Liturgy – God of Love

von am 4. Oktober 2019 in Single

Liturgy – God of Love

Hunter Hunt-Hendrix drangsaliert seine aktuellen Erfüllungsgehilfen einen Schritt zurück und erzwing zwei zur Seite. Liturgy bleiben auch mit der aus dem Nichts kommenden (Standalone?)Single God Of Love polarisierende Nonkonformisten des experimentellen Black Metal.

Die personell ja eher als lose ganz nach Bedarfsfall und emotionalen Unberechenbarkeiten angeheuertes Kollektiv zu verstehende Avantgarde-Black Metal-Band aus Brooklyn gelingt mit God of Love allerdings etwas, was nach dem (beinahe) allerorts verhassten 2015er-Stunt The Ark Work nahezu unmöglich schien: Hunter Hunt-Hendrix fährt in der Szene doch noch eine etwas breitere Form der allgemeinen Anerkennung ein.
Woran dies liegt ist allerdings schwer auszumachen, denn auch die nach langer Funkstille unerwartet auftauchenden acht neuen Minuten Liturgy gehen progressive dennoch dort hin, wo Puristen Bauchschmerzen bekommen. Dennoch ist God of Love vor allem eine rückwärtsorientierte Nachjustierung für die New Yorker, indem der stilistische Wahnsinn von The Ark Work genreverdaulicher selektiert zurück zur Gangart von Aesthethica (2011) geführt wird. Die noch bis in den glitchenden Rap reichenden Experimente werden dort zurückgefahren, behalten sich die Unkonventionalität eher in den Arrangements und Time Signatures vor, bringen den charakteristischen Rausch in eine etwas weniger penetrante, aber immer noch konfrontal herausfordernde Linie, die kompositionell trotz einer betont arty arbeitenden Gangart natürlicher gewachsen wirkt.

God of Love beginnt dafür mit Schuld-und Sühne-Streichern im Score-Orchestergraben, die jedoch alsbald von bolzenden Blastbeats (offenbar nicht mehr von Greg Fox), infernalem Gekeife und einer psychotisch-hysterischen Gitarrenlinie hinweggefegt werden. Im Hintergrund kann man Harfen und besoffen-schiefe Harmoniegesänge ausmachen. Kurz wird die hirnwütig nach oben geschraubte Intensitätssucht durch den verspult gemixten Studiowolf gespult, fährt aber ihr Programm bis zu einer mathlastig-repetitiven Phase weiter, in der die verträumt wogenden, sehnsüchtig im „Uhuuuuhu“ schwelgenden Chöre immer wieder das Zepter von der schizoiden Hatz übernehmen, eine verträumt bimmelnden Vibraphone-Lounge mit der Achterbahn um die Vorherrschaft kuschelt.
Das steigert sich bis zu einem dualistischen Wechselspiel immer weiter, bis man sich auf eine Melange aus kammermusikalischem Black Metal einigen kann. Oder so.
God of Love verfolgt in diesem Wahn jedenfalls durchaus stringente Ziele, ist roh und dringlich, prätentiös und hypnotisch, bemüht und bizarr. Rückschlüsse auf ein etwaiges viertes Studioalbum lässt die Nummer aber wohl dennoch nur bedingt zu, während Hunt-Hendrix sich aktuell auf seine „Video Oper“ Origin of the Alimonies sowie sein „Trap-Djent“-Projekt Ideal konzentriert, die  der selbstverschriebenen stilistischen Verortung nach ja womöglich die gravierendsten Spaltungselemente aus dem Wesen von Liturgy extrahiert haben könnten.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen