Green Day – Revolution Radio

von am 16. Oktober 2016 in Album

Green Day – Revolution Radio

Green Day haben die Schnapsidee ¡Uno!, ¡Dos!, ¡Tré! als Band überlebt, während Billy Joe Armstrong die Reha rechtzeitig zu Zeiten politischer Aufruhr und sozialer Missstände abgeschlossen hat – und eben solche haben ja bekanntlich schon einmal für frische Impulse gesorgt, nachdem das Punkrocktrio eine kommerzielle Durststrecke durchleben musste.

Zwölf Jahre ist es nun her, dass American Idiot die Kalifornier endlich wieder in die Riege der Stadionmegaseller katapultierte und Begriffe wie Punkrock-Oper konsenstauglich für ein Millionenpublikum salonfähig machte. Auf Revolution Radio trifft er übrigens nur noch auf Forever Now zu – mit der relativen Überlänge von 7 Minuten und der wandelbaren Form der Komposition über drei verschweißte Parts hinweg, gönnt sich die Band thematisch ein gewisses Maß an Vergangenheitsbewältigung: „My name is Billie and I’m freaking out/ I thought therefore I was/ Well I can’t really figure it out“ verarbeitet Armstrong seinen medial ausgeschlachteten Zusammenbruch 2012 und dirigiert seine Band durch einen erst reduzierten, dann flotten, dramatisch angestauten und letztendlich groß ausholenden Rocker, der letztendlich stärker ist, als alles, was Green Day auf ihrer unsäglichen Albumtrilogie zustande gebracht haben. Wer kann, der kann eben. Das Mittelding aus Powerpop und Poppunk für das Formatradio, es steht der Band längst besser als die bemüht anarchistische Geste der Unangepassten – auch wenn die Ambition hier eher Routine ist. Der Kniff ist eventuell, dass Green Day auf Revolution Radio selten bemüht klingen, sondern gelöst, Erwartungshaltungen stemmt, ohne am Druck von außen zu zerbrechen.

Abseits davon haben sich Green Day auf Revolution Radio dennoch wieder primär ihrem kommerziell gewinnbringenden politischen Gewissen verschrieben. „We live in troubled times“ weiß Armstrong. Freilich, ein bisschen ist der immer wieder geäußerte Wunsch nach einer Revolution in Zeiten von Trump vs. Clinton dann doch in erster Linie ein wohlkalkuliertes Aufbegehren, aber auf den fahrenden Zug aufzuspringen war ja auch immer schon eine Kunst, die Green Day besser als andere beherrschten. Dass das Radio am Cover demonstrativ ausbrennt, ist insofern fast ironisch: Green Day haben auf Revolution Radio derart viel inspiriertes Feuer unterm Hintern respektive besitzen die selbe politische Sprengkraft wie die Kollegen von Prophets of Rage – also keinerlei relevante – aber im Gegensatz dazu eben einen plakativen Unterhaltungswert ohne Tiefgang gepachtet.
Feindbilder korrigieren die Formkurve also markant nach oben – und wenn man ¡Uno!, ¡Dos!, ¡Tré! etwas Positives abgewinnen kann, dann dass die drei Rohrkrepierer den Fokus der (wieder offiziell als Trio firmierenden) Band auf entschlacktere, sympathischer unumständliche – aber natürlich sauberst ausproduzierten – Punkrock-Singalongs geschärft haben, nachdem sich Green Day in der prätentiöse Uferlosigkeit des 21st Century Breakdown zu verlieren drohten.

Revolution Radio versammelt nun also 12 mal erfreulich schmissig daherkommende Singlekandidaten alter Färbung (Bang Bang oder der Titeltrack), manchmal arg selbstreferentiell agierende Langweiler (das Holiday-recycelnde Say Goodbye etwa, das alle Schattenseiten des Stadions aufzeigt), selten unangenehm gallig nach Hymnik aufgeblähte Ausfälle (Outlaws) und dann wieder simpel und unaufgebläht mit dem eigenen Melodieverständnis liebäugelnde Ohrwürmer (Still Breathing, Too Dumb to Die) – es  funktioniert in Summe als beliebig bleibende, so vorhersehbar wie ordentlich aus dem Baukasten entworfen abliefernde Fingerübung, die sich getrost in die Loyalität der Fanscharen legt und diese mit unaufregender Zuverlässigkeit bedient. Eine Platte also, die vielleicht morgen vergessen ist, aber für den kurzweiligen Moment ein erfreulich nonchalantes Comeback unterstreicht.
Den Schlusspunkt setzt dann das aus dem Rahmen fallende Ordinary World: Eine minimalistische Alibi-Gitarrenballade, die eigentlich für den Film selbigen Namens geschrieben wurde, in dem Billie Joe Armstrong einen Altpunk spielt, dem nie der Erfolg beschieden war, der für Green Day mit Dookie hereinbrach. Ein Kleinod, das rhetorische Fragen nach altrnativen Realitäten in den Raum wirft – vor allem aber auch die Frage: Wo wären Green Day heute, wenn das tolle Warning seinerzeit die Anerkennung erfahren hätte, die diese Platte eigentlich so sehr verdient gehabt hätte?

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