Gulch – Impenetrable Cerebral Fortress

von am 8. September 2020 in Album

Gulch – Impenetrable Cerebral Fortress

Gulch aus Santa Cruz haben seit ihrem ersten Auftauchen 2017 einen geradezu kometenhaften Aufstieg in der Hard-, Metal- und Deathcore-Szene hingelegt, der nun im Debütalbum Impenetrable Cerebral Fortress einen ersten Zenit zu finden scheint.

Leichter als die Frage, was der erste offizielle Langspieler der amerikanischen Senkrechtstarter kann, klärt sich aber, was Impenetrable Cerebral Fortress nicht schafft – nämlich sich (zum einen) tatsächlich wie ein vollwertiges Album anzufühlen.
Mit gerade einmal sieben Eigenkompositionen, drei davon bereits vorab bekannt, weil auf Demos der vergangenen Jahre veröffentlicht, sowie einem abschließenden Coversong, ist die Platte mit einer knappen Viertelstunde Spielzeit nur zwei Minuten länger als das (mit sechs „neuen“ Original-Kompositionen aufwartende) 2018er-Werk Burning Desire to Draw Last Breath ausgefallen, das nominell ja als EP formiert. Dieser Ansatz funktioniert zwar an sich stimmig, als Ganzes entwickelt die Platte schließlich einen energischen und zwingenden Fluß mit ordentlich Dynamik. Trotzdem bleibt der Eindruck, es hier doch mit einer recycelten Compilation zu tun zu haben, die auch die starke Produktion von Jack Shirley in die Auslage stellt: Der Sound ist impulsiv und direkt, die Gitarren fetter, die Vocals akzentuierter beißend und klarer, vor allem aber klingen die Drums präziser und pointierter, während der auf unmittelbare Takes setzende Aufnahmeprozess das hungrige Wesen der Band packend konserviert hat.

Zum anderen gelingt es Impenetrable Cerebral Fortress subjektiv dennoch nicht, um mit dem bis über Szenegrenzen hinausgreifenden (absurderweise merchinfizierten) Hype anzustecken, der die ohne lange Vorlaufzeit hinausgeschossene Platte bis in den Feuilleton begleitet – geschweige denn die Begeisterung jener Fans nachzuvollziehen, die sich in einer absurden finanziellen Hingabe widerspiegelt und primär der zeitaktuellen Zurschaustellung limitierter Güter vor der allgemeinen Verfügbarkeit zu dienen scheint): Impenetrable Cerebral Fortress kann nicht dieselbe Euphorie entfachen, die die besten Genrebands, alt oder neu, gepachtet haben. Was an der grundlegenden Qualität der Substanz, der Riff und Hooks liegt, und nicht daran, dass sich Gulch trotz hochgejazzter Konzertberichte in den Staaten in hiesigen Gefilden bisher (und zuletzt natürlich: zwangsläufig) rar gemacht haben. Auch stimmt: Die Band hat einfach schon noch bessere Songs geschrieben, als hier.
Selbst in dieser Ausgangslage und dem womöglich unfairen Trend-Beigeschmack im Hinterkopf, muss allerdings explizit betont werden, dass Gulch primär durchaus eine Band und keines hippes Mode-Merchbrand sind, sondern verdammt kompetent in ihrem Wesen agieren und Impenetrable Cerebral Fortress trotz allem eine mindestens (sehr) gute Platte geworden ist. Ein atemloser Derwisch und Husarenritt, der seinen Spaß in der Kampfzone aus einer distanzlosen Performance von keifender Dringlichkeit hat, und Kompositionen voller wendungsreicher Strukturen ohne jede Gramm Fett, aber zahlreiche die Intensität hochhaltender Impulse bietet.

Impenetrable Cerebral Fortress wirbelt dissonant ordentlich Staub im metallischen Hardcre auf, knüppelt dann straight mit weiter Ebene und wechselndem Tritt aufs Gaspedal nach vorne, brüllt deinen Groove hinaus. Cries of Pleasure, Heavenly Pain eröffnet die Stafette aus neu aufgenommenem Material, rührt dramatisch im Noise an, randaliert dann aber hyperaktive zum D-Beat und knackigen Riffs. Self-Inflicted Mental Terror peitscht die Spannung thrashing immer weiter hoch, setzt dann auf Brakedowns im Pit, poltert heulend düster, auch wenn der Blastbeats hinter jeder Ecke lauern, bevor Lie, Deny, Sanctify das Tempo noch atemloser anzieht, unberechenbar bleibt, Tendenzen aus dem Death und Powerviolence schrammt, aber bemühte Math-Referenzen in etwaigen Besprechungen absurd erscheinen lässt.
Fucking Towards Salvation grummelt und rasiert das Midtempo, die Band wirft sich gegenseitig die Bälle zu, das heftige All Fall Down the Well packt sogar growlend aus, ist am Ansatz sogar Sludge auf Highspeed, der sich auf das atonale Feedback in Shallow Reflective Pools of Guilt freut. Danach nimmt Sin in My Heart den melodischen Twist, den Abgang besorgt ein Cover von Siouxsie and the Banshees, das so unerwartet wie beinahe versöhnlich im Midtempo aus dem Nichts kommt. Das passt auf den ersten Blick mit der konventionelleren, auf Repetition ausgelegten Struktur vielleicht nicht zu den kaum einzubremsend eskalierenden Nackenbrechern der restlichen Platte, ist genau genommen auch eher Dreingabe als essentiell, mit seiner verzweifelten Sehnsucht aber durchaus Teil der subversiv-epischen Ader, die immer wieder durch die kraftstrotzende Pit-Attitüde scheint,  grundlegend nicht zerdacht oder verkompliziert analysiert werden will: Einfach rein in das Getümmel!
Womöglich ist es insofern am vernünftigsten, das unprätentiös Dampf ablassende Impenetrable Cerebral Fortress auf sein Momentum zu reduzieren und entweder weiterhin abzuwarten, was das Bestimmen der Wertigkeit von Gulch im Allgemeinen angeht, oder es gleich ganz sein zu lassen – an eine immerwährende Nachhaltigkeit verschwendet hier schlie´ßlich niemand Gedanken: „Gulch can’t be forever.

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