Wolves In The Throne Room – Estuary
Wolves in the Throne Room beenden die (ohnedies von der sehr okayen Crypt of Ancestral Knowledge-EP verkürzte) längste Album-Pause ihrer bisherigen Karriere und finden sich mit Estuary auf halben Weg zu ihren Wurzeln inmitten der neuen Perspektiven einer postapokalyptischen Zukunftswelt wieder.
Nathan Weaver (lead vocals, guitar), Aaron Weaver (drums, synths, voice), Kody Keyworth (vocals, guitar) und Galen Baudhuin (bass guitar, vocals) reflektieren auf dem achten Studioalbum ihrer Band das konzeptionelle Szenario einer vom Menschen entvölkerten Welt, in der sich die Natur die Städte zurückerobert hat – und erforschen dabei eine Umgebung, die Wolves in the Throne Room gefühlt an einem Scheideweg zeigt, wo Erinnerungen an früher eine Symbiose mit nach vorne blickenden Evolutions-Optionen eingehen.
Was das bedeuten soll, lässt sich schon anhand des Openers vorführen: Das Riff des Titelstücks ist malerisch und episch, die Stimmung fesselnd und auf eine anmutige Weise aggressiv, majestätisch und dynamisch – quasi exakt entlang der Erwartungshaltung des patentierten Signature Sounds im Atmospheric und Cascadian Black Metal hochgezogen.
Doch artikuliert das Quartett diese Trademarks willkommenerweise wieder etwas harscher, finsterer und roher als auf Thrice Woven und Primordial Arcana, die in Eigenregie übernommene Produktion legt beinahe einen garstigen LoFi-Fuzz an den Tag die Nacht. Ungeschliffener und latent primitiver ausgerichtet, scheint man sich so sogar ein Stück weit an den Tugenden der frühen Southern Lord-Meisterwerke in der eigenen Diskografie zu orientieren.
Bezeichnend ist allerdings dennoch, dass Estuary, der Song, ausgerechnet dann am stärksten ist, wenn Wolves in the Throne Room im Finale der Nummer plötzlich hinab zu modrigen Funeral Doom-Katakomben steigen und dort, abseits der angestammten Komfortzone, zur unerwarteten Hochform auflaufen.
Dieser MO in der Spannweite aus alten Stärken und neuen Ansätzen (wo nicht nur die Vocals eine Variabilität zeigen, sondern die Bandbreite allgemein ausgebaut wurde) – zieht sich mehr oder minder über den gesamten Verlauf. Durchaus mit einer gewissen Ambivalenz, meist aber wie eine Frischzellenkur für die bewährte Vertrautheit als Basis.
Das superbe Knights of Tiamat gönnt sich eine schöne, sakrale Goth-Stimmung als Patina, während das Greinen und die Blastbeats zu gewohnten Melodiebögen rasen. Ein ruhiger, nnachdenkliche Part liebäugelt wieder (viel zu kurz) mit dem Doom und einer ganz eigenen, triumphalen Grandezza, bevor die Band einen thrashigen Husarenritt gniedeln lässt.
Wolves in the Throne Room wirken dabei spätestens dann auf eine unausgegorene Weise proggig, wenn chorale Chants auftauchen und sofort wieder verschwinden, und die wogende Anmut des Black Metal Keyboarde die Streicher ersetzen lässt.
Dass kein Song der Platte über die 10-Minuten-Grenze wandert, ist eines der kleinen Mankos: Praktisch jedes Stück hätte seine erfrischenden Schattierungen gerne ausführlicher erkunden dürfen.
Gerade die Machtdemonstration The Orca Cliffs wirkt insofern unausgegoren, hat reißerische Gesten, die zu den beißenden Elementen des Blackgaze von Deafheaven passen würden, derweil der Dungeon Synth eine episches Panorama heroisch malt. Doch das Ende der Nummer irritiert einfach: Obwohl sich der Song schon für einen ambienten Astral-Ausklang entschieden hat, pappt die Band dahinter plötzlich doch einen Neustart als Appendix, der allerdings ohne Konsequenzen verpufft, und zur maschinellen Klanginstallation mutiert.
Das Hand in Hand gehende Paradoxon aus Entwicklung und Limitierung, aus aufregenden Schritten nach vorne und radikale Risiken vermeidenden Rückschritten sorgt dennoch für die beste Form der Eskapisten seit langer Zeit.
Foretold in Reflections mahlt zäh und gedrosselt in einer doomigen Thrash-Kerbe der späten 80er oder frühen 90er, zelebriert eine psychedelische Trance unter dem Banner des Genre und würzt sein Herzstück mit dem Andeuten eines perkussiven Bannerrufs samt industrieller Prise, entscheidet sich dann aber für eine Symbiose aus Post-Metal und Rock, martialisch vom Goth träumend. Ghosts Among the Obelisks streut einerseits besonders brutale gutturale Growls, und flicht andererseits pathetischen Klargesang ein, der fabelhafte Type 0 Negative-Vibes hat, ohne die Formel zu revolutionieren, bevor Wretched Spirits, Land of the Light ein geradezu konventionelles Schaulaufen darstellt – für Puristen eine versöhnliche Geste zum Abschied.
Selbst die könnten das Album allerdings mit einem unerwarteten Wunsch verlassen: Dass die hier wieder mehr Biss als zuletzt zeigenden Wolves in the Throne Room auf künftigen Platten bei all jenen Genres, die sie auf Estuary (als Übergangsalbum gar?) so extrem vielversprechend streifen, wirklich kompromisslos all in gehen.


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