Menomena – Moms

von am 23. Oktober 2012 in Album

Menomena – Moms

Menomena können den Ausstieg von Brent Knopf nicht kompensieren – müssen dies aber auch gar nicht: Die verlassenen Sam Heim und Justin Harris machen einfach das bestmögliche Album unter den neuen Gegebenheiten.

Wem die markante Stimme des nun vollzeitig auf sein Soloprojekt Ramona Falls konzentrierten Brent Knopf im Individualistengebräu Menomena bisher am besten geschmeckt hat, wird also ohnedies ein feines Härchen in der Suppe von ‚Moms‚ finden. Allen anderen liefern die verbliebenen Justin Harris und Danny Seim die Bestätigung, dass Menomena sich den Weggang des Gitarristen und Keyboardspielers in ihrem Multiinstrumentalisten-Dasein durchaus leiten können, zumal  auf dem fünften Album der geschrumpften Band mit zwei markanten Sängern immer noch doppelt so viele anwesend sind, wie bei herkömmlichen Kombos – was bisher ein Drahtseilakt zu dritt war, da vollführt eben nun nur noch ein Duo die Salti, welche bisher immer schon sauber voneinander getrennt ausgedacht als gemeinhin angenommen, wachsen nun irgendwo eben doch in gemeinschaftlicherer Basis.

Dass bei Menomena seit jeher so einiges anders lief – und das auch weiterhin tut – als bei den meisten Kollegen, führt wohl am deutlichsten vor Augen, dass sich mit dem Ausscheiden von Knopf in erster Linie der produktionstechnische Sound der Band verändert hat, weniger die Grundausrichtung. Das eigens für die Band kreierte und den spektakulär anders klingenden Klang parat stellende Produktionsprogramm Deeler hat Knopf zu Ramona Falls mitgenommen – der unheimlich dichte, zuletzt auf dem melancholischen ‚Mines‚ zur Perfektion gestaffelte Sound ist deswegen zwangsläufig einer neuen Luftigkeit gewichen. Überhaupt klingen Menomena paradoxerweise so unbeschwert, wie seit dem heimlichen Schaffenshöhepukt ‚Friend & Foe‚ nicht mehr und eigentlich nirgends sonst.

Moms‚ ist nämlich Frischzellenkur und Standardprogrammkür in Einem geworden. Harris und Seim lassen ab der ersten Sekunde gar keinen Zweifel daran aufkommen, dass Menomena auch als Duo die Sache mit den waghalsigen Melodiereigen noch optimal drauf haben: ‚Plumage‘ als betont gutgelaunter, immer schneller klatschender Rocker, ‚Capsule‘ als schwadronierender Strandpatron mit säuselnden Flöten inklusive komplizierte Leichtigkeit sowie die drückende, Gitarrensoli wie Trompetenparts abdeckende Hooklineachterbahnfahrt ‚Pique‘ schreien förmlich danach, als Singles ihr Unwesen treiben zu dürfen, schlagen dabei freilich so viele Haken wie möglich, sind aber auf ihre Art zugängliche Wonneproppen. Bis zum ersten sperrigeren Moment muss man deswegen auch vierzehn Minuten oder bis zur Mehr-oder-Minder-Bridge von ‚Baton‚ warten – es wird auch der einzig dezent schwächelnden Moment auf ‚Moms‚ bleiben. Danach bringen Seim und der hier in Hochform agierende Harris im Wechselschlag souverän-klassische Glanztaten auf den Tisch, übertreffen sich gar selbst in berauschenden Momenten wie ‚Heavy Is As Heavy Does‚, einer sich schwindelig spielenden Pianoballade mit Knalleffeken oder der dramatisch Perle ‚Don’t Mess with Latexas‘.

Menomena chauffieren so zehn Songs, die sich bis zum gemächlich samt Überlänge von knapp zehn Minuten aus dem Rahmen fallende ‚One Horse‚ alle in einmal mehr, einmal weniger deutlicher weise als potentielle Lieblingssongs ohne allzu stringenten roten Faden anbieten. Dennoch fehlt es diesmal doch an den ansonsten immer vorhandenen, herausragenden Übersongs im ausfallfreien, aber auch dezent spannungsarmen Albumkontext, Ausbrüche nach ganz oben bleiben hier aus. Und irgendwo muss sich auch ‚Moms‚ deswegen doch den selben Vorwurf gefallen lassen, den man auch den zahlreichen anderen Konkursmassebands – von beispielsweise den The Libertines-Nachfolgern (Babyshambles & Dirts Pretty Things) über die The Blood Brothers Nachwehen (Jaguar Love & Past Lives) bis zu den Oasis-Erbverwaltern (Noel Gallaghers High Flying Birds & Beady Eye) – bei deren ersten Alben nach den Split vor den Bug knallen konnte: toll ist das alles zweifelllos, nur wäre die Schnittemenge beider Alben (hier eben ‚Moms‚ sowie Ramona Fall diesjähriges ‚Prophet‚) wohl noch ein wenig besser gewesen.

Dass sich Menomena in Abwehrhaltung ein schützendes Konzept gestülpt hat, will man kaum glauben, denn wer zu genau sucht, wird auf ‚Moms‚ unzählige Bezüge auf die Trennung von Knopf interpretieren können. „You are turning from a memory to a legacy“ heißt es da, von „You’re in my bones and teeth“ bis zu „I don’t wanna be just anyone“ scheint die Vergangenheitsbewältigung so zweideutig, dass man Harris und Seim nicht hundertprozentig abkaufen will, dass die grundverschiedenen Beziehungen der beiden Musiker zu ihren Müttern dem bisher am „friedvollsten“ entstanden Menomena-Album seinen Titel gespendet hat. Ist aber letztendlich vollkommen egal: denn im Grunde geht es auf ‚Momes‚ einzig und allein darum weiterzumachen, zu zeigen, dass Menomena auch als Rumpftruppe keine Schockstarre kennen und als Band weiterhin hungrig sind. Das bisher schicksalträchtigste Werk der Kombo ausgerechnet als unbeschwertestes Menomena-Album genießen zu könne, ist dann auch einer der schönsten Nebeneffekte auf der vielleicht unerwartetst konstant stark bleibenden Kurs-Beibehaltungen des Jahres.

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  • Pfarmers - Gunnera - HeavyPop.at - […] Animal Collective-Pop und zeigt auf die ungenutzten Freiheiten des dezent ernüchternden ‘Moms‘, malt eine luzide Psychedelikexpedition mit angedeuteter majestätischer…

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