Majical Cloudz – Are You Alone?

von am 25. Oktober 2015 in Album

Majical Cloudz – Are You Alone?

I’m a liar, I sing, I make music/…/This song is proof that I’m trying“ gestand Majical Cloudz-Kopf Devon Welsh auf der brillanten – hier klar unter Wert verkauften – 2013er-Selbstfindung ‚Impersonator‚. Zwei Jahre später ist der Versuch längst zur Formvollendung geworden und die Makellosigkeit in das Songwriting des Duos aus Montreal geschlichen.

Die seit dem Debütalbum ‚II‚ konstant vorangetrieben Entwicklung hin zu professionelleren Konturen setzt sich also nahtlos fort. Worüber man sich erst einmal nicht bedingungslos freuen muss: Das skizzenhafte, unfertige, rohe und abgründige, das einen Gutteil der Faszination von ‚Impersonator‚ ausmachte, es fehlt ‚Are You Alone?‚ nun über weite Strecken; mit jedem Durchgang vermisst man es jedoch ein bisschen weniger. Dass die Dunkelheit der Vorgängerplatte stärker ausgeleuchtet wurde, macht dabei nämlich durchaus Sinn, präsentiert sich doch nicht nur das Songwriting von Welsh runder, versöhnlicher, entgegenkommender und vielleicht sogar eine Spur glatter; auch seine Stimme gleitet nun flüssiger, heller, gefestigter und traut sich geschwungenere Ausflüge in Regionen jenseits der bereits erschlossenen Komfortzone zu. Im souligen ‚So Blue‚ muss man deswegen schon zweimal hinhören, um Welsh zweifelsfrei zu identifizieren. Das mutmaßlich auf dem Silbertablett chauffierte ‚Are You Alone?‚ hofiert seine Trademarks also weniger kauzig und verschroben, entwickelt seine Tiefe aber wieder hintergründiger, als es auf den ersten Blick scheint.

Wo Welsh und sein kongenialer Soundtüftler Matthew Otto zielsicherer denn je arbeiten, die Konturen geschärft und die zutiefst melancholischen Herzenbrüche punktgenauer und effizienter denn je artikulieren, entwickeln sie ihre Songs im Grunde immer noch absolut spartanisch, minimalistisch inszeniert, geschlossen um sich selbst kreisend. Die nach Innen gerichtete Gangart reicht deutlicher denn je die Hand, man erwartet angesichts der Atmosphäre allerdings nun wohl deswegen auch Entwicklungsschritte innerhalb der Kompositionen, hin zu mehr Konsens – diese bleiben aber aus.
Am deutlichsten wird diese gefühlte Diskrepanz in ‚Control‚, einer dezenten, zurückgenommenen Postpunk-Annäherung, die in den Händen von Kollegen wie etwa Merchandise wohl nachdrücklich auf die Tanzfläche gezerrt worden wäre. Majical Cloudz hingegen lassen die Nummer bekümmert unter die Decke schlüpfen, kontrastieren die Depression mit einem leisen, aber klar erkennbaren Hoffnungsschimmer: „Is this going to slow/ You think so but we won’t speed it up, no no/ Cause I like it when the song goes slow„. Praktisch der Leitsatz der Platte.
Was ‚Are You Alone?‚ lange Zeit allerdings eben auch einen verwirrend paradoxen, unbefriedigenden Charakter zu verleihen scheint, indem es eine offensichtliche, kantenfreie Aura an eine verschlossene, zurückgenommene Verweigerungshaltung koppelt und Songs wie das elegante ‚If You’re Lonely‚ zwar vor immanenter Schönheit strahlen lässt, aber eben nicht nicht über das zugrunde liegende Kompositionsmotiv hinaus in jene Genialität schickt, die ‚Impersonator‚ eben immer wieder provozierte.

Was nach und nach bleibt, ist eine reibungslose, geradezu andächtige Sammlung wundervoll tröstender, ätherischer Popsongs im elektronischen Indie-Gewand: ‚Disappeared‚ wärmt sich mit gelooptem Piano an einer behutsamen Zärtlichkeit, wie vollends entschleunigte The National sie anschmiegen würden, die von Arcade FireSpezi Owen Pallett arrangierten Minimal-Bläser passen nur zu perfekt als Grundierung. Der Titelsong pulsiert andächtig über seine Orgelklänge, irgendwann schleichen sich Handclaps in den Song, Welsh klingt, als würde er dem kanadischen Pendant von Kashmir vorstehen, das sich gerade durch den ‚Motion Picture Soundtrack‚ von Radiohead covert: „Red wine and sleeping pills/ You’re gonna die so you say, but you’re here still„. Das mit entrückter Melodie schwelgende ‚Heavy‚ holt aus wie eine Sigur Ròs Nummer von ‚()‚, wird dann aber von Welsh kompakt nach Hause geholt, während ‚Easier Said Than Done‘ in seiner mutmaßlichen Lieblichkeit („When you’re in love it doesn’t hurt/ When you’re alone it gets much worse„) schon einem schunkelnden Singalong gleich kommt. Man hört: Majical Cloudz haben sich mit all der intimen Verletzlichkeit, die Welsh seit jeher so unheilbar auf der Seele brennt, besser abgefunden und sogar weitestgehend arrangiert, sie wissen besser, wie sie ihre Wunden verarzten können, wie sie mit ihrer ungefilterten Emotionalität routinierter und souveräner umzugehen haben.
Man kann es insofern als symptomatisch für die stringente Entwicklung der Band sehen, dass sich das vor devoter Liebe verzehrende ‚Downtown‚ so ähnlich auch durchwegs auf ‚Impersonator‚ (oder den grandiosen Interims-Singles) stattfinden hätte können – mit viel Hall, still verschwurbelten Sounds und INXS in den schweren Gedanken – und Textzeilen wie „And if suddenly I die/ I hope they will say/ That he was obsessed and it was okay“ die zurückgreifende Single zum klaren Albumhighlight hieven. Spätestens aber, wenn die ätherische Todesfantasie ‚Silver Car Crash‚ mit bedrohlichen Chören aus dem Stromnetz nun im allgemeinen Kontext noch besser funktioniert, als als Vorabbote auf sich alleine gestellt, zeigt sich jedoch auch, dass Majical Cloudz nicht nur eine ausfallfreie, sondern vielleicht sogar ihre qualitativ stringenteste Platte gelungen ist.
Mag die bis heute nicht restlos zu ergründende Magie von ‚Impersonator‚ so auch in den stärkeren Momentaufnahmen und einer schwindelerregenden Reihe an unsterblicheren Einzelsongs münden, ist das abermals ähnlich zu Tränen und Gänsehaut führende ‚Are You Alone?‚ in Summe das homogenere, weichere Gesamtgefüge geworden. Die über diese Einheit hinausgehende Quintessenz, die das dritte Album der  Kanadier zementiert, ist allerdings sogar noch gravierender: „I am your friend till I lie in the ground“ singt Welsh im abschließenden ‚Call On Me‚ – und genau so fühlt es sich mittlerweile längst an Majical Cloudz zu hören.
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