Grouper – Shade

von am 4. November 2021 in Album

Grouper – Shade

Nach den beiden Piano-Elegien Ruins (2014) und Grid of Points (2018) nimmt Liz Harris alias Grouper endlich wieder ihre Akustikgitarre zur Hand und orientiert sich auf Shade weitestgehend am LoFi-Folk.

Über den Zeitraum von 16 Jahren – also praktisch seit Beginn ihrer Karriere – in Mount Tamalpais, Portland und Astoria entstanden, fühlt sich Shade zu keinem Zeitpunkt wie ein Sammelsurium aus lange zusammengetragenen Songs aus verschiedenen Quellen an, auch wenn drei Nummern das allgemeine Spektrum mit latenter Unschärferelation entrücken.
Gleich der Opener Followed the Ocean, der hinter einem mit Verzerrungen und White Noise verrauschten Lofi-Nebel als Ambient Pop keinen Zweifel daran lässt, dass Harris auch astreine Hits liefern könnte, wenn sie es denn wollte – nur hier eher Lust darauf hat, eine verführerische Melodie in bittesüße Säure zu tauchen und Richtung William Basinski schielend an Helen oder das geniale A | A-Doppel von 2011 denken zu lassen.
Im späteren Verlauf folgen derart auch noch das mit phasenverschobener Tape-Manipulation in der Psychedelik verwaschene, sogar perkussiv pulsierende Disordered Minds, das die Konturen von konventionellen Songwriting-Ansätzen als weit entfernte Ahnung überlässt und die Ästhetik als essentielle Wirkungsebene installiert, sowie das näher an das restliche Gefüge heranrückende, geisterhaft halluzinierende Basement Mix, so schemenhaft aus dem Hall kommend, dass man gar die sich sorgsam neu platzierenden Griffe auf den Bünden hören kann.

Sie alle fügen sich allerdings eben weich in den gleichzeitig unnahbaren und keinerlei Distanz zulassenden Fluss einer Platte, auf der sich die Substanz enorm simpel gestrickt und absolut reduziert inszeniert über weite Strecken von Shade schließlich alleine auf die fast magische Sogwirkung von HarrisStimme im Verbund mit einem ruhig und elegisch in transzendente Sphären gleitendem Acoustic-Gitarrenspiel verlässt, hin zu Dragging a Dead Deer oder The Man Who Died in His Boat, hinein in die Einsamkeit verletzter Herzen.
Unclean Mind streift dafür alle Verzerrungen ab und artikuliert als Folk/Singer-Songwriter-Anmut eine klare Liebe zu Elliott Smith, wo das andächtig gezupfte Pale Interior näher bei alten Mount Eerie bezaubert. Eine filigran in Zeitlupe seufzende Ode to the Blue („I’ve been thinking about the way/ The light gets lost in your hair„) zerfließt förmlich vor zarter Melancholie und das wundervolle Kleinod The Way Her Hair Falls wirkt, als könnte ein schüchterner Windstoß die Welt um eine eingängige Hook zum Einsturz bringen. Die revidierenden Elemente aus vermeintlichen Fehlern und neuen Ansätzen gehören dabei durchaus zur trotz der langen Entstehungszeit eine so spontane, instinktive Ausstrahlung verbreitenden Aura von Shade.

Es ist insofern auch immer wieder faszinierend, welche atmosphärische Sogwirkung und imaginativ fesselnde Reichhaltigkeit die 41 jährige mit ihrem so unendlich sparsam scheinenden Minimalismus zu erzeugen versteht: Diese Intimität und naturalistische Mystik hat etwas wahrhaftes, zeit- und raumloses, zutiefst persönliches und gleichzeitig universelles.
Promise klingt deswegen so nah und privat, als würde Harris für niemanden anderen singen, sondern einem alleine Versprechen ins Ohr hauchen, die keine Rücksicht auf Äußerlichkeiten nehmen müssen: „And I promise to take good care/ Of your pretty blue eyes/ And your long blonde hair“. Ein Wahnsinn, wie intensiv Fragilität sein kann.
Es braucht deswegen auch kein Spektakel, keine Aufregung, kein erschlossenes stilistisches Neuland, um in verschiedenen scharf gehaltenen neun Songs bis zur betörenden Schönheit des so klaren, so reinen Kelso (Blue Sky) – vielleicht einer der feinsten Grouper-Songs überhaupt! – der vertrauten, ja sicher auch im besten Sinne überraschungsarmen Magie der Liz Harries einmal mehr zu verfallen und nach und nach vor allem schätzen zu lernen, dass der Eklektizismus auf dem erstaunlich homogen-kohärenten Shade nicht nur (selbst)referentiell ist, sondern einen eigenen Charakter im Werk dieser Ausnahmekünstlerin reklamiert.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen