Die Alben des Jahres: 10 bis 01

von am 1. Januar 2015 in Jahrescharts 2014

Die Alben des Jahres: 10 bis 01

Nicht verpassen! | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 bis 01 |

Seahaven - Reverie Lagoon -Music For Escapism Only10. Seahaven – Reverie Lagoon: Music For Escapism Only

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Alles an ‚Reverie Lagoon: Music for Escapism Only‚ wirkt wie die vage Erinnerung an spätsommerliche Abende, die so abseits der Imagination gar nie stattgefunden haben müssen: der auf emotionalen Post-Hardcore verzichtende, dafür auf klaren und verhuschten Indie Rock mit Singer-Songwriter-Innerlichkeit fußende Soundtrack für einen melancholischen und nostalgischen Traum daran, dass die Vergangenheit doch seine schönen Augenblicke der Einkehr parat hatte, wehmütige Verklärung hin oder her.  Dabei transportiert das zweite Album der Kalifornier eben viel eher den Blick in die Zukunft. Haben sich Seahaven inmitten von Hall und leisen Tönen nahezu vollständig neu erfunden, Langzeitfans verägert und neue gefunden, indem sie sich gleich neben die späten The Promise Ring und die unersetzbaren Weakerthans platziert. Mit einem Reigen, der auf den Erstkontakt hin unauffällig und unspektakulär anmutet, seine Melodien zumeist gedankenverloren treiben lässt und die Zügel doch immer wieder mit ordentlich Schmackes enger zieht, so aber nach und nach seine immense Tiefenwirkung entfaltet und mit jeder Berührung mehr zu einem tongewordenen Freund wird, der einen über die Jahre heimlich, still und leise begleiten wird: ein Zufluchtsort für den Geist, diese wunderschön glitzernde Lagune.

Grouper - Ruins09. Grouper – Ruins

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Wie so oft ist ‚Ruins‚ kein wirklich neues Grouper-Album. Liz Harris hat das Album komplett im Rahmen eines Artist in Residence-Programmes 2011 in Aljezur, Portugal aufgenommen, und hofft das man das auch hört: die gewundenen Wege durch die Ruinen diverser Anwesen und kleiner Dörfer auf dem Weg zum Strand, das erste Mal seit Jahren still vor dem Piano sitzen, sollte vertont werden. Sollte an sich kein Problem sein für Harris, die es mit Grouper seit jeher verstanden hat verlassene, ruinöse Kleinode auf Platte zu bannen. Das vermag sie auf ‚Ruins‚ mit etwas anderen Werkzeugen als zum Beispiel auf dem tieftraurigen ‚The Man Who Died in His Boat‚ zum Beispiel noch, erstmals mit trüben Klavierklängen im Vordergrund, dumpfen Trommelschlägen und den anderen Trademarks wie extensiver Hall, und höchstmöglich introvertiertem Gesang, vielleicht weniger fragil als auf dem in etwa zeitgleich entstandenen genialen Doppelschlag ‚A I A‚. All die Songs auf ‚Ruins‚ sind durchzogen von ortsbezogenen Geräuschen, zufälligen, wetterabhängigen, menschlichen oder technischen Ursprunges – allen voran natürlich das vielzitierte Piepen der Mikrowelle, dieses wunderbar vertraute Geräusch, dass im Gehirn sofort die Windungen anspringt, die für die Intimität zuständig sind. Diese Geräusche schaffen es gar die Musik von Grouper auf die nächste Ebene zu heben, sie zelebrieren die Abstinenz von Sound, das nichtvorhandensein von Musik, wie es ähnlich vielleicht nur Bohren & der Club of Gore in ihren stillsten Zeiten vollbracht haben. Den im Kontext von Harris‘ Schaffen gesehen deutlich greifbareren Stücken des Albums in Kombination mit diesen hochaufgeladenen Leerläufen lassen das Verhältnis zu ‚Ruins‚ von Durchlauf zu Durchlauf intimer werden, und Harris nahbarer wirken denn je.

Kayo Dot - Coffins on Io08. Kayo Dot – Coffins on Io

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Die Bezeichnung als „Avantgarde Metal“, die Kayo Dot immer wieder umgehängt wird, ist natürlich genauso unsinnig wie sie genial ist: mit jedem Album entwindet sich das Ausnahmekollektiv um Mastermind Toby Driver eigentlich jedweder Bezeichnung für ihre Musik und trotzdem kann man ihnen immer diesen bescheuerten Hut aufsetzen, um zumindest zu wissen von wem man spricht, und die Band trotzdem keiner tatsächlich existierenden Schublade zuzuordnen. Nun hat Toby Driver in seiner unvergleichlichen Art vor dem Release von ‚Coffins on Io‚ natürlich wieder ganz und gar unmetalige Töne gespuckt: Sci-Fi Noir der Achtziger sollte da beschwört werden, die Sisters of Mercy, Peter Gabriel und Mr. Mister standen da im Raum. Das klang erstmal nach Pop und somit nach dem genauen Gegenteil des nahezu unverdaulichen Brocken Avantgarde Metal ‚Hubardo‚ von 2013. Und genau das ist es, was ‚Coffins on Io‚ geworden ist: unter der Oberfläche der knackigen Percussion schimmern unheimlich postapokalyptische Synths, düstere Gitarrenklänge schwingen nebst heulenden Elektronikgerüsten, bei den Saxofoneinsätzen kann man ein Kreuzzeichen gen Police Academy im DVD-Regal machen. Jeglicher Metaleinfluss hat sich zu Gunsten dem Blade Runners verabschiedet, was ja auch wieder ziemlich Metal ist. Und nicht zuletzt hat ‚Coffins on Io‚ bereits zu Beginn seiner fünfzig Minuten Weirdo-Pop den Song des Jahres zu bieten: ‚The Morality of Doves‚ überschlägt sich auf halbem Weg pulsierend selbst, die erst griffige ‚Broken Wings‚-Interpretation aus dem 22. Jahrhundert steigert sich immer mehr in einen dahintreibenden Rausch, und zeigt Kayo Dot – und viel mehr noch: Driver – von ihrer wohlwollendsten Seite. Nachdem nach der schweren Geburt von ‚Hubardo‚ eigentlich genauso hätte Schluss sein können, legt Driver nach nur etwas mehr als einem Jahr einen fast befreit wirkenden, von Neonlicht durchfluteten Trip vor, den zu genießen zur Abwechslung mal wieder kein Hochschulabschluss notwendig ist.

Amen Dunes - Love07. Amen Dunes – Love

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Als Damon McMahon die Sacred Bones-übliche limitierte Vinylversion seines bisher komplettesten Albums signiert erzählt er, dass er diese vor lauter Tourstress bisher noch gar nicht gesehen habe; dass das in der Platte abgebildete Elvis-Potrait aber das erste sei, was er in Posterform zu sehen bekäme, wenn er doch einmal in den eigenen vier Wänden aus dem Bett steige. Eine ähnliche, bisweilen widersprüchliche Ambivalenz strahlt auch ‚Love‚ im Gesamten aus, wie die erste richtige Bandveröffentlichung McMahons ebenso ein Gefühl des friedlichen Nachhausekommens und rastlosen Fortgehens einfängt, mit sanfter Psychedelik unwirklich zwischen den Zeiten zu schweben scheint. „‚Love‘ is an homage to the folk of days passed“ heißt es in den Weiten des Internets und das trifft es – gleichzeitig sind die elf Songs die Momentaufnahme des Morgens danach, die dem wunderbaren Artwork folgend melancholisch durch einen schleierhaften Bodennebel hindurch zu glimmern scheinen. Eine gespenstische, vage Schönheit umgibt dieses betörende Kleinod, das im einen Augenblick Neil Young und den Fleet Foxes Tribut zollt, im nächsten Mitglieder von Godspeed You! Black Emporer und Iceage oder Colin Stetson ans Lagerfeuer holt, zu jedem Zeitpunkt aber als schimmerndes Song-Kaleidoskop eine nie vollends fassbar werdende Magie ausstrahlt.

run-the-jewels-run-the-jewels-206. Run the Jewels – Run The Jewels 2

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Oodles and oodles/Bang bullets at suckers‘ noodles/Last album voodoo/ Proved that we was fuckin‘ brutal/ I’m talking crazy/ half past the clock is cuckoo/You rappers doodoo/ Baby shit, just basic boo boo„. El-P und Killer Mike sind seit ‚Run the Jewels‚ von 2013 das Dreamteam im Rap-Game – und das wissen es auch selbst nur zu gut. Da darf man sich selbst schonmal augenzwinkernd den Bauch pinseln. Mehr noch: anhand der zweiten, abermals frei Haus verschenkten Kooperation der beiden zeigt sich nun sogar, dass Teil 1 bloß eine Aufwärmrunde war, indem die neuen elf Songs nicht nur Zack de la Rocha aus der Versenkung geholt haben, sondern sowieso noch einmal alles deutlich besser machen als der Vorgänger. Der Flow von ‚Run The Jewels II‚ ist beispiellos, Mike und El-P spielen sich die Bälle in einem atemlosen Rausch zu, der Energielevel der Platte ist beständig im roten Bereich. Zwei begnadete Koryphäen verschmelzen hier zu einer Einheit, die im richtigen Moment auch ordentlich Gift und Galle speit, sich aggressiv in Rage stachelt, ihren Hochleistungssport aber mit einer meisterlichen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit zelebriert. Auf ‚Run The Jewels 2‚ furwerken Mike und El-P als ginge es um alles – es klingt, als feierten sie die Party ihres Lebens.

Druck05. Wanda – Amore

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Das Album, ohne das im heimischen Musikjahr 2014 schlichtweg nichts ging: das mit all seinen Hits und potentiellen Evergreens für die nächsten Jahre (durchaus denkbar sogar: Jahrzehnte und Generationen) auch über die Landesgrenzen hinweg euphorisch verzückte „Amore!„-Schreie provozierte und Konzerte am weit entfernten Horizont die „Ausverkauft„-Schilde an die Tore der Veranstaltungsorte pappen ließ; das mit ‚Bologna‚, ‚Auseinandergehen ist schwer‚ und wie die 12 zwischen Restalkoholkater und Aufbruchstimmung schunkelnden Ohrwürmer dieses von Null auf Hundert schießenden Debüts auch heißen, für die lässigen und eigentlich auch ziemlich schlauen Hymnen sorgte, die den gegenwärtig allgemeinen Strizzi-Konsens für Indiecharts, ausufernde Hausparties und torkelnde Heimwege in Richtung eines wenig berauschend erscheinenden Morgens ablichten und dem Hype des Jahres die nötige Substanz gaben – vielleicht sogar das Fundament für die Zukunft des Austropop zu legen fähig sind.  Weil man nicht müde wird all diese Zeilen und Songs lauthals mitzugrölen und im stillen Kämmerlein doch auch wehmütig über diesen zu sinnieren ist dies die Platte mit Klassiker-Ambitionen, die ohne Superlative längst nicht mehr auskommt, der aber nicht nur Peter Cornelius zutraut keine genialistische Eintagsfliege zu sein. Aber seien wir uns ehrlich: selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass hiernach nichts mehr käme – ‚Amore‚ wird bleiben.

Swans - To Be Kind04. Swans – To Be Kind

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War man einmal Zeuge eines Swans-Gigs besteht natürlich die Gefahr, die Platten der Band mit anderen Ohren zu hören – ist ein Konzert der Band von Michael Gira doch vielmehr ein ganzkörperdurchdringendes Erlebnis, dessen Urgewalt ein Tonträger kaum einfangen kann. ‚To be Kind‚ ist allerdings knapp dran, was wohl zu einem nicht geringen Grad Produzent John Congleton (nebenbei bemerkt: wann treten The Nighty Nite endlich in die Fußstapfen der unvergessenen Paper Chase?) zu verdanken ist, dessen Sound einen immensen Beitrag dazu leitet, dass die dritte Swans-Platte seit der Wiedervereinigung nicht nur das dritte Meisterstück in Folge darstellt, sondern auch den bisherige Zenit in der vielleicht letzten Lebensphase des legendären Noise-Avantgarde-Flagschiffs aus New York darstellt. Freilich wäre das Klanggewand alleine nichts wert gewesen, hätten Gira, Harris und Co. nicht auch dafür gesorgt, dass ‚To Be Kind‚ als gefühltes ‚The Seer‚-Update seinen Vorgänger auch noch einmal in den feinen Nuancen toppt und vieles um das feine Quäntchen besser macht. Kehrt man zu den über zwei Stunden dieses erschlagenden Monolithen eines Albums zurück, lässt sich dann auch zum wiederholten Male feststellen, dass die Swans auf Platte ihre Wirkung natürlich anders entfalten als auf der Bühne, aber da wie dort aber eine pure, hypnotische Erfahrung darstellen, die mit nichts anderem da draußen auch nur ansatzweise vergleichbar ist.

Thou - Heathen03. Thou – Heathen

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Dass Thou als der konsequent hochklassigst veröffentlichenden Band im Doom-Zirkus erst im vergangenen Jahr die Aufmerksamkeit zukam, die ihr gebührt, ist einerseits eine Schande, andererseits angesichts der Hochkaräter die 2014 im Genre am Stück veröffentlicht wurden (nicht wenige davon eben unter der Beteiligung der Band aus Baton Rouge) auch erst recht adelnd. Als ‚Heathen‚ Mitte des Jahres einen lange überfälligen Veröffentlichungsrausch wie ihn nur Thou hinlegen können lostrat, war man schon etwas auf Entzug: mehr als ein ganzes Jahr ohne jedwedes Lebenszeichen galt es auszuharren, und das vierte Jahr ohne Album nach dem – wie soll es anders sein – grandiosen ‚Summit‚ bahnte sich an. ‚Heathen‚ präsentiert sich in Artwork und Ausmaß pompöser als seine Vorgänger, und setzt die ausverkaufsresistente DIY-Agenda ihres Werkes auf einem heiß umkämpften Punk/Sludge/Doom-Markt gnadenlos fort.
Und obwohl ‚Heathen‚ eine unglaubliche Ansammlung von Songs darstellt, ist es kein einfach verdauliches Album. Es ist laut, lang und die wunderbaren Melodien die sich hinter Brian Funcks hysterischen Gekreische und dickem Feedbackkleister verstecken möchten erst mühsam erarbeitet werden. Trotzdem ist ‚Heathen‚ wahrscheinlich der beste Punkt um sich in die schwer überschaubare Spur aus Veröffentlichungen, die Thou nun seit fast zehn Jahren hinterlassen haben, einzuarbeiten, zeigt das Album doch Thou von ihrer am klarsten artikulierten, strahlendsten Seite – mit ‚Free Will‚, einem 14-minütigen Konglomerat aus allem, was Thou so ausmacht, wird sogar der Einstieg in den vermeintlichen Einstieg leicht gemacht. Die Ströme aus ätzendem Sludge werden durch leichte, kurze Instrumentalstücke aufgelockert, und Emily McWilliams steuert mit ihrem leichtfüßigen Säuseln auf ‚Immorality Dictates‚ cleanen Gesang als hoffnungsvolle Lichtblicke zu Thous Husarenritt durch Dekadenz, Schmerz und Ektase bei – „And you know that I love you„. Schwer vorstellbar, dass es Thou jemals auf das Cover des Rolling Stones oder in die großen Hallen dieser Welt schaffen wird, die Zukunft wird sie jedoch garantiert als eine der wichtigsten Metalbands unserer Zeit bestätigen.

The Antlers - Familiars02. The Antlers – Familiars

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See, you’re already home when you don’t know where to find it“ singt Peter Silberman in einem Meer der homogenen Harmonie, einem ruhigen Wellengang aus sanft wiegenden Bläserarrangements und behutsam geschlagenen Gitarrenmustern, während sich die Drumbesenwattierte Rhythmussektion selbst in den Halbschlaf trägt und in einen schmeichelweichen Kosmos des puren, beinahe kitschigen, Schönklangs eintaucht. Der Kopf der Antlers hat für das fünfte Studioalbum seiner Band das „Tibetan Book of Dead“ gelesen und gelernt, seine androgyn schwebende Stimme zu mögen. Vielleicht ist es gerade diese mediative, buddhistische Herangehensweise, die vielleicht nur eine Band finden kann, die sich bereits durch Alben litt, die sich zum Sterben verurteilte Kinder auf Krebsstationen hinwandte, die nun auch dazu beiträgt, dass jeder Ton von ‚Familiars‚ ein einkehrendes In-sich-gehen artikuliert, eine innere Ruhe ausstrahlt und gefühltermaßen alle Höhen und Tiefen der Vorgängeralben friedfertig auf eine einheitliche Wellenlänge ausbalanciert hat, die man wirklich nur zu einfach als suhlende Langeweile auffassen kann.
Das Zeugnis davon, dass The Antlers Frieden mit sich selbst und vor allem ihren Alpträumen geschlossen haben, es ist sicherlich kein Album für jeden Augenblick – diese entschleunigten 9 Songs und 54 Minuten werden aber für immer da sein, wenn einen einmal niemand sonst ihn die Arme nehmen kann, mit all ihren bedachten, tiefmelancholischen Melodien inmitten übermannender Einsamkeit Hoffnung spenden, die Seele streicheln und alle Last der Welt von den Schulter nehmen; wenn nötig auch lernen loszulassen: „We’ll step inside a world far less demanding when we allow for something less commanding“ nähert sich Silberman ein klein wenig der Erleuchtung an und findet auf einer in seiner majestätischen Größe doch regelrecht spirituellen Platte letztendlich zu einer einfachen Formel: „No guilt, no sorry speeches„.

Pallbearer - Foundations of Burden01. Pallbearer – Foundations of Burden

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Foundations of Burden‘ hatte die undankbare Aufgabe mit ‚Sorrow and Extinction‚ einem der besten Debuts der jüngeren Metal-Geschichte zu folgen. Mit ihrem zweiten Album mussten sich die Genre-Thronfolger aus Little Rock der Tatsache stellen, dass sie auf dem Vorgänger schon viele Nummern untergebracht haben, für die andere eine ganze Karriere brauchen, und so zeichnet Pallbearer eigentlich schon die Herangehensweise, mit der sie diesen Brocken gestemmt haben aus: die Dinge einfach laufen lassen, nur keinen Epos des Epos willen erzwingen. Noch bevor der letzte Ton des Debuts verklungen war, konnte man sich doch eigentlich schon ausmalen, wie in den erhofften Nachfolger wohl hineingestartet werden wird – genauso wie in ‚Foreigner‚ natürlich. Wie sollten solche Classic-Doom-Brecher nach Schema F auch sonst funktionieren? Natürlich konnte man als Pallbearer-Jungfrau da noch nicht verstanden haben, dass die Jungs sich über die Länge ihrer Vorstellungsrunde bereits ihre eigenen Schemen aus der reichhaltigen Geschichte des Dooms zurechtgestückelt haben, und nun voll aus diesem Brainpool schöpfen können – und werden.

Pallbearer propagieren eine feierliche Philosophie des Doom Metals, die sich in großem Maße an die überschwängliche Melodieseligkeit des Heavy Metal anschmiegt, immer sicher auf der Welle der Redundanz surfend, die schon so viele andere Bands verschluckt hat. Mehr noch als ‚Sorrow and Extinction‚ durchzieht das komplette zweite Album eine meisterliche Kunst des Songwritings, die für Jungspunde, die eine Tradition pflegen, die doppelt so alt ist wie sie selbst geradezu erschreckend bedacht und – man muss es sagen wie es ist – den Kollegen um eine Klasse voraus ist. Mit ‚Sorrow and Extinction‚ konnte das ja noch ein Glücksgriff, oder zu plötzlich verschossenes Pulver gewesen sein, diese Magie von der anderorts die Rede war ist jedoch voll ausgeprägt wieder da, von dem Moment an, an dem die Nadel auf ‚Worlds Apart‚ niedergeht. Mehr noch: Billy Anderson – schon bei Klassikern von Sleep oder den Melvins für den Sound verantwortlich, ein Mann also, der sich mit Gitarren auskennt – an den Reglern gibt Pallbearer noch mehr Druck als sie auf dem Debut ohnehin schon gehabt haben, Devin Holts Gitarre noch mehr Raum und siedelt Brett Campbell noch näher an den jungen Ozzy Osbourne an als es jeden Traditionalisten gesund sein könnte.
Wie in Stein gemeißelte Riffs regnen auf den Hörer herab, jeglichen Epos schon lange überflügelnd, in einem nie enden wollenden, orgasmischen Strom; donnerndes Schlagzeug spaltet den Boden unter den Monumenten die Cathedral, Black Sabbath und wie sie alle heißen in der jüngeren Zukunft aufgestellt haben. Vom königlichen ‚Worlds Apart‚ über das geschmeidige Kleinod ‚Ashes‚ bis zu der ihresgleichen suchenden, trauervollen Größe ‚Vanished‚ – Pallbearer haben sechs Songs geschaffen, die mit mehr Dynamik, mehr Subtilitäten, mehr Energie und mehr Musikalität als auf dem Debut geradezu prahlen.

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