Rock ihrer Mannschaft, mal mit Rasseln bewaffnet, mal stilecht die Mundharmonika zückend. Wie versiert ihre drei Mitmusiker John Hoyles, Matteo Gambacorta und Ricard Harryson dabei eigentlich zu Werke gehen versteckt sich im Detail: in kleinen, hinter die fetten Riffs nachgeschobenen Gitarrenlicks; im immer unheimlich tight gespielten Bass, im treibenden Schlagzeugspiel. Vor allem aber: die Band hat merklich Spaß, das überträgt sich aufs Publikum, die Spiders bedanken sich bei ihrem „bisher besten Publikum“ – die Menge feiert die Spiders mit euphorischen Jubel und der Erkenntnis, dass das Quartett ihr Gebräu auf Bühne ungleich stärker zustande bringt, als auf Tonträgern.

Dass die Nuclear Blast-Buddies von  Graveyard da noch ordentlich einen draufsetzen: Ehrensache! Das dauert zwar eben vom ‚War Pigs‚-affinen Sirenengeheul-Intro bis zu ‚Hisingen Blues‚ – also dem zweiten Song – von da an gibt es aber kein Halten mehr. Da bricht vor der Bühne ein Pit los, an der sich auch so manche Hardcore Show ein Beispiel nehmen könnte. Graveyard spielen all ihre Kracher – der Fokus liegt gleichermaßen auf ‚Lights Out‚ und ‚Hisingen Blues‚, das selbstbetitelte Debütalbum wird dezent stiefmütterlich behandelt – unheimlich druckvoll und wuchtig. Sind die flotten Hits an der Reihe (‚Goliath‚, ‚Ain’t Fit to Live Here‚, ‚Seven Seven‚ und mehr) trieft der Schweiß von den eigentlich kalten Wänden der Location – und doch sind die ruhigeren Parts das wirklich ganz großen Kino. ‚Uncomfortably Numb‚, ‚The Siren‚ oder vor allem ‚Slow Motion Countdown‚ füllen die Arena überlebensgroß in stimmungsvollen Licht aus – Gänsehaut-Garantie inklusive, vor allem Sänger Joakim Nilsson kann hier mächtig auftrumpfen.

Gegen das sympathische Schlagzeug-Vieh Axel Sjöberg zieht er in der Endabrechnung dennoch knapp den kürzeren, Gitarrist Jonathan Ramm und der für den weiterhin auf Rehab befindlichen Rikard Edlund eingesprungene Tourbassist sind vor allem zweckdienlich unterwegs. Im theoretisch ultimativen Finale von ‚Thin Line‚ verschmelzen die vier Rocker ihre makellosen Fertigkeiten zu einer atemlosen Jamorgie, die mitreißender nicht sein könnte – ein einziger musikalischer Orgasmus ist das. Und hätte man es nicht eh schon gewusst, wäre es spätestens nun absolut klar: Graveyard sind aktuell die unbestreitbaren Könige des Heavy Rock – und auf der Bühne sogar eine noch größere Macht, als auf ihren ohnedies schon perfekten Alben.

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1 KommentarKommentieren

  • Schionatulander - 15. Dezember 2012 Antworten

    Genau so hab ich das auch empfunden.

    Der Sound hat sich im zweiten Drittel gebessert, das Publikum nicht.

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