Melvins – Pinkus Abortion Technician

von am 26. April 2018 in Album

Melvins – Pinkus Abortion Technician

Zwei Gitarristen und zwei Drummer hatten sie ja bereits, nun machen es Buzz Osborne und Dale Crover auf Pinkus Abortion Technician also mit zwei Bassisten weiter. Derart massiv bereichernd wie die Big Business-Phase ist dieser personelle Kniff allerdings nicht für den Melvins-Kosmos.

Nichtsdestotrotz prägt die aktuelle Konstellation den Sound der Band knappe zwei Jahre nach Basses Loaded und immerhin vier nach der Butthole Surfers-fixierten Initialzündung Hold it In merklich – wenn auch ganz anders, als man dies erwartet hätte.
Mit ihrem „ongoing“ Bassisten Steven McDonald sowie „occasional bottom ender“ Jeff Pinkus klingen die Melvins auf einem gefühlten referenzwütigen Beinahe-Coveralbum nämlich keineswegs so experimentell, heavy oder wuchtig, wie das auf der nach oben offenen Weirdo-Skala mit derart viel Tieftöner-Power möglich gewesen wäre. Stattdessen wirkt Pinkus Abortion Technician über weite Strecken sogar eher wie ein leichtgängiger Jam, ungezwungen und nonchalant, ausgelassen und beschwingt, gerade auch aufgrund der vier vertretenen Gesangsstimmen sogar beinahe regelrecht zugänglich und bekömmlich.
Butthole Surfers-Mann Pinkus, der für vier der fünf ausgefahrenen Original-Songs Songwriting Credits eingefahren hat (und zudem noch solche mit zwei Nummern seiner Stammband einheimst) hat den Sludge-Morast der Institution aus Montesano also merklich durchgelüftet. Auf wirklich griffige Ohrwürmer in letzter Konsequenz hat man dann aber doch keinen Bock und biegt kurz vor der Schmissigkeit stets um die Ecke zur kauzigen Schrulligkeit.

Stop Moving to Florida schraubt deswegen Stop von der James Gang mit Moving to Florida von den Butthole Surfers aneinander, lässt erst einen knackigem L.A.-Stadionrock mit gniedelnden Gitarren über den Sunset Strip wandern und die Bässe Richtung Allman Brothers glotzen, während der Gesang herrlich gepresst einen auf Statussymbol macht, bevor sich das Medley komplett ausbremst. Über die Bruchstelle der Tracks kommt das Gefüge an einen fiebrig-gepredigten Elvis-Part martialisch-behäbig polternd in Gang, am Ende kurbelt es auf die letzten Meter noch einmal mit Schmackes.
Embrace the Rub übt dagegen den flotten Punkrocker mit staunendem Backgroundchor und Input von McDonalds Gattin und Waronker-Familienmitglied Anna sowie Red Hot Chili Peppers Gitarrist Josh Klinghoffer. Das famose Don’t Forget To Breathe gibt schillernd stacksend den repetitiv-groovenden Hypno-Blues: Zwielichtig und abgründig und dennoch luftig. Noch reduzierter dann Flamboyant Duck, das einen auf fürsorglich und zärtlich macht, letztendlich aber mit geduldigem Banjo die Country-Veranda in ein gemein grinsendes Metal-Licht führt.

Der kompakte Wirbelwind Break Bread zwirbelt als lässiger Riffrocker mit harmonischem Slogan Refrain und Effekt Bassgewitter, Gitarrenwirrwarr und Percussion; die grandiose Beatles-Neuverortung I Want to Hold Your Hand verwandelt den Pop des Originals sogar in ein motiviertes Amalgam aus überbordendem Gesang und einem immer wieder verschleppten Rhythmus, der ein zum Exzess surfendes Finale findet.
Prenup Butter spaltet sich zwischen fluffiger Akustiknummer und schwerfälligen Sludge mit latenter Fuzz-Coolness, schreitet so streng wie entspannt in die heulende Wüste, hat aber keinen relevanten Climax. Und das abschließende Butthole Surfers-Konglomerat Graveyard zelebriert mit seiner gegen den Strich gebürsteten Leadgitarre ein Melodieverständnis mit dissonanter Verspieltheit. Schade nur, dass die restliche Band diesen Wiederhaken eher folgsam begleitet, anstatt zusätzliche Akzente zu setzen. Wie auch andere Songs auf Pinkus Abortion Technician wirkt der sich zu Eigen gemachte Closer deswegen zwar als toller Trip, aber kompositionell nicht restlos zu Ende gedacht – das Ausfransen der Fäden und lose Malträtieren bleibt der Weisheit letzter Schluß. Was natürlich trotzdem ordentlich Laune macht.

Tatsächlich konnte man wohl sogar schon lange keinen derart unmittelbaren Spaß an einer Melvins-Platte wie an Pinkus Abortion Technician haben, während die Kurzweiligkeit von 37 Minuten Spieldauer den Unterhaltungswert (gerade nach der Ausführlichkeit von A Walk with Love & Death) zusätzlich nach oben schraubt. Justament durch die zelebrierte Lockerheit bleibt Pinkus Abortion Technician jedoch auch ein wenig zu unverbindlich, zu blass, zu wenig zwingend. Mit der Präsenz einer zwar stilistisch assimilierten, aber nichtsdestoweniger nicht vollends erfüllenden Gravitation einer Cover-Platte entsteht nie der restlose Eindruck, es mit einem unbedingt essentiellen Werk der Melvins-Discografie zu tun zu haben.
Weswegen das drölfzigste Studioalbum von King Buzzo und Crover eher hin zur soliden Facettenerweiterung tendiert, aber auch weiterhin keine standadisierte Routine-Langeweile aufkommen lässt. Mag der in den letzten Jahren erfreulich konstante Veröffentlichungsrausch der Melvins insofern noch lange anhalten.

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