Manchester Orchestra – A Black Mile to the Surface

von am 11. August 2017 in Album

Manchester Orchestra – A Black Mile to the Surface

Nach dem 2014er-Spagat zwischen dem rockigen Cope und dem soften Hope bevorzugen Manchester Orchestra auf A Black Mile to the Surface mit einer inneren Ruhe ausgestattet den betörenden Mittelweg und vermessen die emotionale Spannweite ihres Indierocks vielleicht schöner denn je.

Entgehen seines infektiösen Hit-Potentials hat die Ohrwurmmaschine Cope die Band aus Atlanta also doch nicht zu globalen Superstars gemacht. Stattdessen haben Andy Hull  und Ko-Bandkopf Robert McDowell Auftragsarbeiten für Hornbach übernommen oder den herrlich eigenwilligen Soundtrack zum noch eigenwilligeren Swiss Army Man entworfen. Man muss ja auch von irgendetwas leben.
Eindrücke, die sicherlich auch Spuren auf A Black Mile to the Surface hinterließen. Doch hat vor allem die erste Vaterschaft von Andy Hulls und das Gefühl eine eigene Familie gegründet zu haben Manchester Orchestra im dreizehnten Jahr ihres Bestehens geprägt. Alleine die durch eine an sich unkonkret bleibende, aber starke Bilder zeichnende Nostalgie seiner Lyrics oder die Unaufgeregtheit der zumeist wenig aufbrausend und zurückhaltend perlenden Kompositionen – Andy Hull ist offenbar endgültig im Leben angekommen. Und seine Band bei sich selbst.

Soll heißen beim bisher wohl reifsten Album ihrer Karriere, das in seinem zutiefst homogenen, großartig ineinander überhängenden Gesamtfluss mehr ist, als die Summe seiner Teile, im Detail dann aber eben auch elf der mitunter schönsten Songs im Repertoire von Manchester Orchestra in den Mittelpunkt rückt.
Das wärmende The Maze stampft bedächtig und pastoral einem Licht am Horizont entgegen, ist eine subtile Hymne, eine den Kurs vorgebende Ouvertüre, bevor The Gold uneiliges Tempo aufnimmt, als ein bedächtiger Midtempo-Schwelger die die Arme ausbreitet. Manchester Orchestra empfangen in dieser Ausgangslage ätherisch perlende Grazien wie das mit leichtem Anschlag gezupfte The Alien, das verwaschen und fürsorglich direkt zum nonchalant aus der Hüfte geschüttelter Shuffle-Rhythmus von The Sunshine findet und eine Leichtigkeit von einem entspannten Song.
Das düster schiebende The Wolf wirft sich in einen Blade Runner-Mantel, dystopisch strahlend Neon-Synthies  zu einem verhalten dramatischen Finale, dass unter aller bedeckter Düsternis doch den Funken Optimismus und Hoffnung durchscheinen lässt. Der sparsame Lagerfeuerfolk von The Parts leitet wiederum ohne Reibungspunkte in den immer epischer werdenden Schlusspunkt The Silence – ein in die Breite gehender Opus purer Eleganz.

Dass es sich die Band dabei mit reduziert angeschlagenen Akustik-Saiten, schlurfendem Piano und mehrstimmigen Fleet Foxes-Harmonien phasenweise etwas zu gemütlich in einer unmittelbar in ihren Bann ziehenden Wohlfühlzone gemacht hat: geschenkt. Immerhin ist die Tiefenwirkung gerade durch diese Nahbarkeit, den so immens friedlichen Sog in eine zumeist regelrecht ruhig treibende, akustisch zurückgenommene und gar intim wirkende Platte nur umso eindringlicher. Gerade auch die Produktion von Catherine Marks unterstützt diesen Aspekt der Platte mit schmeichelnder Anmut.
Doch so exzellent all die überwiegenden versöhnlichen Passagen, die tröstenden und erhebenden Szenen der Elegie das einnehmende Flair im atmosphärisch so dichten A Black Mile to the Surface intensivieren, so sehr zeigen sich in den anvisierten intuitiven Ausbrüchen in den roten Bereich der Amplitude inszenatorische Schwächen.

The Moth erklimmt als dramatisch ausgebreitete Beschwörung ein funkelndes Refrain-Plateau, doch wenn die Gitarren hinten raus braten, hat das kaum Druck, keinen Biss. Oder das an sich atemberaubende Lead, SD: Hier schielen Manchester Orchestra dezent in die 80er und pulsieren sogar mit transparenter Industrial-Kante, nur um danach in einen straighten Rocksong zu führen, der jedoch nie so zwingend in die Mangel nimmt, wie er sollte und deswegen doch in sich gekehrt zur Nachdenklichkeit neigt. Der verhaltene Schub, der dem gefühlvoll dahintreibenden The Grocery Rückenwind geben sollte erweist sich als laues Lüftchen – die in die Auslage gestellte Härte oder zumindest forciertere Knackigkeit bleibt hier wie überall auf der Platte ein Lippenbekenntnis, Manchester Orchestra spannen ihre Muskel nur bewusst weichgespült an.
Theoretisch entladender Druck lässt so den explosive Exzess vermissen. Wo die zurückhaltende Inszenierung zu versöhnlich ist, weil die zupacken sollenden Szenen zartschmelzend in den Arm nehmen, ist A Black Mile to the Suface deswegen auch um das Quäntchen sanftmütiger, als es der Platte letztendlich gut tut, umarmt dafür jedoch nur so viel zärtlicher.
Ein Faktor, den man im falschen Moment schon mal mit plätschernder Langeweile verwechseln könnte. Doch schälen sich aus der vermeintlichen Gleichförmigkeit eben so markant all diese unersetzlichen Herzensmomente, eine vielschichtig texturiertes Meer der Emotionen. Das wird Manchester Orchestra zwar wohl weiterhin nicht den immer wieder prolongierten Durchbruch auf breiter Ebene bescheren – allerdings hat das Quartett damit wahlweise nichtsdestotrotz  (oder gerade deswegen) schon wieder sein bestes Album aufgenommen.

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