Iceage – Plowing into the Field of Love

von am 9. Oktober 2014 in Album, Heavy Rotation

Iceage – Plowing into the Field of Love

Knappe 20 Monate nach dem furios Zweitwerk sprengen Iceage ihren giftigen Postpunk mutwillig in alle Einzelteile und kleben die Scherben über dem verbliebenen Grundgerüst aus Nihilismus und Misanthropie wieder zu einem bestechend ausfransenden Sammelsurium an psychotisch streunenden Songs. Darf man die Phrase vom Erwachsenwerden bemühen?

Bereits auf ‚You’re Nothing‚ und der darauffolgenden Single ‚To the Comrades/Jackie‚ haben die polarisierenden Dänen immer wieder aufgezeigt, dass ihnen die zugewiesene Schublade zwischen Postpunk und Hardcore zu klein werden würde. Der Entwicklungsschub, den Iceage auf ‚Plowing into the Field of Love‚ kommt nun also keineswegs aus dem Nichts. Mit welcher Kompromisslosigkeit und Vehemenz das Quartett ihrem scharfkantigen Sound aber nun nach dem Triumpfjahr 2013 quasi ohne Verschnaufpause zu Leibe rücken, das lässt einen dann aber doch erst einmal genüsslich auflaufen und erwischt auf den Erstkontakt vollends auf dem falschen Fuß: gnadenlos und radikal brechen Iceage mit den Erwartungshaltungen, spielen soweit weg vom Punk wie noch nie – und haben gerade deswegen doch das in gewisser Hinsicht punkigste Fuck You!-Album ihrer bisherigen Laufbahn aufgenommen.

On My Fingers‚ eröffnet windschief rumpelnd, ein melodramatisches Piano torkelt inmitten des Geschehens, die Band prostet mit ernster Miene und zusammengebissenen Zähnen einem dramatischen Refrain zu, den nicht einmal die Destruktivisten Iceage gegen die Wand fahren wollen. ‚Plowing into the Field of Love‚ wirkt permanent  derart neben der Spur, als würde das Quartett mutwillig einem energischen (und natürlich so gar nicht vorhandenen) Dilettantismus frönen, der das beachtliche Gespür dieser Band für tollwütige Melodien zusätzlich emporhebt, oder sich selbst unter massiven Substanzzwang stehend in einen manischen Wahn treiben: ob das gesund ist, ist egal, einfach machen und das Momentum nutzen.
Man sieht es also förmlich vor sich, wie sich die Dänen im Studio weit nach Mitternacht ungefragt am Equipment von anderen Bands vergangen haben und sich hemmungslos austoben konnten: neben staubig-verstimmten Tasteninstrumenten kippen immer wieder rostige Bläser in Schräglage in das Geschehen, irgendwo meint man tatsächlich Streicher sterben zu hören und für den Refrain der auslaugenden Psychedelik-Malträtierung ‚Stay‚ lässt man mutmaßlich Mandolinenseiten reißen. Dass Iceage das Instrumentarium nicht restlos regelkonform bedienen können/wollen? Scheiß drauf, sie machen es einfach trotzdem. Virtuosität kann man eben immer noch mit Talent und Leidenschaft ausgleichen. Deswegen singt Elias Bender Rønnenfelt diesmal auch mit großer/nervtötender Geste (auch geradezu rauschhaft an den meisten Tönen vorbei), als gäbe es kein Morgen; ein aggressiver Trunkenbold, dem man nicht einmal im hellsten Sonnenschein begegnen möchte, unangenehm lallend und beängstigend grölend bisweilen, aber dabei eben mit solcher Impulsivität und Schonungslosigkeit, dass die von seiner Band mit Zuckerbrot und interpretierten Songs unter einer angsteinflösenden Intensität vibrieren.

Denn natürlich wissen Iceage ganz genau was sie hier tun. Sie wachsen als Songwriter, indem sie all den Abscheu, die Wut und Aggressivität der ersten beiden Platten nur auf den ersten Blick zügeln, spätestens auf den zweiten jedoch damit beeindrucken, dass sie all ihren ätzenden Nihilismus in neune Bahnen kanalisieren, das Erbe der Birthday Party und Co. in sich aufsaugen und ausspeien.Whatever I Do/ I Don’t Repent/ I keep pissing gaianst The Moon“ schwadroniert Rønnenfelt vor einer kaputten Seemansharmonika unter dem Leitstern von Tom Waits und ja: die Methodik ist nun eine andere, das Spektrum ein größeres – die Attitüde aber die selbe geblieben.
Es ist deswegen kein Widerspruch mit dem immanenten Nihilismus, wenn Iceage im regelrecht gut gelaunten Hit ‚The Lord´s Favourite‚ mit Bluesgrass-Motiven spielen und einen unkompliziert nach vorne gehender Country-Unfall verursachen, der sich tief vor der Abgründigkeit des legendären Gun Club verneigt; ‚Let it Vanish‚ beim Gang durch die The Cure-Discographie mit kakofonischem Neigung auspeitschen; ‚Abundant Living‚ als nervöse Popmusik für Deliriumreisende tanzen lassen; die Gitarren in ‚Cimerian Shade‚ so dissonant wie möglich gegeneinander aufhetzen, weil sie Upper und Downer gleichzeitig geschmissen haben; das brillant in alle Richtungen ächzende ‚How Many‚ für einen wahrhaft epischen Refrain öffnen; versuchen, in ‚Simony‚ erstaunlich erfolgreich über das Ende von Sonic Youth hinwegzutrösten und ‚Forever‚ innerlich zu sehr kocht, um der angestrebte Ruhepol zu werden, während Morrissey wohl neidisch zusieht, wie fiebrige Bläser Rønnenfelt  feiern: „I lose myself forever„.

Der Titelsong kann dann letztendlich nicht einmal mehr der Versuchung widerstehen in Schönheit zu baden und ist trotzdem eine Grenzerfahrung in Sachen Bekömmlichkeit. Aber wo Iceage mit ihrem Drittwerk bereits eine Schwelle überschritten haben, macht sich das Gefühl breit, dass das Quartett erst jetzt tatsächlich das Potential der eigenen Schaffenskraft auszuloten beginnen wird.
Plowing into the Field of Love‚ könnte somit durchaus Menschen ansprechen, die mit den ersten beiden Platten der Band nichts anfangen können – vorausgesetzt man hat ein schmerzresistentes Herz für das Schäbige, Aussätzige und Beißwütige. Gleichzeitig opfern Iceage damit auch bewusst große Teile ihrer Dringlichkeit und Unmittelbarkeit (ergo auch: ihrer alten Fans) zugunsten eines künstlerisch vielleicht noch gar nicht hoch genug einzuschätzenden Evolutionsprozesses: trotz zahlreicher Vorbildern im Rückspiegel haben sich Iceage als weiterhin spannendster, gefährlichster Exportartikel ihres Landes nicht nur ihre aus der Zeit und Gesellschaft gefallene Aura der Andersartigkeit bewahrt: sie haben sich auf ‚Plowing into the Field of Love‚ tatsächlich einen weitestgehend originären Sound geschaffen. So wie diese Band klingt aktuell einfach niemand sonst; will niemand klingen, kann niemand klingen.

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