Kristofer Åström [21.09.2012 Forum Stadtpark , Graz]

von am 23. September 2012 in Featured, Reviews

Kristofer Åström [21.09.2012 Forum Stadtpark , Graz]

Flankiert von grandiosen Supportacts betreibt Fireside-Frontmann Kristofer Åström im Forum Stadtpark schweißtreibende Kosmetik an seinen melancholischen Lagerfeuersongs und dazu gehörige Korrekturen an Erwartungshaltungen.

Eine Annahme, die man zwangsläufig revidieren muß: der bald 39 jährige Schwede, durch sein Solo-Werk als Meister der hoffnungsspendenden Melancholie ausgewiesen, müsste zum Lachen in den Keller gehen, um dort selbst dann nur weiteren Schwermut zu finden. Stimmt nicht, sagen die aufrichtigen Danksagungen zwischen den Songs; stimmt nicht, sagt der Gesichtsausdruck des permanent müde wirkenden Schlacks nach jeder Nummer, in denen man stets den kurzen Anflug eines Lächelns zu erkennen meint; stimmt nicht sagen vor allem aber die – sprachlich unverständlichen – Späße, die er zwischen den Songs mit seiner unheimlich tighten Band treibt. Auch diese Erwartungshaltung wird ad acta gelegt: der gerne einmal alleine mit Akustikgitarre auftauchende Åström hat diesmal seine Band dabei und kitzelt aus Kompositionen, die auf – vor allem seiner aktuellen – Platte gerne einmal mit einer unaufregend unscheinbaren Scönheit einenehmen, das Maximalmaß an Herzblut und Schweiß heraus, schlicht: Åström rockt mit seiner Band das Forum Stadtpark herzerwärmend kompromisslos – so enthusiastisch sogar, dass erst nach ‚Come Out‚ auffällt, dass da immer noch leise Musik über die Anlage läuft und willkommenerweise so kraftvoll, dass selbst jene zuhauf gekommenen Spacken übertönt werden, die Konzerte als nicht weiter störende Hintergrundbeschallung für enervierend laute Gespräche betrachten.

In gewisser Hinsicht liefert so vielleicht Perry O’Parson alias Marcel Gein aus Karlsruhe das Konzert, das man sich aufgrund von Åströms aktueller Platte ‚From Eagle To Sparrow‚ erwarten hätte können: der Singer-Songwriter spielt zwischen County und Folk unaufregend unscheinbar schöne Nummern auf seiner Akustikgitarre, was zwar spätestens als er die Dylan-Mundharmonika auspackt ein bisschen business-as-usual ist, wenn es darum geht, die ganz großen Momente in kleinen Songs zu finden, aber eben auch einen unbezahlbaren Trumpf in der Hinterhand hat: eine Stimme, gleichzeitig so verletzlich und gefühlvoll wie rauh und gegerbt, so einnehmend wie zupackend – der muß noch nicht einmal losschreien, um mit seinem sanft wattierten Reibeisen in seiner leisen Dramatik das kehlige hervorzukitzeln. Mit den stets emotionalen Texten geschulterten klingt das nach unehelichem Sohn von Damien Rice und Brian Fallon wie das sonst nur (ehemalige) Hardcoresänger tun. Das unabdingbare Flanellhemd ist jedenfalls trotzdem dabei, ob unter der Strickweste auch Tattoos sitzen, bleibt eine unbestätigte Annahme. Sicher ist hingegen, dass Perry O’Parson mit seinen rührenden Kleinoden wohl am deutlichsten vom sauber-kraftvollen Klang der Location profitiert.

Wer deswegen das unausgeschriebene Duell der beiden Vorbands für sich entscheidet, bleibt letztendlich offen, weil Likewise die Sache weitaus näher an Åström angehen und den Grad der Spannungsintensivierung mit höherem Lautstärkepegel gekonnt vorantreiben. Man kann den in Wien stationierten Oberösterreichern dabei sicherlich immer noch einiges vorwerfen, etwa, dass sie phasenweise etwas zu verkrampft amerikanisch und gallig klingen wollen. Oder dass den arg nostalgisch verklärten Songs hier und da etwas weniger Dringlichkeit nicht schaden würde, weil man immer nur den nächsten emotionalen Ausbruch vor Augen hat. Dass der humorlose Ernst der Nummern die Band in ihrer Eindringlichkeit samt behutsamer Überladung im Sound phasenweise theatralischer (Stichwort ‚Heimatlied‚) erscheinen lässt, als es der Indie-Folkrock der Band live tatsächlich ist.
Tut man all dies, kommt man aber freilich auch nicht umher zu erwähnen, dass Likewise mehr als diese Summe der Kritikpunkte aber vor allem aber ein Paradebeispiel dafür sind, dass österreichische Musik absolut potent sein kann. So biegen die Fünf auf der Bühne auch diesmal ihre folkigen Songs fein arrangiert und nie um Umwege verlegen um rockige Grundfeste, liefern eine leidenschaftliche und vor allem druckvolle Performance, bei der nur die Melodica gelegentlich im Mix untergeht und spätestens ab dem zweiten Song alles nach Cinemascope, offenen Landschaften und epischen Szenen schreit, neuere Songs (‚The Horror, The Horror‚) in ihrer Eingängigkeit zudem andeuten, dass die Band ihren Zenit noch nicht erreicht hat. Was den Bogen zu Åström aber am besten spannt: live wirkt das deutlich spannender, enregiegeladener, einfach weniger brav und nett als auf Platte.

Åström und seine nahtlos eingespielte Band legen in Sachen Intensität und Druck trotz der formidablen Aufwärmarbeiten noch eine Schippe nach, vor allem aber kitzeln ausgerechnet die durch das rockige Kollektiv hinzugefügten Ecken und Kanten einen ungehörten Biss aus den Kompositionen, die allesamt wirken, als wären sie für das ungekämmt widerborstige ‚Sikadus‚ neu von Bord gesprungen und hätten sich im Dreck gewälzt: ‚Strong & Tall‚ ist mit schabend-attackierendem Bassgroove noch mehr Hit als ohnedies schon, ‚How Can You Live With Yourself?‚ als eröffnendes Highlight gleich zu Beginn jeder sarkastischen Kitschigkeit beraubt und auf niederschlagende Weise böser denn je. ‚When Her Eyes Turn Blue‚ ist dann gleich auf dem Weg zum ekstatischen Rockjamgelage mit offenem Ende, die Spielfreude schwappt förmlich über.
Selbst wenn Åström die zweite E-Gitarre gegen eine Akustische tauscht und damit den bluesigen Pianoarbeiten mehr Platz schafft, verliert das nichts von seinem bedingungslosen Biss mit ordentlich Wehmut unter der Kühlerhaube: tieftraurige, reduzierte aktuelle Kompositionen wie ‚Queen of Sorrow‚ erhöhen im kraftvoll-beschleunigten Ambiente sogar ihre Strahlekraft, beleuchten die berührenden Intimität von Åströms neueren Stücken eben anders, mehr noch, akzentuieren elegant ruppig deren unheimliche Eingängigkeit. Dass Åström eventuell immer schon die Songs geschrieben hat, die Pete Yorn noch nicht einmal auf ‚Musicforthemorningafter‚ so fantastisch hinbekommen hat, war jedenfalls nie klarer. Den Ritterschlag besorgt sich das wunderbar harmonierende Gefüge dann anderswo gleich selbst, indem man The Cure covert (‚Lovesong‚) und keinerlei Bruch zum restlichen mehr-oder-minder hitgedrängten Œuvre des Abends zu bemerken ist. Und Erwartungshaltungen reihum spielend übertroffen werden.

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